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Ich vermisse dich, Papa

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13.08.2021

Berlin - Freitag, 4. Dezember 2020: Es sind manchmal die absurdesten Fragen, die Menschen für sich selbst beantworten müssen. Fragen, auf die sie sich niemals hätten vorbereiten können: Was packe ich ein, während mein Vater auf einer Intensivstation um seine letzten Atemzüge ringt. Welche Klamotten greife ich aus meinem Kleiderschrank, wo ich ganz genau weiß, dass mein Papa sich vielleicht in wenigen Minuten, vielleicht in wenigen Stunden für immer vom Leben verabschieden wird. Ohne vom Leben selbst die Chance bekommen zu haben, sich von mir, von seiner Familie, zu verabschieden.

Irgendwas Schwarzes. Jeans. Strumpfhosen. Dicke Socken. Ein Top, das man unter dem Rollkragenpullover anziehen wird. Denn es ist Winter und die Beerdigung auf dem Friedhof wird eisig sein. Seltsam, wie der Mensch funktioniert. Egal, was passiert, er versucht zu überleben, selbst wenn ihm der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Einen Funken Rationalität zu bewahren. Wozu eigentlich?

Mit Corona auf der IntensivstationHab keine Angst, Papa

Es ist irgendwann zwischen 1 und 3 Uhr in der Nacht. Mein Koffer liegt offen auf dem Boden. Mein Zug fährt um 4.30 Uhr vom Berliner Hauptbahnhof ab. Die Stimme des Arztes, mit dem ich vor einigen Stunden telefonierte, echot in meinem Ohren. Er stammelte viel, dieser Arzt. Weil er nicht so gut Deutsch sprach, musste er um seine Worte kämpfen und fand nicht die richtigen, um den katastrophalen Zustand meines Vaters für mich zu beschreiben.

Es war ein Routineanruf auf der Intensivstation des Städtischen Klinikums Ludwigshafen, auf der mein Vater seit genau vier Wochen lag, und Minute für Minute gegen den Schaden in seinem Körper kämpfte, den das Coronavirus angerichtet hatte. Wir wechselten uns bei den Telefonaten mit meiner Schwester ab. Am Abend des 3. Dezembers war ich an der Reihe. Kurz nach 22 Uhr, ich saß auf meinem Sofa in meinem Wohnzimmer, wählte ich wie jeden Tag die Nummer der Krankenhausauskunft, die mich mit der Covid-19-Intensivstation verband.

Ich spürte mein Herz in meiner Brust schlagen, hielt wie immer meine Luft an. Aber ich war innerlich beruhigt, denn am Vormittag sagte die Pflegekraft meiner Schwester noch, dass die Therapie mit dem Ecmo – eine Maschine, die pro Minute literweise Blut aus seinem Körper saugte, es mit Sauerstoff anreicherte, von Kohlendioxid befreite und es wieder zurückpumpte – gut anschlage, mein Vater sie sehr gut vertrage und es allem in allem in eine gute Richtung gehe. Klar, seine Sauerstoffsättigung sei noch nicht im gesunden Bereich, sagte sie. Aber mein Vater zeige, dass er kämpfe. Wir sollen Hoffnung bewahren, er werde es schon schaffen.

Eine Pflegerin begrüßte mich kurz auf der anderen Seite der Leitung, und plötzlich hörte ich sie in flüsternder Stimme zu jemandem sagen: „Frau Caliskan ist am Telefon.“ Als der stammelnde Arzt den Hörer übernahm, stand ich bereits auf den Füßen. „Frau Caliskan, wir glauben nicht, dass Ihr Papa die Nacht überstehen wird.“

„Was reden Sie denn da“, fragte ich ihn. „Ihm ging es doch heute Vormittag........

© Berliner Zeitung


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