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Wie Corona das Geschäft mit dem Tod verändert

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19.09.2021

Berlin - Ingeborg hält die Augen halb geschlossen, ihr Mund steht leicht offen, während ihr René Menzel Shampoo in die Haare massiert. Es sieht aus, als würde sie die Behandlung genießen. Aber Ingeborg ist seit fünf Tagen tot und liegt auf einem Metalltisch in einem weiß gefliesten Raum. Sie heißt auch nicht Ingeborg, aus Rücksicht gegenüber ihren Angehörigen möchten wir ihren richtigen Namen nicht nennen. Menzel, ein hochgewachsener Mann in Anzug, wirkt ruhig. „Halt mal still“, sagt er sanft, als Ingeborgs Kopf zur Seite rollt. Er spült den Schaum aus, kämmt die schulterlangen grau-roten Haare und fängt an, sie zu föhnen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo. Jetzt auch das neue Probe-Abo testen – 4 Wochen gratis

Am 18./19. August 2021 im Blatt:
Rot-Grün-Rot hat laut Umfragen eine Mehrheit im Bundestag von 52 Prozent. Ist das ein linkes Schreckgespenst oder Rettung aus der Not?

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Wir haben Mitleid mit Carsten Maschmeyer, dem Drückerkönig und Zentrum der Maschsee-Connection. Denn er gibt tiefe Einblicke in sein Seelenleben.

Kolumne „Berlin Brutal“: Bye-bye, urbanes Paradies: Warum die Oderberger Straße eine Zumutung ist

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Man liest ja oft, dass der Tod einen speziellen Geruch habe. Im Kühlraum, in dem Menzel eben noch die Verstorbene aus den Leichentüchern hob, riecht es ... - nach was eigentlich? „Willst du nicht wissen“, sagt Menzel und verrät es dann doch: „Fäkalien, Urin und Blut.“ Für Menzel ist der Geruch des Todes eher das, was bleibt, wenn er all diese Beiprodukte des Sterbens von den Körpern gewaschen hat: ein wenig Desinfektionsmittel, etwas Udo-Walz-Conditioner (war im Angebot) und die warme Föhnluft, die an Friseursalon erinnert.

Menzel ist Thanatopraktiker beim größten Berliner Bestattungsunternehmen Grieneisen. Er gibt Verstorbenen ihr altes Aussehen zurück und ein Stückweit ihre Würde, bevor die Angehörigen sie ein letztes Mal sehen. Er massiert Hämatome aus kalten Ohren, tupft pinkes Make-up auf Wangen und Nasen. Und manchmal, wenn etwas Schlimmes passiert, wie damals, als eine U-Bahn einem jungen Mann das Gesicht zerfetzte, dann steht Menzel zehn Stunden lang am Metalltisch und formt mit Modelliermasse die Gesichtszüge nach. „Das hier ist mein Spielparadies“, scherzt der 50-jährige West-Berliner.

Seit Anfang der Corona-Krise hat Menzel Hunderte Verstorbene aus den Kühlräumen der Krankenhäuser geholt, die er sonst nie zu Gesicht bekommen würde. Corona-Tote bleiben in verschlossenen Leichensäcken. Sie werden nicht gewaschen und neu bekleidet. Und noch viel einschneidender: Ihre Angehörigen dürfen sie nicht noch einmal sehen, um sich von ihnen zu verabschieden. Wie verändert Corona die Art, auf die Berlinerinnen und Berliner mit dem Tod umgehen, auf die sie trauern? Und welchen Einfluss hat das Virus auf das Geschäft mit dem Tod?

Im Jahr 1830 entstand in Berlin die Sargtischlerei Grieneisen, die immer weiter wuchs. Heute, knapp 200 Jahre später, gibt es Grieneisen-Filialen im ganzen Land. Allein in Berlin arbeiten rund 120 Mitarbeitende bei Grieneisen, vergangenes Jahr bestatteten sie 2800 Verstorbene. 2019 machte das Unternehmen rund 74 Millionen Euro Umsatz.

In........

© Berliner Zeitung


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