We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Klaus Wowereit: „Auch homophobe Kollegen musste ich aushalten“

7 7 3
22.07.2022

Fehrbelliner Platz, mehr West-Berlin geht kaum. Wir treffen Klaus Wowereit im Parkcafè am bislang einzigen verregneten Vormittag im Juli. Der 68-Jährige kommt püntklich auf die Minute, ist sportlich-leger gekleidet, braungebrannt und gut aufgelegt. Das Gespräch beginnt direkt, ohne lange Anlaufzeit – der Regierende Bürgermeister a. D. ist ganz Profi geblieben, bleibt keine Antwort schuldig und ist gewohnt charmant.

Herr Wowereit, Sie sind seit acht Jahren nicht mehr im Amt. Wie verbringt ein Bürgermeister a.D. seine Tage?

Meine Tage unterscheiden sich nicht wesentlich von denen anderer Rentner (lacht). Ich habe natürlich mehr Zeit und weniger Aufgaben als früher, denn ich habe es von Beginn an vermieden, all die Ehrenämter, Kuratorien und Vereinsvorsitze zu übernehmen, die man mir angeboten hat, nur um etwas zu tun zu haben. Es gibt ein paar Sachen, die ich mache und die mir sehr am Herzen liegen wie beispielsweise meine ehrenamtliche Arbeit für die Berliner Aids-Hilfe, aber ich habe auch eine Menge Angebote auf Distanz gehalten.

LGBTQI Pride Month in Berlin: „Wir wollen Ost- und West-Berlin verbinden“

Einfach, weil Sie nicht mehr konnten?

Wenn man aufhört, dann sollte man auch konsequent sein und schon gar nicht auf die Idee verfallen, sich ins Tagesgeschäft anderer Leute einzumischen. Das fällt vielen Menschen bekanntlich sehr schwer und das hat mich schon geärgert, als ich noch aktiv war. Diese gutgemeinten Ratschläge und wohlwollenden Seitenhiebe von den Vorgängern – da geht es zumeist nur darum, Aufmerksamkeit zu bekommen. Das brauche ich nicht, das hatte ich dreizehn Jahre lang zur Genüge.

Klassische Frage: Kam nach dem Amtsende das Loch, in das man fällt?

Eigentlich nicht. Ich wusste zwar vorher auch nicht, wie das sein wird, aber ich habe mich darauf gefreut, mal wieder selbstbestimmt zu sein und Zeit mit mir und vor allen Dingen mit meinem Partner zu verbringen.

Sie haben in der Pandemie Ihren Partner Jörn Kubicki verloren, mit dem Sie 27 Jahre zusammen waren. Eine große Zäsur. Hat sich Ihr Leben seitdem wieder in ruhigeren, normaleren Bahnen bewegt?

Nein, mein Leben ist seitdem ein anderes und der Verlust wiegt immer noch schwer. Mir fehlt eben der Partner, der ist nicht zu ersetzen und Sie können sich sicher sein, dass ich einen großen Bekannten- und Freundeskreis habe. Ich beschwere mich aber nicht, denn das ist ja nicht nur ein Schicksal, das Klaus Wowereit hat. Damit muss man, damit muss ich zurechtkommen. Aber schwer ist es auf jeden Fall.

LGBTQ Berliner Pride Month: Daddy, Bär, Otter - Glossar zu den Typen der Schwulenszene

Fehlt Ihnen das Rampenlicht?

Diskriminierung Ex-Moslem in Neukölln bedroht: „Was fällt dir ein, den Propheten zu beleidigen!“

Klar, mit der Aufgabe des Amtes ist auch ein Bedeutungsverlust verbunden. Wenn ich früher zu einer Veranstaltung gegangen bin, dann wurde das vorher von meinem Büro organsiert und dann kam man da mit einer Entourage an und der Pressereferent wartete schon vor Ort, Herr Wowereit hier, Herr Wowereit da, und so weiter. Die Leute wollen auch immer was von einem Bürgermeister und versprechen sich etwas, da bekommt man natürlich sehr viel Aufmerksamkeit und wird auch umschwärmt. Das endet schlagartig, das ist systemimmanent und damit muss man umgehen können. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die das vermissen. Und mit Corona kam dann auch wirklich alles zum Erliegen. Jetzt kommen die Einladungen aber so langsam wieder, heute Abend gehe ich zum Beispiel zum Produzentenfest ins Tipi am Kanzleramt. Ich kann, aber ich muss nicht, das ist das Schöne daran.

Klaus Wowereit wurde 1953 in Tempelhof geboren. Er hat Rechtswissenschaft an der FU Berlin studiert und mit dem Ersten juristischen Staatsexamen abgeschlossen. 1981 legte er das Zweite juristische Staatsexamen ab und wurde Regierungsrat. 1984 wurde zum Tempelhofer Bezirksstadtrat für Volksbildung und Kultur gewählt, zu diesem Zeitpunkt war Wowereit Berlins jüngster Stadtrat. Das Amt als Bezirksstadtrat von Tempelhof legte er 1995 nach seiner Wahl ins Abgeordnetenhaus von Berlin nieder. Dort wurde er sogleich zum stellvertretenden Vorsitzenden und 1999 zum Vorsitzenden der SPD-Fraktion gewählt. Wowereit war von 2001 bis 2014 Regierender Bürgermeister von Berlin. Mit seinem öffentlichen Outing („Ich bin schwul und das ist auch gut so“) wurde Klaus Wowereit weltberühmt. Er........

© Berliner Zeitung


Get it on Google Play