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Endometriose: Warum Gynäkologen die Krankheit zu selten erkennen

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19.05.2021

Berlin - Fünf kleine Schnitte an ihrem Bauch erinnern Katharina an ihre Erkrankung, die mehr als zwei Jahrzehnte unentdeckt blieb. Heute weiß die 38-jährige Apothekerin, dass sie Endometriose hat – eine weitverbreitete Frauenkrankheit, die oft unterschätzt wird. An Katharina als Patientin kann die Endometriose gut erklärt werden. Auf einem beispielhaften Weg, der durch Frauenarztpraxen führt, wo Betroffene häufig nicht ernst genommen werden; durch das Zuhause, wo Frauen mit heftigen Unterleibsschmerzen zu kämpfen haben; durch Operationssäle, wo Zysten von Blasen, Eierstöcken oder Därmen entfernt werden – und trotzdem wieder auftauchen können.

Katharina hat mit elf Jahren ihre Tage und mit 15 von ihrer Gynäkologin eine normale Pille verschrieben bekommen. Über 15 Jahre lang hat sie dasselbe Verhütungsmittel eingenommen. 2017 kam der Kinderwunsch. Sie setzte die Pille ab, ihre Periode pendelte sich ein, aber Katharina wurde nicht schwanger. Im Februar 2020 – in der Zwischenzeit wurde unter anderem ihre Schilddrüsenunterfunktion behandelt – stellte sie sich in einer Kinderwunschklinik in Halle vor. „Da wurde der Verdacht auf Endometriose zum ersten Mal geäußert“, erzählt sie. Die Ärztin habe per Ultraschall an ihren Eierstöcken Zysten entdeckt und sie an eine zertifizierte Endometriose-Praxis in Berlin verwiesen. Dort wurde zusätzlich ein MRT veranlasst und eine weitere Zyste an ihrem Darm erkannt.

„Bei der Endometriose handelt es sich im Grunde genommen um gutartige Miniatur-Uteri. Gebärmutterschleimhaut-ähnliches Gewebe siedelt sich außerhalb der Gebärmutterhöhle an“, erklärt Slyvia Mechsner, Leiterin des Endometriosezentums an der Charité. Wenn die Zellen in die Gebärmuttermuskel-Wand abwandern, sich dort ausbreiten und neues Gewebe bilden, handele es sich um die sogenannte Adenomyose. Wenn sie durch die Eileiter in den Bauchraum gelangen, liege die klassische Form der Endometriose vor. „Die gebärmutterschleimhautähnlichen Gebilde bilden dabei Drüsen. Altes Blut sammelt sich darin und kann nicht abfließen“, so Mechsner. Normalerweise sollten diese fremden Zelle von Immunzellen erkannt und weggefressen werden. Dazu sind sie aber wegen einer Fehlfunktion nicht in der Lage. Weiteres Zeichen einer Endometriose: Verklebungen der Organe, zum Beispiel zwischen der Gebärmutter-Beckenwand und dem Eierstock.

Meistens würden die Herde oberflächlich auf dem Bauchfell wachsen. Es könne aber auch vorkommen, dass das Gewebe in die Eierstöcke hineinwächst und dort eine Zyste bildet – wie es bei Katharina der Fall ist. In etwa zehn Prozent der Fälle käme es im Raum zwischen der Scheide und dem Darm zur Bildung von Knoten, die wiederum den Darm und/oder die Harnleiter ummauern können. Diese Form wird rektovaginale Endometriose genannt. Wenn sie lange Zeit nicht erkannt und behandelt wird, kann es dazu kommen, dass die Betroffene eine Niere verliert. In ganz seltenen Fällen kommt es zum Darmverschluss.

Die Charité-Professorin sagt, dass ein bis zwei Frauen von zehn in ihrer fertilen Lebensphase von einer Endometriose betroffen sind. Bei der Krankheit könnte eine genetische Veranlagung eine Rolle spielen.

Schon als junge Frau hatte Katharina starke Regelschmerzen, die allerdings durch die Einnahme der Pille gedämpft wurden und die sie durch Schmerzmitteln unter Kontrolle bringen konnte. Als die heute 38-Jährige die Pille absetzte, machte sich die Endometriose zum ersten Mal in vollem Ausmaß bemerkbar. „Es war, als ob jemand mit dem Messer oder einer Nadel im Unterleib herumbohrt. Ein brennender und zugleich stechender Schmerz“, sagt sie. Die Krämpfe hätten dazu geführt, dass sie nicht mehr aufrecht stehen konnte. „Die Regelschmerzen hatte ich nicht nur während meiner Periode, sondern auch die Woche davor und danach. Eigentlich hatte ich nur eine Woche im Monat, wo es mir gut ging“,........

© Berliner Zeitung


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