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Rosemarie Bank überlebte Berlins schwerstes Schiffsunglück

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02.07.2021

Berlin - Im Flur der Friedrichshainer Wohnung von Rosemarie Bank hängen vier Fotos an der weiß getünchten Wand. Auf einem Bild in Schwarz-Weiß sind zwei Kinder zu sehen, die vor einem Haus mit bröckelnder Fassade stehen. Es zeigt Rosemarie Bank als zehnjähriges Mädchen und ihren Bruder Klaus Jürgen. Die Geschwister lächeln stolz in die Kamera. Das Mädchen trägt ein mit Blümchen besticktes helles Kleid, die Haare sind zu Zöpfen geflochten. Der Junge hat kurze Lederhosen an, die er von Verwandten aus West-Berlin geschenkt bekommen hat, und ein weißes kurzärmeliges Hemd.

Das Foto entstand am Tag, als Klaus Jürgen neun Jahre alt wurde. Sechs Tage später lag Rosemarie im Krankenhaus und Kläuschen, wie ihr Bruder genannt wurde, war tot. Ertrunken bei einer Ferienfahrt mit dem Schiff, die vor genau 70 Jahren mit der bisher größten Schiffskatastrophe Berlins endete. 28 Kinder und zwei Erzieherinnen starben bei der Explosion des Motorschiffes „Heimatland“, das gerade im Treptower Hafen abgelegt hatte.

Rosemarie Bank ist eine kleine, drahtige Frau, die sich in ihrer Freizeit mit orientalischem Tanz fit hält, und die trotz ihrer 80 Jahre die fünf Etagen bis zu ihrer Neubauwohnung noch immer läuft. Den Fahrstuhl nutzt sie nur, wenn sie vom Einkaufen kommt. Sie hat Kaffee gekocht. Auf dem Esstisch steht ein Teller mit Kuchen, sie bietet Schinkenbrote an und Kirschen. So schwirrt Rosemarie Bank emsig zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her. Es ist ein bisschen so, als wolle sie ihren Erinnerungen entfliehen.

Auf den Esstisch im Wohnzimmer liegt zwischen den Kaffeetassen, Kuchentellern und dem Milchkännchen ein Hefter, in dem Traueranzeigen und vergilbte Zeitungsartikel stecken, die ihr Vater nach der Katastrophe gesammelt hat. Es sind auffallend kleine Zeitungsbeiträge, die von dem größten Berliner Schiffsunglück veröffentlicht wurden. Von dem Geschehen selbst, der Beerdigung der Kinder schon eine Woche nach der Katastrophe, der Ehrung der Retter, die Dutzende Mädchen und Jungen aus dem Wasser der Spree bargen.

Die Artikel stammen aus der Berliner Zeitung und der BZ am Abend. „Es wurde damals nicht so groß darüber berichtet, weil das Unglück den Oberen nicht passte“, sagt Rosemarie Bank, als sie endlich auf einem der Stühle Ruhe gefunden hat. Schließlich sollten in Ost-Berlin im August 1951 die Weltfestspiele der Jugend und Studenten stattfinden. Die Menschen in der Hauptstadt der DDR sollten sich freuen, sie sollten lachen, tanzen, nicht trauern.

In dem Hefter steckt auch ein kleiner Zettel. Das mit den Jahrzehnten bräunlich gewordene Papier wirkt, als würde es gleich zerfallen. „Malitz, Rosemarie, Greifswalder Straße 58, befindet sich leicht verletzt im Rudolfkrankenhaus Bln., Rudolfstr. 14“, ist darauf handschriftlich und mit blauer Tinte vermerkt, wobei bei dem Familiennamen das H fehlt. Die kurze Notiz endet mit dem Stempel vom Polizeirevier 57 vom 5. Juli 1951. Es ist der Tag, an dem Rosemarie Bank den Flammen auf der „Heimatland“ entkam und den sie bis........

© Berliner Zeitung


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