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Expertin über Mental Load: Warum Mütter nicht gesehen werden

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04.06.2021

Berlin - In der Mutterschaft wird eine Arbeit verrichtet, die meist weder von der eigenen Familie, noch vom Umfeld oder der Politik gesehen wird. Mütter berichten von einer mentalen Belastung, Mental Load, weil sie immer auf Abruf sind, so Psychologin Indira Konstantiniuk. Wieso es Frauen so schwerfällt, Aufgaben an den Mann zu delegieren, Männer unnützerweise für Kleinigkeiten gelobt werden, soziale Medien die mentale Belastung erhöhen können und der Mutter-Kind-Pass digitalisiert werden sollte, erklärt Konstantiniuk im Interview.

Frau Konstantiniuk, wenn eine Frau Mutter wird, was passiert mit ihr – und vor allem in ihr?

Indira Konstantiniuk: Der Übergang zur Mutterschaft ist eine grundlegende Veränderung. Ab da weitet sich die ohnehin ungleich verteilte Arbeit über den Haushalt hinaus noch auf die Kinderbetreuung. Es handelt sich dabei um eine Arbeit, die nicht gesehen wird. Oft weder von der eigenen Familie, noch vom Umfeld geschweige denn von der Politik. Betroffene Mütter berichten von einer mentalen Belastung, weil sie das Gefühl haben, keine Pause zu haben, sondern immer auf Abruf sind – egal ob tagsüber oder nachts. Die Situation wird über die Jahre etwas besser, beispielsweise wenn die Kinder in die Schulen gehen. Aber eigentlich ebbt der psychische Druck nie ab.

Wie äußert sich die mentale Belastung?

Man kennt es aus dem beruflichen Kontext: die klassischen Stress-Symptome, die bis hin zum Burnout führen können. Man hat Herzrasen, verbringt viel Zeit damit, an die Arbeit zu denken, kann nicht schlafen, ist unkonzentriert. Das trifft auch auf Mental Load in der Mutterschaft zu. Viele Frauen berichten, dass sie kaum Energie haben. Viele sprechen auch von einem Autonomieverlust, dass sie das Gefühl haben, kein selbstbestimmtes Leben mehr führen zu können, sondern eins, das diktiert wird vom Kind oder den Kindern. Sie fühlen sich oft passiv und haben gleichzeitig oft unerreichbare Ideale. Wenn sie diese nicht erreichen, bekommen sie Schuldgefühle. Es ist ein endloser Kreislauf. Man muss aber erwähnen, dass es auch Mütter gibt, denen es durch die Mutterschaft besser geht als davor.

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Warum werden die Kinderbetreuung und die Tätigkeiten rundherum zur Aufgabe der Frau? Liegt es in unseren Genen?

Das halte ich für unwahrscheinlich. Mütter hatten beispielsweise früher ihr Kind in einer Trage und waren trotzdem auf dem Feld und haben, wie alle anderen, mitgearbeitet. Der grundlegende Unterschied zu heute ist, dass sich die Konstellationen rund um die Kinderbetreuung verändert haben. Das Sprichwort „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“ ist, was den Arbeitsaufwand betrifft, ganz treffend: Früher war es normal, dass die ganze Familie, einschließlich der Nachbarn, sich um ein Kind gekümmert haben. Mit der Urbanisierung hat sich das stark verändert. Heute gibt es dieses Netzwerk zwar in manchen Kulturen oder zum Teil auf dem Land, aber meist sind es nur Mutter, Vater, Kind.

Die Großfamilien haben auch unter einem Dach gelebt …

Genau. Mental Load hängt von den verfügbaren Ressourcen ab, also auch von der Frage, ob jemand in der Nähe ist, der einen unterstützen kann, zum Beispiel die Großeltern, die in derselben Stadt leben. Das Problem ist aber, dass selbst wenn es die Ressourcen gibt, sich viele Mütter gar nicht trauen, nach Hilfe zu fragen.

Warum?

Weil nicht erreichbare Mutterideale suggeriert werden – vor allem in den sozialen Medien. Instagram, Twitter und Co. sind alles Plattformen, in denen sich Mütter bewusst oder unbewusst vergleichen können. Plötzlich sehen sie: Oh, die........

© Berliner Zeitung


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