Warken will die Kosten für Homöopathie streichen – endlich!

Rund 20 Milliarden Euro will Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) im maroden Gesundheitswesen einsparen. Die Zuzahlungen für Medikamente könnten steigen, die Familienversicherung eingeschränkt werden, Ärzte Zusatzhonorare verlieren. Es ist ein Sparpaket, das praktisch jeden treffen würde – Versicherte, Ärzte, Kliniken, Apotheken, und, man glaubt es kaum, die Pharmaindustrie. Über die meisten dieser Maßnahmen lässt sich trefflich streiten. Über eine allerdings nicht: dass die Homöopathie als Kassenleistung endlich auf dem Prüfstand steht. Im Gegenteil – man muss sich fragen, warum es dafür erst ein Milliardendefizit braucht.

Was bleibt, ist Zucker

Denn was die Kassen hier seit Jahren finanzieren, spottet jeder wissenschaftlichen Vernunft. Das Grundprinzip der Homöopathie besagt nämlich, dass ein Wirkstoff umso stärker wirken soll, je stärker er verdünnt wird. In den gängigen Potenzen ist vom ursprünglichen Wirkstoff wahrscheinlich kein einziges Molekül mehr übrig. Was bleibt, ist Zucker. Wer behauptet, dass Zuckerkügelchen ohne Wirkstoff Krankheiten heilen, der behauptet im Grunde, dass Wasser ein Gedächtnis hat, Physik nicht gilt und 200 Jahre medizinischer Fortschritt irrelevant sind. Für eine Wirksamkeit über den Placeboeffekt hinaus gibt es keinen belastbaren wissenschaftlichen Nachweis. Das ist kein offener Diskurs – die Frage ist beantwortet.

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Und trotzdem haben gesetzliche Krankenkassen diese Behandlungen jahrelang bereitwillig erstattet. Nicht aus medizinischer Überzeugung, sondern auch als Marketinginstrument. Homöopathie im Leistungskatalog lockt junge, gesunde, gutverdienende Versicherte an, die selten teure Behandlungen brauchen. Es war ein Geschäftsmodell auf Kosten der Solidargemeinschaft – und niemand hat es gestoppt. Dass dies in einem Land möglich war, das sich zu Recht auf seine wissenschaftliche Tradition beruft, ist schlicht blamabel.

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Ja, es handelt sich finanziell um einen Nebenschauplatz, quasi Peanuts. Die Kassen geben für Homöopathie schätzungsweise 10 bis 20 Millionen Euro pro Jahr aus – bei Gesamtausgaben von über 320 Milliarden Euro ein Anteil von rund 0,005 Prozent. Doch wer die Debatte auf die Summe reduziert, verfehlt den Punkt. Nina Warken hat als Leitlinie ihrer Reform formuliert, dass künftig nur noch Leistungen mit „nachweisbarem Nutzen“ finanziert werden sollen. Das ist ein vernünftiger Grundsatz. Aber er wird zur Farce, wenn man auf der einen Seite die Zuzahlung für ein Blutdruckmedikament erhöht – und auf der anderen Seite weiterhin wirkstofffreie Globuli aus der Gemeinschaftskasse bezahlt.

Natürlich steht es jedem frei, weiterhin auf Homöopathie zu vertrauen. Wer daran glauben möchte, soll das tun, aber bitte auf eigene Rechnung. In einem Gesundheitssystem, das jeden Euro zweimal umdrehen muss und in dem Versicherte, Ärzte und Kliniken schmerzhafte Einschnitte hinnehmen müssen, ist für Scharlatanerie auf Kassenkosten kein Platz mehr. Dass diese selbstverständliche Erkenntnis erst jetzt, im Windschatten eines historischen Sparpakets, politisch mehrheitsfähig wird, sagt weniger über die Homöopathie als über den Zustand der deutschen Gesundheitspolitik.


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