Trotz heftiger Kritik: Magnetschwebebahn bleibt Option für Berlin |
Der Ball liegt wieder bei Ute Bonde. Anders als erwartet hat die Frage, ob im Westen von Berlin eine Magnetschwebebahn gebaut werden könnte, während der jüngsten Sitzung der Senatskommission Wohnungsbau keine Rolle gespielt. Das sagte Bausenator Christian Gaebler (SPD) am Dienstag. Doch abmoderiert sei es damit nicht, erklärte Petra Nelken, Sprecherin von Verkehrssenatorin Bonde (CDU). Unterdessen wird weiter diskutiert, ob eine Magnetschwebebahn in Berlin sinnvoll wäre.
Die Verkehrsanbindung der neuen großen Wohnviertel, die im Spandauer Ortsteil Gartenfeld entstehen, ist laut Gaebler anderweitig gesichert. Ab 2028 soll eine weitere Brücke auf die gleichnamige Insel führen, berichtete der Senator. 2029 fährt die S-Bahn nach 49 Jahren Pause wieder nach Gartenfeld – so verspricht es die Deutsche Bahn.
Von einer Magnetschwebebahn, wie Spitzen der Verkehrsverwaltung sie wieder ins Spiel zu bringen versuchen, war nur am Rande die Rede. „Aber abgelehnt wurde sie nicht“, fasste Petra Nelken zusammen. Wenn geprüft wird, mit welchem Verkehrsmittel neue Verbindungen im Berliner Westraum abgedeckt werden könnten, bleibe neben Straßenbahn und Bus die Magnetschwebebahn im Gespräch. Sie sei für die bald beginnenden Untersuchungen weiterhin eine Option.
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Weder Straßenbahn noch Bus für die neue Verbindung
Seit Monaten hatte man von dem Thema nichts mehr gehört. Jetzt kam es wieder an die Oberfläche. Zunächst sprach sich Spandaus Baustadtrat Thorsten Schatz dafür aus, dass eine Magnetschwebebahn seinen Bezirk mit der Urban Tech Republic (UTR) auf dem früheren Flughafen Tegel verbinden sollte. Er hält eine aufgeständerte Trasse für eine bessere Lösung als die zuletzt geplante Straßenbahnstrecke. Denn dafür müssten Autostellplätze wegfallen. Aus demselben Grund kommt auch das bereits 2019 geplante Buskonzept für den Westraum nicht in Gang.
Danach wurde bekannt, dass die Senatsverkehrsverwaltung bereits Vorbereitungen getroffen hat. Neben Senatorin Bonde setzt sich auch Staatssekretär Arne Herz (ebenfalls CDU) für eine Magnetschwebebahn ein. Ziel ist, dass Bonde das Projekt in den Senat einbringt, damit weitere Planungsschritte in Auftrag gegeben werden können.
Als erste Ausbaustufe soll zunächst ein Abschnitt zwischen der UTR und dem Bereich östlich des Havelufers „planerisch vertieft werden“, hieß es in einer Vorlage für die Senatskommission. Damit liegt nach vielen vagen Vorschlägen nun erstmals eine konkrete Idee auf dem Tisch, wo in Berlin die erste Strecke mit dieser Technologie entstehen könnte.
„Nach langer und irrungsvoller Suche glaubt CDU-Verkehrssenatorin Ute Bonde für ihr Lieblingsverkehrsmittel nach dem Auto endlich einen Einsatzort gefunden zu haben“, kommentiert der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Mit diesen „Illusionen“ begeben sich Spandauer Straßenbahngegner auf eine neue Eskalationsstufe der Blockadepolitik – mit freundlicher Unterstützung der Landesebene.
Jahrelange Planungsvorleistungen für die Tram sollen in die Mülltonne befördert werden, so die Kritik. Dabei soll die Neubaustrecke etwa zur Hälfte abseits von Straßen geführt werden. In großen Teilen des Verlaufs im Straßenraum wäre ein eigener Bahnkörper möglich.
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Auch Pläne für urbane Seilbahnen scheiterten
„Bei den Magnetschwebebahn-Träumereien wird ignoriert, dass die Einfügung einer Stelzenbahn in den Stadtraum ebenfalls auf erhebliche Widerstände stoßen dürfte“, ruft der BUND in Erinnerung. Es wäre juristisch keineswegs einfacher, Privatgrundstücke zu überbrücken, als sie ebenerdig in Anspruch zu nehmen. Daran scheiterten bereits Pläne für urbane Seilbahnen in Deutschland. Es dürfte auch auf wenig Begeisterung stoßen, wenn die Bahnen den direkten Blick in Wohnungen entlang der Trasse ermöglichen.
Weil mit dem Bauunternehmen Max Bögl in Europa derzeit nur ein Hersteller zur Verfügung steht, würde sich Berlin in eine gefährliche Abhängigkeit begeben, warnt der Verband. Er erinnert an andere Exoten: „Translohr, Philéas und GLT sind mit viel Vorschusslorbeeren gestartete sogenannte innovative Systeme, die durch die Nutzung von Gummireifen und einer Spurführung im Kern die Nachteile von Bus und Straßenbahn kombinierten.“ Doch im Betrieb gab es Probleme. Hersteller gingen pleite, staatliche Investitionen wurden wertlos.
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„Gift für die Attraktivität des Nahverkehrs“
Bei Straßenbahnen könne das in dieser Form nicht passieren. Es gibt eine Fülle von Herstellern und keine Patenthürden, erklärt der BUND. Eine Tram erschließe die Stadt besser. Mit einer Magnetschwebebahn „würde ein isoliertes System entstehen, das möglicherweise nie über einen Pendelbetrieb zwischen dem Ex-Flughafen Tegel und dem S-Bahnhof Gartenfeld hinauskäme. Unnötige Umsteigezwänge sind jedoch Gift für die Attraktivität des Nahverkehrs und drücken Fahrgastzahlen“, so Katharina Wolf, Verkehrsexpertin des BUND.
In Branchenkreisen sieht man die Kritik des BUND skeptisch. „Dass öffentliche Verkehrsträger auf Stützen durch Städte geführt werden, ist alles andere als neu“, hieß es. Das zeigen die Hochbahnen in Berlin und Hamburg. „Eine aufgeständert geführte Magnetbahnstrecke vermeidet Gefahrensituationen und erhöht damit die Verkehrssicherheit. Während ebenerdig geführte Schienensysteme den Stadtraum durchschneiden, steht der Raum unterhalb einer Trasse weiterhin für Radverkehr, Fußgängerwege oder andere Nutzungsmöglichkeiten zur Verfügung.“
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Auch Hamburg denkt über eine Magnetschwebebahn nach
Wenn sich das Land für eine Magnetschwebebahn entscheidet, begibt es sich nicht in eine Abhängigkeit, heißt es weiter. „Das Gesamtsystem der Magnetschwebebahn besteht aus standardisierten Bahnkomponenten, die unabhängig von Max Bögl auf dem Zuliefermarkt beschafft werden können. Dadurch entsteht dem kommunalen Aufgabenträger gegenüber konventionellen Rad-Schiene-Systemen kein Nachteil.“
Das Transport System Bögl, das auf einer Teststrecke bei Neumarkt (Oberpfalz) bereits unterwegs ist, sei ein „vollständig ausgereiftes und erprobtes Verkehrsmittel“. Machbarkeitsstudien für die Strecke Herrenberg–Nagold in Baden-Württemberg und für Nürnberg zeigen, dass die Betriebskosten für die Magnetschwebebahn aufgrund des geringeren Verschleißes und Personalbedarfs deutlich geringer ausfallen als bei der Straßenbahn, lautet ein weiteres Argument.
„Die Magnetschwebebahn ist baulich schnell umsetzbar und im Betrieb günstiger und sicherer als die Straßenbahn. Sie ist energieeffizient und genehmigungsfähig“, so die Bilanz. „Auch in Hamburg wird derzeit eine Machbarkeitsstudie für eine Magnetschwebebahnstrecke erstellt.“ Warum nicht auch in Berlin?