Luisa Neubauer hat sich für die Kampagne zum Klima-Volksentscheid eingesetzt und wirbt bis zuletzt um jede Stimme. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erklärt die Aktivistin von Fridays for Future, warum Berlin mit dem neuen Gesetz zum Vorbild für die Welt werden könnte, wer ihrer Meinung nach die Kosten für den schnellen Umbau der Stadt übernehmen soll, und warum eine Wärmepumpe nach ihrer Rechnung günstiger ist als eine Gasheizung.

Neubauer kommt für das Interview in ein Café in Berlin-Mitte, in dem sie häufiger zu Gast ist. Sie bittet an der Bar darum, die Musik für die Dauer des Gesprächs leiser zu stellen, damit es mitgeschnitten werden kann. Sie kann aber nicht verhindern, dass in der Küche immer wieder laut Schnitzel geklopft werden.

•gestern

Frau Neubauer, was ändert es am Weltklima, wenn Berlin klimaneutral wird?

Das Weltklima braucht Städte und Länder und Institutionen in allen Größen, die eine Verpflichtung eingehen. Wenn nur einer was macht, geht’s nicht. Wenn niemand was macht, haben wir komplett verloren. Wenn Leute loslegen und sich andere anstecken lassen, dann ist alles möglich.

Es wird oft behauptet, Maßnahmen in Deutschland könnten den Klimawandel beeinflussen, weil unser Beispiel andere zum Handeln bringt. Das ist nur eine Theorie, oder?

So funktioniert doch sozialer Wandel! Es gibt schon über 100 Städte weltweit, die sagen, sie wollen bis 2030 klimaneutral werden. Und jede Stadt, die es macht, ist ein Grund mehr für andere Städte, klimaneutral zu werden. Man merkt, es ist kein radikales Projekt, sondern ein vernünftiger Trend. Man schließt sich denen an, die sagen, wir gestalten Städte so um, dass sie auch morgen noch lebenswert sind.

Der Berliner Senat hat sich dem Trend angeschlossen und will, dass die Stadt bis 2045 klimaneutral wird. Nicht schnell genug, sagen Sie.

Das sage nicht ich, das sagt die Wissenschaft. Der Faktor Zeit ist in der Klimakrise das, worauf es ankommt. Regierungen, die glauben, man könnte die Zeit ausklammern, verstehen das Problem nicht, vor dem wir stehen. Wir arbeiten gegen die Zeit an. Zu sagen, sie machen doch schon, nur nicht schnell genug, heißt: Sie machen nicht, was die Aufgabe ist.

Die Kosten, die auf eine Stadt wie Berlin zukommen, sind so oder so groß

Andere Städte, die bis 2030 klimaneutral werden wollen, haben sich das Ziel nicht verbindlich gesetzt. In London zum Beispiel wird geprüft, was möglich ist, es gibt eine Expertenkommission. In Berlin soll es per Gesetz vorgeschrieben werden.

Die Frage ist, warum sollte Berlin nicht etwas machen, was verlässlicher, planbarer, verbindlicher ist als in anderen Städten? Weil es verlässlicher, planbarer, verbindlicher ist! Es gibt Beispiele von Städten, die das verbindlich planen, wie etwa Kopenhagen. Die großen Umbauten, die hier anstehen, verlangen Planbarkeit: Worin kann ich gut investieren? Das fragen sich Unternehmer:innen in Berlin. Klimaschutz ist keine WG-Party, wo wir sagen, wir gucken, was kommt, keine Regeln, alle mal ein bisschen locker machen. Nein, wir schaffen einen verbindlichen Rahmen, damit Gesellschaft, Wirtschaft und Politik wissen, woran sie sind.

gestern

Berlin wäre mit dem Gesetz eine Ausnahme weltweit.

Berlin würde sich in der globalen Spitzenklasse verorten.

Berlin ist eine arme Stadt. Die Initiatoren sprechen von Kosten in Höhe von etwa 112 Milliarden Euro, die auf die Stadt zukommen, sollte der Entscheid durchkommen. Wer soll das bezahlen?

Hinter der Frage steckt ja die Implikation, dass weniger Klimaschutz weniger kostet. Das stimmt nicht. Das sagen Wirtschaftsinstitute weltweit. Das Teuerste, was man machen kann, ist schlechter oder kein Klimaschutz. Die Kosten, die auf eine Stadt wie Berlin zukommen, sind so oder so groß. Wir haben die Möglichkeit, die Kosten, die auf uns zukommen, in eine bessere Stadt für alle, in Infrastruktur, in Krisenprävention zu stecken. Oder immer mehr in das schwarze Loch namens Klimakrise reinzuwerfen.

Die Kosten für die Bewältigung des Klimawandels kommen in jedem Falle auf Berlin zu, auch wenn die Stadt für viel Geld schneller klimaneutral wird. Wir verhindern ja dadurch die weitere Erwärmung nicht.

Investitionen in Klimaneutralität bedeuten auch, dass die Stadt sich auf Hitzewellen, soziale Verwerfungen, absehbare Energiekrisen vorbereitet. Wenn die Stadt kein Ort ist, der zukunftsfähig ist, wandern Unternehmen ab. Nicht alle Kosten in der Klimakrise sind vermeidbar, aber wir können jetzt dafür sorgen, dass die Kosten durch die Schäden so gering wie möglich werden. Und dass das Geld, das wir investieren, transformativ wirkt.

Ehrlicherweise muss man sich als Hauptstadt da auch an Christian Lindner wenden

Wo sollen die 112 Milliarden Euro konkret herkommen? Die Initiatoren verweisen auf die EU, die hat ein entsprechendes Programm für Städte ausgelobt. Es umfasst in diesem Jahr 360 Millionen Euro – für 100 Städte.

Kai Wegner hat gerade gesagt, er würde fünf Milliarden bereitstellen. Spektakulär! Man merkt, wenn der Druck da ist, geht etwas. Das Geld ist nicht vom Himmel gefallen, sondern eine Konsequenz daraus, dass die Stadt gerade darüber spricht, wie stellen wir uns der Klimakrise. Doch nach aller Erfahrung mit der CDU wissen wir auch: Wenn wir am Sonntag nicht den Volksentscheid gewinnen, stehen die Chancen schlecht, dass die notwendigen Maßnahmen auch wirklich kommen.

Woher soll der Rest kommen?

Ehrlicherweise muss man sich als Hauptstadt da auch an Christian Lindner wenden und sagen: Was ist hier der Plan? Es ist ja kein Partikularinteresse von Berlin, zu sagen, wir halten uns an die Pariser Klimaziele und setzen um, was das Verfassungsgericht sagt. Das sollte auch im Bundesinteresse sein. Der Bund sollte für Berlin Gelder bereitstellen.

•vor 7 Std.

Sollte sich Berlin für das Ziel, früher klimaneutral zu werden, auch verschulden?

Das ist am Ende eine politische Gestaltungsfrage. Auf Bundesebene sagen wir bei Fridays for Future, dass eine Verschuldung im Namen der Generationengerechtigkeit durchaus zu vertreten ist.

Das Geld muss schnell her, es sind ja nur sieben Jahre.

Wir leben ja zum Glück in einer Demokratie, in der man das aushandeln kann. Wo organisieren wir die Gelder her, wo machen wir Druck? Es haben sich nicht ohne Grund mehr als 100 Berliner Unternehmer:innen hinter diesen Volksentscheid gestellt, denn klar ist auch: Städte, die sich in der Klimakrise als Vorreiter in Sachen Anpassung und Transformation erweisen, sind auch Orte, an denen man investieren will. Das wäre vielleicht auch was Erfrischendes für Berlin.

gestern

Selbst die Grünen haben im Senat gesagt, sie halten das Ziel des Volksentscheids für unrealistisch. Privat wollen Grüne wie Bettina Jarasch aber mit Ja abstimmen. Wie finden Sie das?

Stimmt, das ist keine besonders konsistente Herangehensweise. Was in der Klimakrise realistisch ist, wird durch die Bereitschaft von Politik und Gesellschaft zum Handeln bestimmt. Technische Lösungen sind da und die Finanzierung kann organisiert werden, wenn man denn will. Es geht darum, Allianzen zu schmieden und loszulegen. Welchen Weg wir gehen, das handeln wir aus, aber wir stellen nicht mehr das Ziel infrage.

Da kommt eine Obsession mit verdreckten und lauten Städten nach oben

Fast alle Politiker, die in Berlin im Amt sind, sagen: Es ist nicht realistisch, das bis 2030 zu schaffen.

Studien sagen klar: In einer Kooperation mit Brandenburg – in Berlin wird man nicht die Windräder aufstellen können – kann Berlin in unglaublich kurzer Zeit die Energieversorgung auf Erneuerbare umstellen. Ich finde es ein Stück weit unehrlich, wenn sich politische Kräfte hinstellen und das eine oder andere für realistisch oder nicht erklären, wo es doch der Job der Politiker wäre, diesen Möglichkeitsraum zu öffnen. Es ist ihre Arbeit, realistisch zu machen, was notwendig ist, die Mehrheiten zu gewinnen, die Menschen zu begeistern. Man könnte den Schwung, den es durch den Volksentscheid in Berlin gibt, das Interesse am Thema, bestens nutzen.

Was hat die Kampagne zum Volksentscheid bewirkt?

Ich habe so etwas zumindest noch nicht erlebt. Ich kenne es nicht aus anderen Städten, dass sich so viele Menschen zusammentun, aus den unwahrscheinlichsten Ecken.

Zum Beispiel?

Im Stadion bei Hertha wird zum Abstimmen aufgerufen, es schließen sich Ärzt:innen und Pflegekräfte an, die Omas for Future gehen in die Altenheime. Es gab Anzeigen von CDU-Wähler:innen, Haustierbesitzer:innen verteilen beim Gassigehen Sticker.

In Berlin verhandeln SPD und CDU gerade über eine große Koalition. Mobilisiert das zusätzlich Leute für den Volksentscheid?

Natürlich. Es ist für viele offensichtlich, dass wir im Falle einer GroKo nicht den Klimaschutz bekommen werden, den es braucht. Das motiviert Menschen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, jede Stimme zählt nun. Der Volksentscheid zur Enteignung der Wohnungskonzerne wurde politisch verschluckt. Zum Glück ist dieser Volksentscheid anders konzipiert: Es wird über ein Gesetz abgestimmt, das kann nicht so leicht verschluckt werden.

11.03.2023

Es gibt keine echte Gegenkampagne.

Naja. Es gibt viele Medien, die gegen den Volksentscheid Stimmung machen, sowie die Berliner CDU. In der Bild-Zeitung war das einmal mit einem Foto von einer verstopften Autobahn bebildert, das fand ich fast lustig. Da kommt eine Obsession mit verdreckten und lauten Städten nach oben. Echter Klimaschutz soll neuerdings „spießig“ sein, habe ich gelesen.

Die Kampagne hatte ein Budget von 1,2 Millionen Euro, davon stammten 475.000 aus der Spende eines Ehepaars aus New York. Ist es ein Problem für die Kampagne, dass man den Eindruck bekommen könnte, es gibt Einflussnahme aus den USA auf das, was in Berlin passiert?

Ich habe noch niemanden gehört, der das gesagt hat. In New York gibt es eine solche Kampagne gerade nicht, aber in Berlin! Man könnte auch andersherum sagen: In Berlin wird gerade möglicherweise Geschichte geschrieben. Es gibt die einmalige Chance. Das betrifft Menschen weltweit. Städte, Weltstädte, wie Berlin es sein will, senden Zeichen. Berlin könnte vom Problem zur Lösung werden, im besten Fall. Das ist doch großartig.

Wenn Sie am Sonntag gewinnen, worauf müssen sich die Berliner konkret einstellen?

Im besten Fall wird man erstmal politischen Aufwind spüren, Dinge werden nicht mehr von A nach B verlagert, sondern es wird losgelegt. Das Schöne an mehr Klimaschutz in Städten ist, man merkt ihn einfach so schnell. Es wird grüner, es wird leiser, es wird sauberer. Ich bin sicherer auf dem Fahrrad, als Autofahrerin bleibe ich nicht die ganze Zeit im Stau stecken, weil Menschen, die nicht auf ihr Auto angewiesen sind, besser umsteigen können. Es wird eine bessere Taktung beim ÖPNV geben, der Bus wird sicher kommen, weil er nicht mehr im Stau steht. Freiflächen werden nicht immer dichter bebaut, sondern zu grünen Orten, die Kühlungseffekte haben in den heißen Sommern. Es wird aber natürlich auch gebaut werden, da müssen wir nicht drum herumreden, die Wärmepumpen müssen kommen, die Solaranlagen und so weiter. Das kann auch nerven. In dem Augenblick, in dem wir merken, wir haben diesen Zeitdruck, müssen wir Prozesse beschleunigen. Vielleicht würde das ein Grundproblem in Berlin lösen und mal ein bisschen Tempo reinbringen.

23.03.2023

Was machen Sie, wenn die Politik das Gesetz nicht beachtet?

Das Schöne bei Gesetzen ist, dass man sich daran halten muss. Wenn man sich nicht daran hält, kann man verklagt werden. Das wird sicherlich ein großer Prozess werden, der auf uns zukommt. Vorausgesetzt, wir kriegen das am Sonntag gebacken.

Was machen Sie, wenn es am Sonntag nicht klappt?

Dann werden wir ein sehr trauriges Bier trinken, lang beraten und dann sicherlich neue Pläne schmieden.

21.03.2023

Wäre dann der richtige Moment für eine Klima-Partei? Die Letzte Generation soll das ja erwägen.

Dazu habe ich keine Meinung.

In dieser Woche haben Sie die Rücktritte von Verkehrsminister Wissing und von Bundestagsvizepräsident Kubicki gefordert. Sind Politikerrücktritte das neueste Ziel der Klimabewegung?

Nein, das Ziel von Fridays for Future ist echter, gerechter Klimaschutz. Volker Wissing allerdings hat scheinbar nicht vor, sich an das Klimagesetz der Regierung zu halten - oder an Absprachen mit den EU-Partnern. Beides sind tragende Säulen für die Bewältigung der Klimakrise. Das muss Konsequenzen haben, damit das nicht für alle zur Regel wird und wir uns die Chancen auf Fortschritt und Klimaschutz gleich an den Nagel hängen können. Über 150.000 Menschen haben mit der Online-Petition von Fridays for Future in den letzten Tagen ebenfalls seinen Rücktritt gefordert.

Über ihre gesamte Lebenszeit lohnt sich eine Wärmepumpe immer mehr als eine Gasheizung

Zuletzt bekam man das Gefühl, Klimaschutz interessiert die Menschen nur, wenn er ihnen nichts abverlangt. Es gibt in Umfragen Mehrheiten gegen das Verbrennerverbot und gegen Habecks Heizungspläne. Darf Klimaschutz nichts kosten?

Von welchen Kosten sprechen wir?

Wir sprechen zum Beispiel davon, was es kosten würde, statt einer neuen Gasheizung eine Wärmepumpe anzuschaffen. Der Unterschied kann bei 15.000 Euro liegen.

Über ihre gesamte Lebenszeit lohnt sich eine Wärmepumpe immer mehr als eine Gasheizung.

Und trotzdem wendet sich die Stimmung gegen Vorschläge des Wirtschaftsministers.

Aber warum? Weil ein Gesetz anscheinend absichtlich an ein nicht ganz faktentreues Boulevardblatt durchgestochen wurde, ohne dass klar geworden ist, worum es eigentlich geht. Es geht nicht darum, dass nächstes Jahr alle Menschen 10.000 Euro mehr zahlen müssen, die eine Heizung brauchen. Es geht darum, dass, wenn neue Heizungen eingebaut werden, es keine sind, die in 20 Jahren überhaupt nicht mehr laufen dürfen. Gasheizungen sollen 30, 40 Jahre halten. Das geht einfach nicht auf. Das Gleiche betrifft die Verbrenner. Es geht nicht darum, dass Menschen nächstes Jahr ihr Auto abgeben und mit teurem Geld ein neues Auto kaufen, sondern es geht darum, dass eine sinnvolle Transformation rechtlichen Rahmen bekommt.

Dann sind die Menschen nur falsch informiert?

Sie werden von etwas, das man durchaus als fossile Propaganda bezeichnen kann, in die Irre geführt.

Und wenn die Leute wüssten, wie wirklich die Verhältnisse sind, hätten sie die Sorgen vor den Kosten nicht?

Wenn man sich mal hinsetzt, die Fenster aufmacht und die Wirklichkeit reinlässt, sehen wir: Die Klimakrise wird uns als Gesellschaft in die Verschuldung reiten. Wir haben zwei Optionen: Noch tiefer in die Krise rein oder wo möglich zu investieren und zu gucken, was für Prävention wir leisten können. Maßnahmen müssen sozial gerecht sein, das ist doch keine Frage. Wir werden uns aber daran gewöhnen müssen, dass wir statt einer Gasheizung im Keller eine Wärmepumpe vor der Tür haben.

Und doch sind die Kosten eben für den Einzelnen erst einmal enorm und können ja auch nicht alle vom Staat abgefedert werden.

Die Kosten kommen nicht mit dem Gesetz. Die Kosten kommen, wenn man ohnehin die Heizung austauschen muss ...

... aber aufgrund des Gesetzes eben keine neue Gasheizung mehr nehmen kann und das Haus oder die Wohnung auch meist noch neu dämmen muss ...

... damit aber auch von einer extrem teuren und unzuverlässigen, kriegstreibenden fossilen Energie wie Gas wegkommt. Es liegt an der Politik, das Gesetz so zu gestalten, dass abgefedert wird, wo es notwendig ist. Es wird unterm Strich immer günstiger sein, eine Wärmepumpe zu haben.

Kommt drauf an, wann man den Strich zieht.

Was für eine Logik steckt denn dahinter, zu sagen: Ich möchte mich lieber auf 30 weitere Jahre von Gas abhängig machen, was aus Diktaturen wie Russland oder meinetwegen Saudi-Arabien kommt, wohlwissend, dass es unfassbar teuer wird durch CO2-Bepreisung? Wollen wir uns nicht stattdessen unabhängig machen? Zum Beispiel, indem man Ratenmodelle für den Kauf der Pumpen ermöglicht und die dann anstelle der Gasrechnung abbezahlt.

22.03.2023

Ist der Fokus richtig? Sollten wir die 112 Milliarden Euro, die Berlins schnellere Klimaneutralität kosten wird, nicht lieber in Solarkraftwerke in Nordafrika investieren?

Wir müssen überall klimaneutral werden. Wir können nicht sagen, in Berlin ist das jetzt zu nervig mit der Klimaneutralität. Wir verhandeln hier nicht nur Klimawandel, sondern auch Lebensqualität, und die ist doch hier nicht gut genug.

Aber so schlecht ist es ja nun nicht in Berlin. Sie leben doch auch hier.

Wenn Menschen krank werden durch Emissionen, wenn Fahrradfahrer im Verkehr sterben, wenn Bäume verdursten und unsere Energie von Autokraten kommt, dann sollte man das ändern, auch wenn es keine Klimakrise gäbe.

•vor 7 Std.

Viele Menschen versuchen, klimaneutral zu leben: Sie fliegen nicht, verzichten auf ein Auto, essen kein Fleisch mehr und fragen sich: Kann ich damit wirklich etwas ausrichten, während im Rest der Welt alles so weitergeht?

Das ist ein riesengroßes Problem, dass man sich in der Klimakrise sehr klein fühlt. Wenn das alle denken, scheitern wir. Aber wir müssen nicht jede einzelne Person auf der Welt davon überzeugen, dass der Kampf gegen die Klimakrise das Nonplusultra ist. Es reicht, wenn ein Teil der Bevölkerung sagt: Wir machen was, wir überzeugen andere, wir halten uns an die Klimaziele.

Also wenn Berlin sich für Klimaneutralität 2030 entscheidet, müssen eigentlich alle anderen deutschen Städte folgen.

Andere Städte müssten sich dann fragen: Warum machen wir das nicht? Die Menschen aus der Berliner Klimabewegung sind schon längst vernetzt mit ganz, ganz vielen anderen.

Es werden bereits weitere Kampagnen vorbereitet?

Natürlich ist dieser Volkentscheid ein Vorbild für andere. Auch international schaut man auf Berlin. Wir müssen anerkennen: Die Klimakrise ist auch eine Art Vorstellungskrise. Denn sie verlangt von uns, die Vorstellungskraft zu entwickeln, dass wir uns auf andere verlassen können.

Geht Ihnen eigentlich nie der Optimismus aus?

Ich erlebe einfach jeden Tag, dass es gar nicht so schwer ist, die Verhältnisse zum Besseren zu verändern.

Muss alles noch viel schlimmer werden, damit viel mehr Menschen auch die Verhältnisse ändern wollen?

In Brandenburg wurde letztes Jahr Wasser rationiert, Menschen wurden vor Bränden evakuiert, in Berlin sind Omas und Opas an der Hitze gestorben. Die Krise ist da. Dafür muss man nur die Augen aufmachen und anerkennen, dass das schon längst eine riesige Zumutung ist. Man kann sich auch einreden, dass alles nicht so schlimm ist, während man die rationierten Wasserflaschen abzählt und die Großeltern mit Hitzekoller im Krankenhaus besucht.

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Luisa Neubauer: „Menschen werden von fossiler Propaganda in die Irre geführt“

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25.03.2023

Luisa Neubauer hat sich für die Kampagne zum Klima-Volksentscheid eingesetzt und wirbt bis zuletzt um jede Stimme. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erklärt die Aktivistin von Fridays for Future, warum Berlin mit dem neuen Gesetz zum Vorbild für die Welt werden könnte, wer ihrer Meinung nach die Kosten für den schnellen Umbau der Stadt übernehmen soll, und warum eine Wärmepumpe nach ihrer Rechnung günstiger ist als eine Gasheizung.

Neubauer kommt für das Interview in ein Café in Berlin-Mitte, in dem sie häufiger zu Gast ist. Sie bittet an der Bar darum, die Musik für die Dauer des Gesprächs leiser zu stellen, damit es mitgeschnitten werden kann. Sie kann aber nicht verhindern, dass in der Küche immer wieder laut Schnitzel geklopft werden.

•gestern

Frau Neubauer, was ändert es am Weltklima, wenn Berlin klimaneutral wird?

Das Weltklima braucht Städte und Länder und Institutionen in allen Größen, die eine Verpflichtung eingehen. Wenn nur einer was macht, geht’s nicht. Wenn niemand was macht, haben wir komplett verloren. Wenn Leute loslegen und sich andere anstecken lassen, dann ist alles möglich.

Es wird oft behauptet, Maßnahmen in Deutschland könnten den Klimawandel beeinflussen, weil unser Beispiel andere zum Handeln bringt. Das ist nur eine Theorie, oder?

So funktioniert doch sozialer Wandel! Es gibt schon über 100 Städte weltweit, die sagen, sie wollen bis 2030 klimaneutral werden. Und jede Stadt, die es macht, ist ein Grund mehr für andere Städte, klimaneutral zu werden. Man merkt, es ist kein radikales Projekt, sondern ein vernünftiger Trend. Man schließt sich denen an, die sagen, wir gestalten Städte so um, dass sie auch morgen noch lebenswert sind.

Der Berliner Senat hat sich dem Trend angeschlossen und will, dass die Stadt bis 2045 klimaneutral wird. Nicht schnell genug, sagen Sie.

Das sage nicht ich, das sagt die Wissenschaft. Der Faktor Zeit ist in der Klimakrise das, worauf es ankommt. Regierungen, die glauben, man könnte die Zeit ausklammern, verstehen das Problem nicht, vor dem wir stehen. Wir arbeiten gegen die Zeit an. Zu sagen, sie machen doch schon, nur nicht schnell genug, heißt: Sie machen nicht, was die Aufgabe ist.

Die Kosten, die auf eine Stadt wie Berlin zukommen, sind so oder so groß

Andere Städte, die bis 2030 klimaneutral werden wollen, haben sich das Ziel nicht verbindlich gesetzt. In London zum Beispiel wird geprüft, was möglich ist, es gibt eine Expertenkommission. In Berlin soll es per Gesetz vorgeschrieben werden.

Die Frage ist, warum sollte Berlin nicht etwas machen, was verlässlicher, planbarer, verbindlicher ist als in anderen Städten? Weil es verlässlicher, planbarer, verbindlicher ist! Es gibt Beispiele von Städten, die das verbindlich planen, wie etwa Kopenhagen. Die großen Umbauten, die hier anstehen, verlangen Planbarkeit: Worin kann ich gut investieren? Das fragen sich Unternehmer:innen in Berlin. Klimaschutz ist keine WG-Party, wo wir sagen, wir gucken, was kommt, keine Regeln, alle mal ein bisschen locker machen. Nein, wir schaffen einen verbindlichen Rahmen, damit Gesellschaft, Wirtschaft und Politik wissen, woran sie sind.

gestern

Berlin wäre mit dem Gesetz eine Ausnahme weltweit.

Berlin würde sich in der globalen Spitzenklasse verorten.

Berlin ist eine arme Stadt. Die Initiatoren sprechen von Kosten in Höhe von etwa 112 Milliarden Euro, die auf die Stadt zukommen, sollte der Entscheid durchkommen. Wer soll das bezahlen?

Hinter der Frage steckt ja die Implikation, dass weniger Klimaschutz weniger kostet. Das stimmt nicht. Das sagen Wirtschaftsinstitute weltweit. Das Teuerste, was man machen kann, ist schlechter oder kein Klimaschutz. Die Kosten, die auf eine Stadt wie Berlin zukommen, sind so oder so groß. Wir haben die Möglichkeit, die Kosten, die auf uns zukommen, in eine bessere Stadt für alle, in Infrastruktur, in Krisenprävention zu stecken. Oder immer mehr in das schwarze Loch namens Klimakrise reinzuwerfen.

Die Kosten für die Bewältigung des Klimawandels kommen in jedem Falle auf Berlin zu, auch wenn die Stadt für viel Geld schneller klimaneutral wird. Wir verhindern ja dadurch die weitere Erwärmung nicht.

Investitionen in Klimaneutralität bedeuten auch, dass die Stadt sich auf Hitzewellen, soziale Verwerfungen, absehbare Energiekrisen vorbereitet. Wenn die Stadt kein Ort ist, der zukunftsfähig ist, wandern Unternehmen ab. Nicht alle Kosten in der Klimakrise sind vermeidbar, aber wir können jetzt dafür sorgen, dass die Kosten durch die Schäden so gering wie möglich werden. Und dass das Geld, das wir investieren, transformativ wirkt.

Ehrlicherweise muss man sich als Hauptstadt da auch an Christian........

© Berliner Zeitung


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