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Diese Frau kämpft dafür, dass Berliner nicht weiter auf Massengräbern picknicken

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07.05.2022

„Ich habe mir für diese Geschichte eigentlich eine Ruhepause genommen“, erzählt meine Bekannte Elena Dmitrieva, 51, als ich sie viele Monate nach unserem letzten Treffen auf ihre Herzensangelegenheit anspreche.

„Jahrelang ging dieser Krieg für mich weiter. Und am 24. Februar, als Russland einen Krieg gegen die Ukraine entfesselte, war ich so schockiert und niedergeschlagen, dass ich mir sagte, ich kann es nicht weitermachen. Jener Krieg wurde für mich Geschichte, verdrängt von diesem, dem gegenwärtigen.“

Wir steigen aus ihrem Auto vor dem Eingang zur sowjetischen Denkmalanlage im Treptower Park aus. Ich habe Elena eigentlich auch hier kennengelernt, als sie mich zu einer deutsch-russischen Veranstaltung abholen wollte, noch im letzten Jahr.

Manuel Genolet

Heute, wenige Tage vor dem 8. Mai, gehen wir zurück in den Park, um über ihr großes Anliegen zu reden. „Ich habe mich zurückgezogen, aber du wolltest mich sprechen, also sind sie nicht damit einverstanden, dass ich sie beiseite gelegt habe. Sie brauchen mich weiter“, sagt sie.

Sie – das sind rund 7200 sowjetische Soldaten, die im Treptower Park begraben liegen. Nur wenige wissen aber, wo genau. Auf den Schildern zur Anlage steht nichts dazu geschrieben, und selbst die russische Botschaft in Berlin verwirrt mit fehlerhaften Artikeln, in denen behauptet wird, die Sammelgräber würden im Zentrum der Anlage liegen, unter den fünf Kränzen, die zum Ehrenmal führen. Aber das stimme nicht, kontert meine Bekannte. Das im Zentrum seien nur die Beete, die fünf Jahre Krieg symbolisierten.

Wir betreten zusammen die Denkmalanlage und gehen nach links zum großen Zaun hinter den seitlich wachsenden Bäumen. Hier, vor dem Zaun, zeigt sie auf eines von vielen flachen, grün bewachsenen Vierecken. Hier seien die Soldaten tatsächlich begraben worden. In 16 Sammelgräbern hier und genau so vielen auf der anderen Seite. Die deutsche Historikerin Helga Köpstein hat das ebenfalls längst dokumentiert.

„Man kann öfter beobachten, wie Mädels direkt auf den Gräbern Yoga oder Picknicks machen oder in der Sonne liegen. Ich kam im Winter letzten Jahres hierher, als der Schnee fiel, und mir wurde sofort schlecht, weil die Gräber alle Schlittenspuren hatten und Schneemänner auf ihnen standen. Wissen die Leute denn nicht, dass das hier eigentlich ein Friedhof ist und kein Freizeitpark? Wie kann man diesen Fehler korrigieren, die Gräber irgendwie markieren?“

Es geht ihr aber nicht nur um die Markierung der Gräber als solcher. Vielmehr recherchierte sie aus eigenem Antrieb heraus vor allem in den beiden Pandemie-Jahren rund 3500 Namen hier bestatteter Soldaten, für die es bisher keine Listen gab. Auf........

© Berliner Zeitung


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