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Energie-Schock: China ist vorbereitet, die EU nicht

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Unterschiedlicher kann man auf den sich abzeichnenden, globalen Mangel bei Öl und Gas nicht reagieren. China hat vorgesorgt, die EU dagegen beginnt jetzt erst mit der Planung von Maßnahmen auf die sich seit Monaten zuspitzende Lage. Dan Jørgensen, Energiekommissar der EU, sagte der Financial Times (FT), er rechne mit einem „lang anhaltenden“ Energieschock infolge des Krieges im Nahen Osten. Jørgensen sagte, die EU bereite sich „auf die schlimmsten Szenarien“ vor, auch wenn der Block „noch nicht an dem Punkt“ sei, an dem eine Rationierung kritischer Produkte wie Flugtreibstoff oder Diesel notwendig sei.

Jørgensen sagte, es werde sich um „eine lange Krise“ handeln, „die Energiepreise werden für sehr lange Zeit höher bleiben“. Er warnte, dass die Lage bei einigen „kritischeren“ Produkten „in den kommenden Wochen sogar noch schlimmer werden könnte“. Er erklärte, dass sich die EU zwar „noch nicht in einer Versorgungssicherheitskrise“ befinde, Brüssel jedoch bereits Pläne ausarbeite, um die „strukturellen, langfristigen Auswirkungen“ des Konflikts zu bewältigen. Jørgensen erklärte, er könne eine weitere Freigabe strategischer Energiereserven „nicht ausschließen“, „falls sich die Lage weiter verschärft“.

Allerdings werde die eigenen Reserven selbst in Kombination mit neuen Schulden für Subventionen sowie umfassenden Fahrverbote, Lockdowns und anderen „Maßnahmen“ für private Haushalte und Unternehmen nicht ausreichen, um die Wirtschaft wettbewerbsfähig am Laufen zu halten. Dennoch ist die EU entschlossen, weiter auf den Bezug von Flüssigerdgas (LNG) aus den USA zu setzen. Jørgensen bekräftigte laut FT „seine Position, dass es in diesem Jahr keine Änderung der EU-Gesetzgebung geben werde, um die Importe von russischem Flüssigerdgas zu beenden“. Stattdessen sei „es akzeptabel, sich auf die USA und andere Partner zu verlassen, um zusätzliche Lieferungen bereitzustellen, da diese im ,freien Markt‘ agierten“. Es ist aus ökonomischer Sicht unklar, wie „frei“ ein „Markt“ ist, in dem einem Marktteilnehmer per supranationalem Zwang verboten wird, mit einem anderen Marktteilnehmer Geschäfte zu machen. Die Markteinschränkung gilt transatlantisch wie innerhalb der EU. Brüssel ist hier sogar noch strenger als Washington: Donald Trump hat die US-Sanktionen gegen russisches Öl vorübergehend ausgesetzt, die EU-Kommission nicht. Erst vor wenigen Monaten hat die EU Sanktionen gegen die Nord Stream-Pipelines verhängt. Niemand kann auf die russischen Gaslieferungen zurückgreifen, obwohl nach dem bis heute ungeklärten Anschlag ein Strang voll mit Gas gefüllt ist und innerhalb weniger Wochen lieferfähig sein könnte. Es ist unklar, ob die Bundesregierung dieses Thema im Hintergrund verfolgt. Unklar ist auch, was die EU machen würde, wenn die USA in einer sicher weiter verschärfenden Lage einen Exportstopp für Flüssigerdgas verhängt. Die EU könnte dann im wesentliche nur Erdgas aus Norwegen beziehen – zu vermutlich exorbitanten Preisen.

Weniger überrascht scheint China von der Entwicklung zu sein. Für China sind die Energieimporte aus dem Nahen Osten noch wichtiger als für die EU. China bezieht mehr als die Hälfte seines Öls aus dem Nahen Osten, insbesondere aus dem Iran. Laut Daten von Kpler kaufte China im Jahr 2025 mehr als 80 Prozent des von Iran verschifften Öls. Als die USA und Israel am 28. Februar Angriffe auf den Iran begannen und Teheran nur Stunden später die Straße von Hormus blockierte, durch die etwa 20 Prozent des weltweiten Öl- und Gasverkehrs verlaufen, war Peking bereits im Notfall-Modus: Bereits im Jahr 2021 hatte der chinesische Präsident Xi Jinping bei einem Besuch eines Ölfelds erklärt, China werde seine Energieversorgung „in die eigenen Hände nehmen“.

China setzt zur Sicherung seiner Ölversorgung auf sogenannte „Teapot (Teekannen)-Raffinerien“ – kleineren, unabhängigen Anlagen, die von durch internationale Sanktionen verbilligtem Öl profitiert, Ölreserven aufgebaut und ihre Importe aus Ländern wie Iran, Russland und Venezuela erhöht haben. Sie werden als „Teapots“ bezeichnet, weil sie eine kompakte, an Teekannen erinnernde Form haben. Sie machen ein Viertel der Verarbeitungskapazität Chinas aus. Diese Raffinerien arbeiten komplementär zu den großen staatlichen Raffinerien. Die Teapot-Raffinerien haben die chinesische Wirtschaft stabil gehalten, indem sie importiertes, sanktioniertes iranisches und russisches Öl verarbeiten. Die großen Ölunternehmen wie Sinopec versuchen dagegen, den Zugang zu den strategischen Ölreserven des Landes zu erhalten, um nicht während des Krieges auf iranisches Öl angewiesen zu sein.

Alejandro Reyes, außerordentlicher Professor am Fachbereich Politik und öffentliche Verwaltung der Universität Hongkong, sagte Al Jazeera, China habe die Teapots nicht in erster Linie geschaffen, um Sanktionen zu umgehen. Es gehe vielmehr um ein unabhängiges System, das sich als strategisch nützlich erwiesen habe. „Diese kleineren unabhängigen Raffinerien verarbeiten vergünstigtes und politisch riskantes Rohöl, während große Staatsunternehmen stärker abgeschirmt bleiben. Die US-Sanktionsmaßnahmen in den Jahren 2025 und 2026 zeigen, dass Washington diese Strategie und Struktur klar erkennt“, sagte Reyes: „Die Widerstandsfähigkeit ist auf Systemebene beabsichtigt, auch wenn nicht jedes einzelne Instrument ursprünglich für genau diese Krise entwickelt wurde. Chinas Energiearchitektur bietet dem Land nun Wahlmöglichkeiten, Redundanz und die Möglichkeit, Sanktionsverstöße zu dementieren.“

Außerdem hat China in den vergangen Jahren zielgerichtet billiges russisches Öl importiert. Dazu wurden alte, nicht in London bei Lloyds versicherte Schiffe verwendet. Diese Tanker werden im medialen Volksmund als „Schattenflotte“ bezeichnet. Diese Lieferungen dürften rückläufig sein, nachdem Trump die US-Sanktionen gelockert hat. Mehrere mit russischem Öl beladene Tanker haben auf offener See bereits ihren Kurs geändert und steuern stattdessen Indien an.

China ist darüber hinaus in engem Austausch mit dem Iran, um Schiffen die Passage der Straße von Hormus zu ermöglichen. Bereits am 4. März sagte die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, Mao Ning, China werde „notwendige Maßnahmen ergreifen, um seine Energiesicherheit zu gewährleisten“. Mitte März begann der Iran, einigen iranischen Schiffen sowie einer begrenzten Zahl von Schiffen aus Ländern, die er als freundlich einstuft – darunter Malaysia, China, Ägypten, Südkorea, Indien und Pakistan –, die Durchfahrt zu erlauben. Am 31. März erklärte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums, dass drei chinesische Schiffe die Meerenge passiert hätten. China hat zudem seine Ölimporte diversifiziert, indem es die Pipelineimporte aus Russland erhöht hat.

In einem Bericht vom 17. März für den in Brüssel ansässigen wirtschaftspolitischen Thinktank Bruegel schrieb Alicia Garcia-Herrero, Senior Fellow bei Bruegel und Chefökonomin für den asiatisch-pazifischen Raum bei Natixis: „Pekings Ansatz des aggressiven Aufbaus von Reserven, der Duldung von Schattennetzwerken und der Aufrechterhaltung flexibler Puffer zeigt, dass es sich seit langem genau auf solche Energieschocks vorbereitet hat.“ Sie sagte al Jazeera: „China verwandelt geopolitische Turbulenzen in vergünstigtes Öl und strategische Tiefe, während die Schattenflotte den Fluss der Barrel aufrechterhält. Es ist klassisches energiepolitisches Schach einer Großmacht.“

Natürlich können die Maßnahmen China nicht vollständig und dauerhaft gegen steigende Kraftstoffpreise immun machen. Das Geschäftsmodell der Teapot-Raffinerien funktioniert nur solange, solange die Unternehmen das Öl billig einkaufen können. Das aktuelle System versetzt China allerdings in die Lage, mit dezentralen Strukturen und marktorientiertem Pragmatismus besser durch die Krise zu kommen als andere Nationen.


© Berliner Zeitung