Oper Zürich: Die Welt ist schlecht, aber es gibt einen Fluchtweg

Die Oper Zürich zeigt in dieser Saison die Spannbreite, die Musiktheater liefern kann. Die zeitgenössische Oper und die Alte Musik existieren nicht nebeneinander, sondern wirken komplementär. So gelingt dem Intendanten Matthias Schulz ein Programm, das allen Ansprüchen genügt: Weltklasse-Niveau im Musikalischen und Gesellschaftskritik, die ins Mark trifft. In einer Zeit, in der der politische, ökonomische und ökologische Irrsinn keine Grenzen zu kennen scheint, liefert Schulz ein dialektisches Programm wie kaum ein Opernhaus im deutschsprachigen Raum.

Dieser Tage hatte die Oper „Monsters Paradise“, eine Anti-Trump-Oper von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth, Premiere. Die Koproduktion von Hamburg, Graz und Zürich kommt zu einem Zeitpunkt, an dem „die Satire von der Realität übertroffen wird“, wie Matthias Schulz im Gespräch mit der Berliner Zeitung sagt. Der Intendant, zu dessen Produktionen immer wieder zahlreiche Berliner Opern-Connaisseurs pilgern, die ihn als Chef der Staatsoper schätzen gelernt haben, hat ein gutes Gespür für die Grenzen des Zeitgeists: Tobias Kratzers Inszenierung erschaffe eine „Übertreibung, die nicht den Hauch des Realen“ in sich trägt, wie Schulz sagt.

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Schulz ist kein Mann des plumpen politischen Erziehungstheaters, aber eben auch kein Gralshüter des Verstaubten oder Nostalgischen. Er sieht in der Oper einen Ort, an dem politische Kritik nicht plakativ oder gar ideologisch vorgetragen wird, sondern diesem Grundsatz nach: „In der Oper können wir unsere Fähigkeit zur Empathie schulen und entwickeln. Es geht bei jeder Oper im Kern darum, sich in andere hineinzuversetzen, uns in einen anderen Zustand zu begeben, zu verstehen, das Fremde, Andere kennenzulernen und anzunehmen“, sagt Schulz.

Längst hat ja die Polarisierung des Politischen auch den zivilgesellschaftlichen und den privaten Raum erreicht. Besonders der Krieg als die ultimative Polarisierung macht ja nicht vor der Kultur Halt. Schulz ist einer der Intendanten, die Anna Netrebko in Berlin und Zürich engagiert haben – trotz des Widerstands von Aktivisten, denen er jedoch offen und dialogisch begegnet ist. Er sagt: „Als Kulturinstitutionen haben wir eine integrative und wichtige Aufgabe für die Gesellschaft.“

Er beobachtet beim Publikum einen gewissen „Eskapismus“: Die Leute wollen, bedrängt von aggressiven Schlagzeilen und bösartigem Geschrei, „eintauchen in eine andere Welt“. Eine Ersatzkirche sei die Oper damit selbstverständlich nicht, die Kirchen hätten doch viel weitergehende Aufgaben, sagt der höfliche Intendant. Doch biete die Oper diesseits der Bildschirm-Realitäten die Möglichkeit, dass sich echte Menschen begegnen. Man werde „unmittelbar angefasst“, nicht nur von der Nähe zu den anderen Besuchern, sondern in kleinen Häusern wie Unter den Linden oder Zürich auch vom Klanggeschehen auf der Bühne.

Matthias Schulz will nicht bei der politischen Kritik und auch nicht beim Spektakel stehen bleiben. Er sagt: „Viele Menschen fragen sich, vielleicht gar nicht in einem unmittelbar religiösen Sinn: Woran sollen wir heute noch glauben? Die Oper kann in diesem Sinn auch ein spirituelles Bedürfnis abdecken.“ Vor Ostern – ab dem 20. März – soll das Barock-Festival „Zürich Barock“ dem Rechnung tragen. Es sei „ein menschliches Phänomen, auf etwas Höheres zu hoffen“, sagt Schulz.

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Zürich steht – dessen ist sich Matthias Schulz sehr bewusst – in der Tradition von Nikolaus Harnoncourt, der in der Schweizer Metropole 25 Jahre lang jedes Jahr eine neue alte Oper auf die Bühne gebracht hat. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass der Siegeszug der Alten Musik seinen Anfang im Opernhaus Zürich hatte. Seither gibt es in vielen Häusern aufführungspraktische Traditionen. Matthias Schulz hatte eine derartige auch an der Staatsoper Unter den Linden begründet. Nach einer kurzen Pause – die Barocktage wurden in den ersten beiden Thielemann-Saisons gestrichen – hofft die Berliner Szene auf einen Neubeginn. Ein breites, fachkundiges Publikum blickt mit Spannung auf die Vorstellung des neuen Programms durch die Intendantin Elisabeth Sobotka am Freitag.

In Zürich ist die Alte Musik mittlerweile integraler Bestandteil des Repertoires. Noch unter Harnoncourt hatten sich Orchestermusiker so sehr für den Originalklang begeistert, dass sie das Ensemble „La Scintilla“ gründeten. Der Geist Harnoncourts lebt auch dahingehend weiter, als dass in der Oper auch geistliche Musik zu hören sein wird. Das Ensemble wird mit der Zürcher Sing-Akademie Bachs Johannes-Passion spielen. Raphaël Pichon wird mit dem Ensemble Pygmalion die Matthäus-Passion aufführen.

35 Prozent Eigenfinanzierung

Es ist selten, dass Passionen in Opernhäuser passen – das kann in Zürich anders sein, zumal mit der Aufführung in der Fastenzeit wenigstens die Einbettung ins Kirchenjahr einigermaßen stimmt. Im Übrigen hat sich auch Harnoncourt nicht an alle Regeln gehalten: In Graz hat er einmal hintereinander beide Passionen mitten im Hochsommer aufgeführt. In Zürich ist in diesem Jahr praktisch das Who’s who der Alten Musik vertreten, von Cecilia Bartoli über Philippe Jaroussky, Bruno de Sá, Elizabeth DeShong, Elsa Benoit, Anthony Gregory, Max Emanuel Cencic, Jeanine De Bique und Julian Prégardien.

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Als Höhepunkt des klug zusammengestellten Programms (Details auf der Webseite) hat am Freitag, den 27. März, Jean-Marie Leclairs einzige Oper, „Scylla et Glaucus“, Premiere. Mit dieser Produktion kehrt der Regisseur Claus Guth nach Zürich zurück. Das Programm verspricht eine brisante Kombination, denn Guth „verlegt den mythologischen Reigen aus Liebe, Verlangen, Eifersucht und Verzweiflung in ein Internat der Gegenwart und zeichnet die Figuren des barocken Dramas als adoleszente Protagonisten“. Der musikalische Part liegt bei der französischen Barockspezialistin Emmanuelle Haïm und ihrem Ensemble Le Concert d’Astrée.

Matthias Schulz sagt, es sei wichtig, auf die Gefährdung aller Kulturinstitutionen durch die aktuellen Probleme der öffentlichen Haushalte und steigender Kosten hinzuweisen. Die Oper Zürich bringt den erstaunlichen Anteil von 35 Prozent an Eigenfinanzierung auf, also Einnahmen aus Tickets, Sponsoring und Spenden. Der Rest kommt zum größten Teil vom Kanton Zürich.


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