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Kinderlose Frauen: Einsam, bedrohlich und unfertig

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06.07.2021

Berlin - Es heißt: Kinder machen glücklich. Kinder zu bekommen, sei der einzig wahre Sinn des Lebens. Wer sich gegen sie entscheidet, wird ein einsames, leeres Leben führen und vor allem: die Entscheidung im Alter bereuen. Die Gesellschaft hält keine schönen Aussichten für Frauen bereit, die gewollt kinderlos sind. Wer sich gegen das Muttersein entscheidet, gilt vielen heutzutage immer noch als irgendwie unnatürlich, unfertig, für manche haben solche Frauen gar etwas Bedrohliches an sich. „Es ist ein starker Emanzipationsprozess, zu sagen: Ich bestimme über meinen eigenen Körper, über meine eigene Zukunft und auch darüber, den Beitrag, der von mir als Frau erwartet wird, nicht zu leisten“, sagt Fiona Kalkstein, die an der Freien Universität Berlin Psychologie studiert und an der Universität Duisburg-Essen promoviert hat. „Mit dieser Entscheidung nehmen sich Frauen dasselbe Recht heraus wie Männer und machen sich unabhängig. Damit kommen viele andere nicht zurecht.“

Liebe Leserinnen und Leser, haben Sie sich als Frau, Mann oder gemeinsam als Paar für ein Leben ohne Kinder entschieden? Was sind Ihre Beweggründe, wie geht Ihr Umfeld damit um? Oder bereuen Sie es möglicherweise, Mutter oder Vater geworden zu sein? Wir interessieren uns für Ihre Geschichten. Auch wenn Sie nicht betroffen sind, können Sie Ihre Meinung mitteilen. Schreiben Sie uns an: gesundheit@berlinerverlag.com

Gewollte Kinderlosigkeit ist kaum erforscht, es gibt also kaum verlässliche, wissenschaftliche Studien, auf die man sich beziehen kann, betont Kalkstein – so ist die Lebensentscheidung auch in Zahlen kaum zu erfassen. Der Mikrozensus des Statistisches Bundesamtes 2018 hat ergeben, dass die Kinderlosenquote der Frauen im Alter zwischen 45 und 49 Jahren bundesweit 21 Prozent betrug. Besonders hoch war sie damals mit 31 Prozent in Hamburg und 27 Prozent in Berlin. Die Kinderzahl stabilisierte sich bei den ab 1964 geborenen Frauen je Frau bei knapp 1,6. Der Mikrozensus umfasste 850.000 Befragte zwischen 17 und 75 Jahren.

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Die israelische Soziologin Orna Donath untersuchte im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie das Phänomen „regretting motherhood“, also das Bereuen der Mutterschaft. Sie befragte 23 israelische Mütter zwischen Mitte 20 und Mitte 70. Diese waren geschieden, in einer festen Partnerschaft, manche hatten ein Kind, andere mehrere. Fast alle stammten aus der Mittelschicht. Auf die Frage „Wenn Sie in der Zeit zurückreisen könnten – mit all dem Wissen und der Erfahrung von heute –, würden Sie dann noch einmal Mutter werden?“ antworteten sie alle mit Nein.

Sie liebten ihre Kinder, aber die Mutterschaft gehe für sie mit einem Verlust des Selbst und der Zeit sowie des Verlusts des Gefühls von Freiheit und Kontrolle einher, hat Donath die Ergebnisse im Journal of Women in Culture and Society aus dem Jahr 2015 zusammengefasst. Das Gefühl von Reue verspürten die Frauen nicht nur in den ersten schwierigen Monaten und Jahren nach der Geburt, was als postnatale Depression abgetan werden könnte, sondern bis weit ins Erwachsenenalter der Kinder hinein. „Die gesellschaftliche Anmaßung“, so schreibt es die Soziologin, „dass jede Frau Mutter werden möchte, oder irgendwann in ihrem Leben Mutter werden muss, ist tief verwurzelt.“

Diesen Druck erkennt auch Kalkstein. „Soziologisch........

© Berliner Zeitung


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