Merz lässt Macron abblitzen: Eine Szene in München entlarvt Europas Krise

Es ist womöglich die symbolträchtigste Szene der diesjährigen Sicherheitskonferenz in München: Als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Samstag zu einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem britischen Premier Keir Starmer und Bundeskanzler Friedrich Merz dazustößt, versucht Macron mehrfach, Merz zu begrüßen. Doch der Kanzler reagiert nicht, er scheint ihn zu ignorieren.Ob bewusst oder unbewusst: Das lässt sich nicht sagen. Dass das Video viral ging, überrascht jedoch kaum. Die Szene wirkt wie eine Momentaufnahme dessen, was viele hinter vorgehaltener Hand sagen: Die deutsch-französische Beziehung, der oft beschworene „Motor Europas“, steckt derzeit in einer tiefen Krise.

Tiefe Risse innerhalb Europas

Nach drei Konferenztagen zeigt sich damit ein anderes Bild als erwartet. Nicht der Graben zwischen den USA und Europa ist das Resultat von München, sondern die sich innerhalb Europas vertiefenden Risse. Vereinfacht gesagt stehen sich zwei Linien gegenüber: eine deutsche, die eng an die USA gebunden bleiben will, und eine französische, die strategische Unabhängigkeit anstrebt.

🇩🇪 🇬🇧 / 🇫🇷 : Intense moment de solitude de #Macron face à Merz et Starmer lors de la conférence sur la sécurité à Munich. #MSC pic.twitter.com/iKRtE11TZl— Infos Minutes (@InfosMinutesFR) February 14, 2026

🇩🇪 🇬🇧 / 🇫🇷 : Intense moment de solitude de #Macron face à Merz et Starmer lors de la conférence sur la sécurité à Munich. #MSC pic.twitter.com/iKRtE11TZl

Als Merz am Freitag die Konferenz eröffnete, sprach er davon, Europa stärken und mehr Verantwortung übernehmen zu wollen. Manche Beobachter werteten dies als Signal für mehr Eigenständigkeit gegenüber Washington. Doch die Rede blieb vage. Konkrete Ankündigungen fehlten, vieles blieb auf der Ebene allgemeiner Formeln.

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Wie Berlin tatsächlich tickt, zeigte sich einen Tag später in den Reaktionen deutscher Spitzenpolitiker auf die Rede des US-Außenministers Marco Rubio. Rubio trat deutlich milder auf als sein Vorgänger JD Vance im vergangenen Jahr – im Ton versöhnlich, in der Sache jedoch klar. Ein Beobachter beschreibt das Vorgehen so: Es sei „die Trump-Methode: Man kommt mit einem großen Hammer, schlägt sehr hart zu, kehrt einige Zeit später zurück und verteilt etwas Balsam, sagt aber inhaltlich exakt dasselbe.“ So sei es beim Thema Grönland gewesen, und so nun auch in München. Vance habe die Europäer scharf angegangen – wegen Migration, wegen angeblicher Hindernisse für populistische Parteien. In diesem Jahr sei der Ton deutlich weicher, auch um die Schäden in der transatlantischen Beziehung zu reparieren.

Rubio habe angeboten, „die Zukunft gemeinsam zu schreiben“ und die transatlantische Partnerschaft zu erneuern. Doch inhaltlich fordere er von Europa weiterhin dasselbe: Aufrüstung, um die eigene Verteidigung stärker selbst zu tragen, sowie eine Annäherung an die Politik von Donald Trump in Fragen der Grenzpolitik, der Migrationsbekämpfung und der Klimapolitik.

Als Rubio die historischen Verbindungen zwischen Europa und den USA würdigte und den europäischen Einfluss auf die amerikanische Kultur aufzählte, nannte er französische Forscher, spanische Siedler und italienische Entdecker. Über Deutschland sprach er ironisch: deutsches Bier habe die amerikanische Kultur bereichert. An anderer Stelle sagte er mit Blick auf die deutsche Geschichte: Man wolle nicht, „dass unsere Verbündeten von Schuld und Scham gefesselt sind“.

Standing Ovations für Marco Rubio

Dennoch erhielt Rubio viel Beifall aus den Reihen deutscher Politiker. Außenminister Johann Wadephul, Verteidigungsminister Boris Pistorius und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder saßen in der ersten Reihe des Festsaals im Bayerischen Hof und waren die Ersten, die sich am Ende von Rubios Rede zu Standing Ovations erhoben.

Wadephul bezeichnete den Auftritt seines amerikanischen Amtskollegen anschließend als „positiv“. Dieser unterstreiche „unsere gemeinsame Grundlage zwischen den USA und Europa“. Rubio habe deutlich gemacht, dass es kulturelle Bindungen gebe, eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames demokratisches Fundament. Das sei sehr wichtig gewesen. Dieses Angebot zur Zusammenarbeit solle Europa annehmen. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen äußerte sich erleichtert über die Rede von Rubio.

Anders klang es bei Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot. Auf die Frage, ob ihn Rubios Rede auch beruhigt habe, antwortete er bei einer Pressekonferenz am Rande der Sicherheitskonferenz in München ironisch: „Glauben Sie, ich hätte eine Beruhigung gebraucht?”

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Gleichzeitig mehren sich Zweifel am französischen Kurs. Frankreich sei womöglich nicht stark genug, um sich im innereuropäischen Machtgefüge durchzusetzen, sagt eine Diplomatin im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Und: „Macron redet viel über strategische Autonomie Europas, doch steckt dahinter mehr als Rhetorik?“

Auch das ist, wie in München zu hören ist, ein zentraler Kritikpunkt aus Berlin: viel Pathos, wenig Substanz. Merz werfe Macron vor, große Ankündigungen zu machen, aber zu wenig zu liefern – insbesondere in der Ukrainefrage. Dort verspreche Paris regelmäßig Unterstützung, bleibe jedoch – vor allem im Vergleich zu Deutschland – mit konkreter Hilfe hinter den Erwartungen zurück.

Hinzu kommen politische Unsicherheiten. Merz sieht Macron als einen Präsidenten am Ende seiner Amtszeit, dessen innenpolitischer Spielraum begrenzt ist. Auch Barrots erneute Ankündigung, direkt mit Wladimir Putin sprechen zu wollen, wies Merz zurück. In Berlin wächst zudem die Sorge, wer 2027 in Frankreich ins Präsidentenamt einziehen könnte. „Das größte Problem der Deutschen mit Frankreich ist, dass sie den Franzosen nicht mehr trauen“, sagt ein Diplomat. Als Gründe nennt er das politische Chaos und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes.

Ein „Weiter so“ wird immer schwieriger

Nach drei Tagen in München wirkt Europa orientierungslos. Frankreich erscheint wie eine Lame Duck und Deutschland hat keinen klaren Plan. Ein „Weiter so“ wird jedoch zunehmend schwieriger. Denn in den vergangenen Jahren haben sich die Europäer ins Abseits manövriert. Das deutlichste Beispiel hierfür ist der Krieg in der Ukraine: Obwohl der Konflikt auf ihrem Kontinent stattfindet, sind die Europäer von zentralen Verhandlungen bislang ausgeschlossen.

Zugleich schwindet in der Bevölkerung die Unterstützung für den bisherigen Kurs, der faktisch auf immer weitere Aufrüstung hinausläuft. Am Samstag demonstrierten mehrere tausend Menschen am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz gegen diese Politik.

Sevim Dagdelen, außenpolitische Expertin und Mitglied im Bundesvorstand des BSW, nahm als Rednerin an dem Protest teil. Die Botschaft von München sei klar, sagt sie der Berliner Zeitung: Innerhalb der Nato wolle man sich neu formieren, um einen offenen Imperialismus des Westens voranzutreiben – mit Europa als „willigem Komplizen“. Rubios Rede habe daran keinen Zweifel gelassen. Er habe die westlichen Kolonialmächte für die „Besiedlung neuer Kontinente“ und den Aufbau weltumspannender Reiche gewürdigt, die Dekolonisierung des Globalen Südens als „finstere kommunistische Verschwörung“ gebrandmarkt und Europa sowie Nordamerika aufgefordert, das „Zeitalter der westlichen Vorherrschaft“ wiederherzustellen.

Sevim Dagdelen fordert Austritt aus der Nato

Die europäischen Staats- und Regierungschefs hätten darauf mit stehenden Ovationen und Jubel reagiert. Auch wenn es in Europa Vorbehalte gegenüber dem von Trump geprägten Kulturkampf gebe, sei das Signal eindeutig: „Man beabsichtigt, die USA in ihren Kriegen und in ihrem Streben nach globaler Hegemonie vorbehaltlos und mit zusätzlichen Ressourcen zu unterstützen“, sagt Dagdelen. München markiere damit eine weitere Verschärfung der weltpolitischen Konfrontation. Ziel der westlichen Elite sei es, „den eigenen Machtanspruch gegenüber dem Rest der Welt auszubauen – bis hin zu einer Rekolonisierung des Globalen Südens“.

Für Europa bedeute das wachsende Belastungen für Wirtschaft und Sozialstaat durch Stellvertreterkriege, Wirtschaftskonflikte und massive Aufrüstung. Dagdelens Fazit: „Die aus dieser Perspektive einzig konsequente und vernünftige Antwort darauf kann nur lauten: Austritt aus der Nato.“


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