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Am Anfang war Spiritualität: Was uns die Schamanin von Bad Dürrenberg erzählt

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30.03.2026

Ihr Grab war voller Blüten: Mädesüß, Königskerze, Hahnenfuß und Teufelsabbiss. Weiß, cremefarben, rosa, rot, gelb, violett, blau. In der Fantasie erblüht ein farbenprächtiges Bild, wie es womöglich Menschen vor 9000 Jahren vor Augen hatten, als sie auf einem Plateau über der Saale eine Frau von zierlicher Statur, 1,55 Meter groß, zwischen 30 und 40 Jahre alt, beerdigten. Man stellt sich vor, wie sie ihren Kopf in ein Blumenbett legten und ihr mitgaben, was im Leben dieses Individuums wichtig gewesen war.

Sie trug den Ornat einer herausgehobenen, wahrscheinlich mit besonderen Fähigkeiten begabten Person. Über der Stirn verlief eine Kette aufgefädelter Großwildzähne – Auerochse, Rothirsch, Wildschwein. Auf dem Haupt ruhte ein Rehgeweih, an dessen Schädelteil Fell angebracht war. Um den Hals trug sie eine weitere Kette aus Tierzähnen, über der Brust lagen mächtige Keilerhauer. In ihren Armen ruhte das Skelett eines etwa sechs Monate alten Säuglings. Auf dem Weg in die Anderswelt begleiteten sie ebenso ein Steinbeil von herausragender Qualität, ein Stab zum Verzieren der Haut mit Rötel, dazu Sumpfschildkröten, Igel und Biber, Vogelfedern.

Die Frau ist inzwischen weltbekannt als die Schamanin von Bad Dürrenberg. Sie gehörte zu einer Gruppe von Jägern und Sammlern, die in einer Phase nacheiszeitlicher Erwärmung in der dank ihres Lößbodens fruchtbaren Gegend umherstreifte, die heute Sachsen-Anhalt heißt. Als Fund von Weltrang rangiert sie auch, weil sich in ihrem Grab mit dem Schmuck, den Symboltieren, den Pollen der auch als Heilpflanzen bekannten Blüten überzeugende Belege für die Glaubensvorstellungen ihrer Gemeinschaft finden. Wir erhaschen einen Blick in das Denken mittelsteinzeitlicher Menschen! Noch vor kurzem unvorstellbar.

Nach der etwa 4000 Jahre alten Himmelsscheibe von Nebra hütet das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Salle) mit der Schamanin einen zweiten Schatz; jetzt hat auch die um 5000 Jahre ältere Frau dort ihre eigene Sonderausstellung, und die bietet wirklich Sensationen in Serie. Den Hallenser Museumsleuten gelang es nämlich, Originale von Welterbe-Objekten herbeizuholen, für die man sonst durch halb Europa reisen müsste, so zum Beispiel das etwa 40.000 Jahre alte Mammut aus der Vogelherdhöhle in der Schwäbischen Alb, ein anrührendes Kunstwerk.

Oder drei aufs Feinste aus Gras geflochtene Körbchen, die 8000 Jahre lang in der Trockenheit der südspanischen Cueva de los Murciélagos überdauerten. Oder das älteste erhaltene Gewand eines Schamanen. Es stammt vom sibirischen Volk der Ewenken und gelangte 1788 nach Göttingen. Es ist aus Rentierfell gefertigt und mit symbolisch aufgeladenen Objekten behängt, die typischerweise Schamanen als Schutzgeister auf Reisen in die Geisterwelt beistehen.

Im Raum zwischen Himmel und Erde

Diese Ausstellung geht weit über das Präsentieren bestaunenswerter Objekte hinaus. Sie erkundet alte und jüngere Formen des Schamanismus, verfolgt Spuren des den Menschen offenkundig seit Urzeiten treibenden Willens nach Welterklärung und Bewusstseinserweiterung. Projektleiterin Anja Stadelbacher sagt: „Wir füllen den Raum zwischen Himmel und Erde. Wir gehen nicht in die Esoterik, doch Spiritualität ist ein Thema.“

Da treffen die Hallenser gewiss einen Nerv der Zeit: Zunehmend verstehen Menschen heute Spiritualität als individuelle Ressource für Sinnfindung, psychische Gesundheit und Lebensbewältigung. Oft haben sie sich von festen religiösen Institutionen abgewandt, probieren eine Lebenshaltung, die in Zeiten individualistischer Vereinzelung über das eigene Ich hinausweist auf eine transzendente Wirklichkeit – auf der Suche nach Verbundenheit zur Natur oder dem Guten im Menschen.

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Nicht nur sie können in den nächsten Monaten in Halle Orientierung und Wurzeln finden. Nie zuvor gab es in Europa eine vergleichbare Ausstellung zum urgeschichtlichen Schamanismus und der für die Kulturentwicklung zentralen Mittelsteinzeit – im Übergang zur Lebensweise sesshafter Ackerbauern und Viehzüchter.

Als das Grab 1934 im Kurpark von Bad Dürrenberg, 20 Kilometer von Halle entfernt, gefunden wurde, deutete die NS-Forschung die Frau als Mann und imaginierte einen weißen Ur-Arier. Genaueres Hinsehen (die Hüfte!) warf zu DDR-Zeiten die Herrenthese um. Als Archäologen aus Halle 2020 eine Nachgrabung vornahmen, entschlossen sie sich zu einer Bergung des ganzen Blocks. Die nachfolgenden Forschungen unter Laborbedingungen ergaben eine Sensation nach der anderen – zusammengesetzt ersteht ein Bild voller Überraschungen. Ein Bild von Menschen, die uns Heutigen kulturell viel näher stehen als gedacht.

Womit beginnen, wo doch alles so spannend ist? Zuerst sei das Ergebnis der vollständigen Entschlüsselung des Genoms der Frau genannt: Sie hatte dunkle Haut, dunkle glatte Haare, aber helle Augen (blau, grün oder grau) und gehörte eindeutig zu der auf 22.000 bis 50.000 Individuen geschätzten Population von Jägern und Sammlern, die in der Phase kräftiger nacheiszeitlicher Erwärmung im Gebiet zwischen den heutigen Niederlanden und dem östlichen Polen ihre Spuren, Feuerstellen zum Beispiel, hinterließen. Diese nördlichen Nomaden der Mittelsteinzeit (Mesolithikum) zerschlagen die Legende von der hellhäutig-blonden urdeutschen Rasse.

Obendrein weiß man seit kurzem, dass die helle Haut infolge schlechterer, vor allem auf Getreide basierender Ernährung der frühen Ackerbauern entstand. Die Wildbeutergesellschaften waren bei fleisch- und fischreicher Kost trotz dunkler Haut in den lichtarmen nördlichen Verhältnissen zu ausreichend Vitamin D gekommen.

Nehmen wir nun das Grab selbst. Die Wildbeutergemeinschaft baute der Toten ein Haus! In der Grabgrube fanden sich Reste einer truhenartigen Flechtwerkkonstruktion aus Haselruten. Der innen aufgetragene Kalkputz wies eine erstaunlich glatte Oberfläche auf. Wer solche Gräber errichtet, wird auch oberirdisch solche Häuser bauen, schlussfolgern die Wissenschaftler.

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Gänzlich Unerwartetes ergab die genetische Untersuchung des Säuglings: Es ist ein Junge, aber nicht der Sohn der Schamanin. Mehr noch: Im durchsuchten Fundmaterial lagen zwei winzige menschliche Wirbel. Die DNA des einen stimmt hundertprozentig mit der des Säuglings überein: ein Zwillingsbruder! Der andere Wirbel gehörte einem Bruder der beiden. Alle drei sind im 5. Grad mit der Schamanin verwandt gewesen – wie genau, darüber grübelt die Wissenschaft. Aber fest steht: In dem Grab waren vier menschliche Individuen vertreten.

Das nächste Krimi-Kapitel begann, als knapp einen Meter neben dem Grab im Bad Dürrenberger Kurpark eine Grube entdeckt wurde, in der zwei Hirschgeweihmasken mit offensichtlichen Bearbeitungsspuren abgelegt waren – und zwar etwa 300 Jahre nach dem Tod der Frau. Das heißt: Generationen müssen den Ruhm der Schamanin mündlich weitergegeben haben; die Nachfahren wussten von der großen Ahnin. Die angeblich geschichtslose Zeit kannte Geschichte – über lange Zeiträume.

Zuvor hatten schon zwei Halswirbel der Schamanin eine ebenso verblüffende Geschichte erzählt: Beide weisen einen angeborenen Defekt auf. Am Hinterhauptsloch, durch das Arterien und Nerven in den Schädel eintreten, zeigt eine Kerbe im Wirbelknochen, dass ein Blutgefäß atypisch verlief. Bei einer bestimmten Kopfneigung muss die Wirbelarterie der Schamanin abgeklemmt worden sein. Solch eine Anomalie löst in der Regel einen sogenannten Nystagmus aus, also eine unwillkürliche, rhythmische Augenbewegung – die Pupille zittert, pulsiert und rutscht plötzlich nach einer Seite des Auges ab. Die Wissenschaftler mutmaßen, die Zeitgenossen der Frau könnten das irritierende Phänomen als Beweis für deren transzendentale Kräfte gesehen haben.

Vergleiche mit anderen Gräbern, zum Beispiel dem in der israelischen Hilazon-Tachtit-Höhle, wo eine Frau mit Tierteilen wie Schildkrötenpanzern und einem Adlerflügel bestattet wurde, weisen nach Ansicht der Forscher die Frau als Schamanin aus, als Heilerin und als eine Person, die für ihre Gemeinschaft wichtig und offenkundig von großem Nutzen war.

Vermutlich verfügte sie über umfangreiches Wissen zu den medizinischen Eigenschaften lokaler Pflanzen – gerade auch jenen, die unter dem Mikroskop in ihrem Kopfbereich entdeckt wurden und die Annahme nahelegen, dass sie im Sommer beerdigt wurde, in der Blumenblütezeit. Die Frau und der ihr beigegebene Säugling wurden mit einer Ockerschicht bedeckt, das Grabbehältnis sei mit „Blumen, Federn, Fellen regelrecht vollgestopft worden“, heißt es in einem Katalogtext.

Die Seele wandert zwischen den Welten

Die Ausstellung zeigt Parallelen zu bekannten schamanistischen Kulturen, vor allem zu den vergleichsweise gut erforschten sibirischen. Diese Kulturen entwickelten sich unter ähnlichen natürlichen Verhältnissen, wie sie im Lebensraum der Schamanin herrschten. Die Archäologin Anja Stadelbacher erinnert daran, dass die moderne Gesellschaft die Welt rational beurteilt, während Schamanismus von der Beseeltheit der Natur ausgeht und von der Annahme, dass Kontakt zu einer „anderen Wirklichkeit“ möglich ist.

Anja Stadelbacher weist darauf hin, dass in den frühen Glaubensvorstellung die Grenzen zwischen den Welten durchlässig waren, die menschliche Seele also ihre körperliche Hülle verlassen und in andere eingehen konnte, zum Beispiel die eines Tieres. Das Individuum erschloss andere Bewusstseinsräume, nahm Kontakte ins Geisterreich auf. Trance und Ekstase gehörten ebenso zum Bündel von Schamanismus-Phänomenen.

Die Ausstellung zeigt Objekte, die im Ritus bei der Passage der Seele in andere Welten helfen – Trommeln, Gewänder, Hilfsgeister (meist Tiere). Auch psychoaktive Substanzen (zum Beispiel Pilze), spielten eine Rolle. Präsentiert werden in einzigartiger Vollständigkeit sämtliche Funde und Erkenntnisse rund um die Schamanin von Bad Dürrenberg. Sie ordnet die klimatischen Veränderungen und die menschlichen Entwicklungsstufen zu, zeigt Parallelen zu anderen Kulturen.

Sie macht aber auch deutlich, wann man sich im Reich der unbewiesenen These oder der künstlerischen Rekonstruktion bewegt statt auf dem Boden gesicherten Wissens. Und sie zeigt, wo die Rätsel bleiben. Warum sind die oberen mittleren Schneidezähne der Frau so weit abgeschliffen, dass die Nervenhöhlen offenliegen? Sie muss schwer gelitten haben. Gehörte der Schmerz, beziehungsweise Schmerzresilienz zum „Beruf“?

Sachsen-Anhalt ist stolz darauf, sich wieder als uralte, einzigartige Kulturregion präsentieren zu können, das machte Kulturstaatssekretär Sebastian Putz vor der Presse klar. Kurz vor der Eröffnung ließ sich der neugierige Ex-Ministerpräsident Reiner Haseloff durch die Ausstellung führen. Bis zum 1. November gibt es einen guten Grund mehr, mal wieder nach Halle (Saale) zu fahren.


© Berliner Zeitung