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Debatte um das Humboldt-Forum: Ein postkoloniales Kuriositätenkabinett

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19.09.2021

Berlin-Mitte - Ein Essay des Genozidforschers Dirk Moses, der im Mai auf dem Schweizer Portal „Geschichte der Gegenwart“ veröffentlicht wurde, erregte international Aufsehen: „Der Katechismus der Deutschen“ entfachte laufende Diskussionen über das Verhältnis des Holocaust-Gedenkens zur vergleichsweise zaghaften Erinnerungskultur gegenüber deutschen Kolonialverbrechen – bisher waren nur wenige Frauen an der Diskussion beteiligt. Die Berliner Zeitung am Wochenende begleitet diese Debatte kritisch und lässt verschiedene Stimmen zu Wort kommen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo. Jetzt auch das neue Probe-Abo testen – 4 Wochen gratis

Am 18./19. August 2021 im Blatt:
Rot-Grün-Rot hat laut Umfragen eine Mehrheit im Bundestag von 52 Prozent. Ist das ein linkes Schreckgespenst oder Rettung aus der Not?

Annalena hat wenig Chancen auf das Kanzleramt. Wird Robert Habeck in vier Jahren also der erste grüne Regierungschef? Wir haben ihn für unsere große Reportage getroffen

Wir haben Mitleid mit Carsten Maschmeyer, dem Drückerkönig und Zentrum der Maschsee-Connection. Denn er gibt tiefe Einblicke in sein Seelenleben.

Kolumne „Berlin Brutal“: Bye-bye, urbanes Paradies: Warum die Oderberger Straße eine Zumutung ist

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Jetzt öffnet die Schatzkammer voller herrlichster Kunstwerke aus aller Welt: Die Zeugnisse außereuropäischer Kulturen nehmen so prominent, wie sie es verdienen, im Humboldt-Forum die Mitte Berlins ein. Gehen Sie hin, solange Sie die wertvollen, oftmals einzigartigen Stücke aus Asien, Afrika und Lateinamerika noch vor der Haustüre haben. Gut möglich, dass so manches Stück bald seinen rechtmäßigen Platz in Tausenden Kilometern Entfernung findet.

Manche der Exponate, die scheinbar selbstverständlich seit mehr als hundert Jahren in Berlin zu Hause waren, haben Deutsche gestohlen – Händler, Soldaten, Abenteurer, Missionare, Forscher, Ärzte. Andere Objekte wurden durch unredliche Tauschgeschäfte arglosen Menschen abgeluchst und von Hehlern erworben. Wieder andere wurden aus misslichen Umständen geborgen und insofern vor dem Untergang gerettet.

Wie auch immer die Werke nach Berlin kamen und wohin ihre künftigen Wege führen mögen: Es mindert ihre Bedeutung nicht. Jedes genaue Hinschauen erweitert das eigene Weltbild. Sollte das Humboldt-Forum nun das Mindeste leisten – nämlich ehrlich über die Herkunftsgeschichte der in seiner Obhut befindlichen Objekte zu informieren–, werden viele Tausende Besucher, die noch nie über deutschen Kolonialismus nachgedacht haben, diesen Teil ihrer Vergangenheit in den Blick nehmen.

Über viele der Exponate weiß man noch erstaunlich wenig. Der Grund liegt in der Ignoranz der damals Handelnden und ihrer kolonialistisch verwilderten, europäischen Herkunftsgesellschaften. Die Sammler, Händler, Räuber und selbst Forscher interessierten sich in der Regel wenig für den wahren Wert der Fundstücke; sie dachten eher an den daheim erzielbaren Preis, an das zu gewinnende Prestige oder das dekorative Souvenir. Fundorte, Zusammenhänge, Eigentümer und Nutzung der Objekte blieben meist undokumentiert.

Insofern sind die Ausstellungen das, was sie auch zur Zeit ihres Entstehens waren: Kuriositätenkabinette mit beschränktem wissenschaftlichem und kulturgeschichtlichem Wert. Ausnahmen........

© Berliner Zeitung


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