Böhse Onkelz im Exklusiv-Interview: „Wir haben unsere eigene Geschichte und stehen dazu“ |
Die Böhsen Onkelz sind eine der erfolgreichsten und bekanntesten deutschen Bands. Seit 45 Jahren stehen der Bassist und Songtexter Stephan Weidner, 62, der Gitarrist Matthias „Gonzo“ Röhr, 63, der Sänger Kevin Russell, 61, und der Schlagzeuger Peter „Pe“ Schorowsky, 61, auf der Bühne. Gegründet wurden die Onkelz als Punkband, es folgte Anfang der 80er ein kurzer Ausflug in die aus England stammende und ursprünglich unpolitische Skinhead-Szene. Mitte der 1990er erreichten die Böhsen Onkelz dann mehrere Top-10-Platzierungen in den deutschen Album-Charts. Sechsmal führten sie die Charts bislang auf Platz 1 an. Mit mehr als 10 Millionen verkauften Tonträgern zählt die ursprünglich aus Frankfurt am Main stammende Band zu den Musikern mit den meisten Tonträgerverkäufen Deutschlands.
Gonzo, Stephan, in wenigen Minuten spielen die Onkelz vor knapp 20.000 Menschen, das sind zwei Kleinstädte. Nach 45 Jahren auf der Bühne: Gewöhnt man sich daran oder ist es doch immer wieder aufs Neue aufregend?
Gonzo: Man gewöhnt sich in dem Sinne daran, dass dieses Bühnengefühl eine Art Sucht wird und man nicht mehr darauf verzichten will, auf diesen Austausch mit den Leuten, die wegen uns da sind. Aber trotz dieser Art von Gewöhnung ist das absolut keine Routine. Jede Show ist anders, man ist jeden Abend anders drauf, das Publikum reagiert jeden Abend anders. Es ist ein Spiel, das einen immer wieder mitreißt.
Ihr macht ja so gut wie keine Werbung. Trotzdem sind eure Konzerte oft innerhalb weniger Stunden restlos ausverkauft. Wie erklärt ihr euch das?
Stephan: Da gibt es einfach eine Verbindung zu den Fans, die so tief ist, dass man das ganze Drumherum eigentlich nicht braucht. Das ist ein Mikrokosmos auf eine Art, der alleine funktioniert. Über die Jahre ist dieser Mikrokosmos natürlich ordentlich gewachsen.
Gonzo: Das ist etwas, was wir uns erarbeitet haben über die ganzen Jahre. Und zwar durch unsere Texte, unsere Musik, unsere Ehrlichkeit und dadurch, dass wir nie Kompromisse in irgendeiner Form eingegangen sind. Wir hatten es nicht nötig, uns an irgendjemanden anzubiedern. Wir hatten es nicht nötig, uns an den Mainstream oder an die Menschen im Fernsehen anzubiedern. Wir haben unsere Meinung gesagt. Dafür sind wir geschnitten worden, dafür wurden wir ausgegrenzt. Unsere Ehrlichkeit ist ein wichtiger Punkt bei unseren Fans, den wir uns über die ganzen Jahrzehnte erarbeitet haben. Deswegen funktioniert das ganze Ding. Wenn die Onkelz sagen, sie kommen, sagen die Fans, wir kommen auch.
War es wirklich immer schön, ein Onkel zu sein?
Gonzo: Also von unserer Seite aus ja.
Stephan: Grundsätzlich ja. Aber es war natürlich nicht immer ganz leicht und hatte Höhen und Tiefen, das ist vollkommen klar. Ob es nun Kevins Zustände oder auch die Anfeindungen von außen gewesen sind. Aber am Ende haben diese ganzen Dinge nur dazu geführt, dass dieses Band um die Band enger wurde. Für mich persönlich sind Probleme dafür da, bewältigt zu werden. Wenn man einen langen Atem und die Stärke hat, da durchzugehen, dann geht man aus schwierigen Situationen gefestigt und stärker hervor.
Ihr habt wirklich nie ernsthaft an euch selbst gezweifelt, trotz der ganzen teils scharfen Kritik, die euch entgegengebracht wurde?
Stephan: Ich glaube, da hat die Presse möglicherweise den Eindruck, dass sie ein bisschen mehr Einfluss auf uns hat, als sie jemals hatte. Also wenn wir dieses Schulterklopfen von außen bräuchten, dann hätte es die Band gar nicht lange gegeben. Aber das war uns eigentlich schon immer egal. Das ist eine Haltung, die wir schon immer hatten. Es war uns immer egal, was andere von uns denken. Wir haben uns auch privat immer wieder in Situationen begeben, die grenzwertig waren. Aber das war uns auch egal.
Gut, wenn über uns gelogen wurde, haben wir natürlich versucht, bestimmte Dinge geradezurücken. Ich meine, wenn man über sich liest, dass man verantwortlich ist für so schlimme Dinge wie in Rostock und Mölln und ständig mit solchen Sachen in Verbindung gebracht wird, dann macht das natürlich keinen Spaß. Aber irgendwann ignoriert man es einfach auch. Es wollte ja keiner von der Presse wirklich mit uns reden. Und dann sagt man halt: Gut, warum sollen wir dann mit euch reden? Also war uns die Presse irgendwann auch völlig egal. Was glaubst du wohl, warum es so extrem wenige Interviews von uns in den letzten Jahrzehnten gab?
Gonzo: Wenn du jahrelang für alles Schlechte verantwortlich gemacht wirst, was in einem Land passiert, dann kommt irgendwann der Punkt, an dem du sagst: Okay, dann macht halt. Ist mir scheißegal. Unsere Fans draußen wissen, wie wir sind. Wir wissen, wer wir sind, und wenn ihr uns als Grund nehmen wollt oder müsst, weil irgendwer irgendwelche Sachen in diesem Land verbockt hat, ja gut, dann soll es halt so sein. Noch eine Sache zu dem, was Stephan vorher gesagt hat, zu dieser „Das ist uns scheißegal“-Haltung: Die Onkelz sind als Punkband entstanden. Und das war damals der Spirit, und den haben wir uns die ganze Zeit über erhalten.
In dem Song „Ohne mich“ aus dem Jahr 1998 singt ihr: „Und hier ein paar Worte an die rechte Adresse/ Leckt uns am Arsch, sonst gibt’s auf die........© Berliner Zeitung