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Impfskepsis: Im Zweifelsfall sind die Berliner Migranten schuld

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01.09.2021

Berlin - Es heißt: Eine große Impfskepsis herrscht in sogenannten migrantischen Communitys. Auf den Seiten verschiedener Berliner Bezirksämter ist die Rede von „erheblichen Informationsdefiziten“ und daraus resultierenden „Vorbehalten“ in diesen Bevölkerungsgruppen. Viele Türken lassen sich nicht impfen. Genauso wie Araber, Polinnen oder Albanerinnen – darüber scheinen sich die politisch Verantwortlichen einig zu sein. Dabei werden keine Daten erhoben. Nirgends wird statistisch erfasst, wer eine Einladung erhält und sie nicht wahrnimmt. Schon gar nicht werden Migranten gesondert betrachtet. Es handelt sich um gefühlte Fakten – festgeankert in den Köpfen der Bezirksbürgermeister und in Teilen auch der Gesellschaft selbst.

„Es ist pauschalisierend, von migrantischen Communitys als einer homogenen Gruppe zu sprechen“, sagt die Ärztin Vera Piechulla vom Gesundheitskollektiv Berlin. „Geflüchtete Menschen aus Syrien, EU-Einwanderer aus Spanien oder Griechenland, US-Amerikanerinnen, die im künstlerischen Bereich tätig sind, arabische oder russische Communitys oder Menschen aus dem Balkangebiet – sie alle kann man nicht in einen Topf werfen“, sagt sie. Die städteübergreifende Bewegung mit mehr als 20 Mitarbeitenden aus Sozialarbeit, Pflege, Medizin, Gesundheitswissenschaften, Pädagogik sowie Psychotherapie plant im Herbst ein Gesundheitszentrum in Neukölln zu eröffnen, um einen niedrigschwelligen Zugang zu Gesundheit, Beratung und Information zu ermöglichen. Das Ziel: eine medizinische Versorgung für alle, bei der auch Beschäftigungsverhältnisse, Rassismuserfahrungen oder Altersarmut der Patientinnen und Patienten mitgedacht und gemeinsam Lösungen entwickelt werden sollen.

PandemieWas hat Corona mit Migrationshintergrund zu tun?

Nicht die Migration sei das Kriterium beim Thema Impfen, sondern erschwerte Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem. Da spiele Sprache eine Rolle von vielen. „Die Impfeinladungen zum Beispiel“, sagt Shao-Xi Lu, Referentin für Gemeinwesenarbeit und Prävention beim Gesundheitskollektiv Berlin, „wurden in deutscher Amtssprache erfasst und verschickt. Wenn Menschen nicht so gut Deutsch verstehen, haben sie natürlich auch größere Schwierigkeiten, an einen Impftermin zu kommen.“ Dabei gedacht werde ausschließlich an migrantische Communitys – Menschen, die Probleme mit Lesen und Schreiben haben, gibt es jedoch viel mehr. „Immerhin ist jede achte Person in Deutschland von Analphabetismus betroffen“, sagt Lu. Weitere Zugangsbarrieren: Endgeräte, die nicht allen Familien gleichermaßen vorhanden gewesen seien, und eingeschränkte Internetkompetenz, um digital einen Termin in einem Berliner Impfzentrum vereinbaren zu können.

Das Gesundheitskollektiv hat in der Pandemie viel (digitale) Aufklärungsarbeit, sei es zum........

© Berliner Zeitung


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