Von O bis O: Andrej Ilic lässt die Fans des 1. FC Union Berlin ein Jahr warten
Die goldene Von-O-bis-O-Regel kennt jeder deutsche Autofahrer. Zweimal im Jahr sollte man im Idealfall die Reifen wechseln, einmal an Ostern, wenn es draußen langsam wärmer wird und kein Schneefall mehr zu erwarten ist, einmal im Oktober, wenn die Temperaturen sinken, die Straßen auch schon weit vor dem Weihnachtsfest durchaus glatt sein können.
Ob Andrej Ilic sich im vergangenen Jahr an diese Regel, die hier und da auch mal als Mythos abgetan wird, gehalten hat? Unbekannt und an dieser Stelle maximal nebensächlich. Der Stürmer des 1. FC Union Berlin hatte seinerzeit Wichtigeres zu erledigen, als er seine Mannschaft beim spektakulären 4:4 gegen den VfB Stuttgart mit einem Doppelpack zum vorzeitigen Klassenerhalt führte.
Bei damals nur noch vier ausstehenden Spielen und 13 Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz war der Mannschaft von Trainer Steffen Baumgart der Ligaverbleib am Karsamstag nicht mehr zu nehmen. Überhaupt war Ilic in diesen Wochen permanent auf der Überholspur unterwegs. Sieben Tore waren ihm in der Rückrunde gelungen, nachdem er von Baumgarts Vorgänger Bo Svensson in aller Regelmäßigkeit nicht einmal für den Spieltagskader nominiert worden war.
Die Stimmen zum Union-Spiel: „Trainer und Team haben immer an mich geglaubt“
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Ilic wird damals nicht im Traum daran gedacht haben, dass seine beiden Treffer gegen den späteren Pokalsieger für fast ein Jahr seine letzten im Stadion An der Alten Försterei bleiben würden. Immer wieder war der Serbe mal vom Pech, mal vom eigenen Unvermögen verfolgt. Beim torlosen Remis im September vergangenen Jahres gegen den Hamburger SV hätte er zum Matchwinner werden können, scheiterte mit seinem Strafstoß aber an Gästetorhüter Daniel Heuer Fernandes.
Ein paar Wochen später ließ er sich von den Fans schon lautstark feiern, da hatte er in der Partie gegen den SC Freiburg gerade den vermeintlichen Führungstreffer erzielt. Am Ende schritt der Videoschiedsrichter ein, weil in der Entstehung eine Abseitsstellung vorlag. Die Trilogie dieser Tragödie komplettierte eine Szene zu Beginn dieses Jahres, als Ilic den Ball bei der Begegnung mit dem FSV Mainz 05 und Ex-Trainer Urs Fischer aus Nahdistanz über das leere Tor schoss.
„Endlich!“, platzte es nun am Ostersonntag aus Ilic heraus. „Endlich konnte ich hier vor unseren Fans mal wieder ein Tor erzielen.“ Beim 1:1 (0:1) gegen den FC St. Pauli hatte sich Ilic kurz nach Wiederbeginn bei einem Eckball in Position gebracht. Derrick Köhn flankte präzise nach innen, Ilic stand kerzengerade in der Luft und wuchtete die Kugel unhaltbar in die lange Ecke. Die Erlösung nach 351 Tagen, nach unzähligen Anläufen, nach viel Kritik, aber auch viel Unterstützung. „Ich bin sehr glücklich, dass der Trainer und auch das Team immer an mich geglaubt haben“, freute sich der 26-Jährige.
Union konnte mit dem einen Punkt gut leben
In einer insgesamt durchwachsenen Spielzeit für den Verein hatte Ilic bislang eher als Vorbereiter geglänzt. Acht Tore hatte er seinen Mitspielern aufgelegt, beispielsweise den Siegtreffer von Rani Khedira im Hinspiel am Hamburger Millerntor. Dass das eine Union-Tor diesmal nicht zu drei Punkten reichte, lag daran, dass Mathias Pereira Lage den FC St. Pauli Mitte der ersten Halbzeit mit einem Kracher aus der Distanz in Führung gebracht hatte.
Ein Treffer der Marke Traumtor, gegen den Frederik Rönnow machtlos war. Der Schlussmann hatte angesichts der ansonsten äußerst harmlosen Offensive der Gäste kaum etwas zu tun, konnte stattdessen ziemlich entspannt dabei zusehen, wie sich seine Mitspieler in der Schlussphase noch um ein weiteres Tor bemühten.
Ilic war nicht selten mittendrin im Geschehen, die größte Chance vergab allerdings András Schäfer, dem frei vor Pauli-Torhüter Nikola Vasilj im Abschluss die Nerven versagten (67.). Selbstkritisch merkte der Ungar hinterher an, dass er diese Chance zwingend hätte verwerten müssen. Auch alle weiteren Versuche fanden bis zum Schlusspfiff nicht ihren Weg ins Ziel, Union musste sich mit einem Punkt begnügen, konnte damit aber gut leben. Es falle ihm schwer, nicht zufrieden zu sein, sagte etwa Baumgart.
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Bei optimalem Verlauf, zwei Siegen in Heidenheim (Sonnabend, 15.30 Uhr) und gegen den VfL Wolfsburg (18. April, 15.30 Uhr), dazu Punktverlusten der Konkurrenz, könnte der 1. FC Union Berlin den Klassenerhalt auch in dieser Saison schon am 30. Spieltag vor eigenem Publikum realisieren. Womöglich legt Andrej Ilic im Heimspiel gegen die abstiegsbedrohten Niedersachsen gleich den nächsten Treffer nach. Die O-bis-O-Regel, die er unfreiwillig von sechs Monaten auf ein ganzes Jahr verdoppelt hat, soll nicht zur Gewohnheit werden. Bis zum nächsten Osterfest wollen die Anhänger nicht warten.
