„Sie waren Nachbarn“: Wie sich eine Initiative um das Schicksal jüdischer Hausbewohner kümmert
Der erste Stein, der an diesem Sonntagmittag von Gunter Demnig in der Jagowstraße vor der Hausnummer vier in die Erde geschlagen wird, ist Johanna Meyer gewidmet: Jahrgang 1886, deportiert am 17. November 1941, ermordet acht Tage später. Daneben legt der Künstler den zweiten Stein mit Messingplatte. Darin eingraviert ist der Name von Alfred Meyer, des Ehemanns von Johanna, der am selben Tag von den Nationalsozialisten deportiert wurde. Auch er überlebte nicht.
Rund 30 Menschen jüdischen Glaubens wohnten zu Beginn des Hitlerregimes in dem fünfgeschossigen Altbau in Moabit. Elf von ihnen, die entweder ermordet wurden oder vor ihrer Deportation emigrieren konnten, sind seit dem Wochenende Stolpersteine gewidmet.
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Dass diese Menschen, die zu drei im Haus lebenden Familien gehörten, in Erinnerung bleiben, ist den heutigen Bewohnern zu verdanken. Georg Frank hält elf weiße Rosen in den Händen. „Für jeden einstigen jüdischen Nachbarn, an die nun hier erinnert wird, eine“, sagt der groß gewachsene Mann.
Frank ist 68 Jahre alt. Er wohnt in dem Haus. Als er vor vier Jahren in Rente ging, hat der Kunsthistoriker zusammen mit seinem Nachbarn Otto Kückmann angefangen, zu den einstigen jüdischen Bewohnern zu recherchieren. Zusammen haben sie Archive besucht, Dokumente gesammelt.
„Damals gab es hier 17 Wohnungen“, erzählt Frank. Viele der später Deportierten hätten ihren Wohnsitz in dem Eckhaus Jagowstraße 4 Ecke Tile-Wardenberg-Straße 6 frei gewählt, einige aber seien vor ihrer Deportation zwangsweise in Wohnungen des Gebäudes einquartiert worden.
Vor allem jüngeren Menschen jüdischen Glaubens sei es vor 1940 gelungen, aus Deutschland zu fliehen. „So konnten Rose und Kurt, die Kinder des Ehepaars Meyer, 1939 dem sicheren Tod entkommen. Sie gingen nach Bolivien“, weiß Frank. Auch für Rose Meyer und Kurt Abraham liegen seit Sonntag Stolpersteine vor dem Hauseingang.
Frank engagiert sich in der Stolpersteininitiative Berlin-Mitte, sein Nachbar Kückmann im Verein Sie waren Nachbarn. Beide berichten, dass sie zunächst eine Tafel zum Gedenken an ihre einstigen Mitbürger an beiden Eingängen des Hauses anbringen wollten. Doch dagegen habe sich Widerstand in der Eigentümergemeinschaft gebildet. Eine Frau habe dagegen gestimmt.
Viele Mieter spendeten für die Aktion
Dann aber sei ihnen die Idee mit den Stolpersteinen gekommen. „Da es sich um öffentliches Straßenland handelt, brauchten wir nicht die Zustimmung aller Eigentümer“, sagt der 68-jährige Kückmann. Im Haus habe es eine hohe Akzeptanz für die Idee gegeben. Auch viele Mieter hätten für die Stolperstein-Aktion gespendet, sagt sein Nachbar Frank.
Gunter Demnig benötigt mit seinem Mitarbeiter rund 30 Minuten, um zwei Gehwegplatten zu entfernen, die elf Stolpersteine in den Sand zu klopfen, sie mit Zement zu befestigen und die Zwischenräume sauber mit neuen Steinen zu füllen. Rund 150 Menschen aus der Nachbarschaft sind dabei, auch einige Kinder, ein Chor singt.
Mittlerweile, so sagt der 78 Jahre alte Demnig nach der Verlegung, habe er in 32 Ländern mehr als 124.000 solcher Gedenksteine verlegt. Allein in Berlin seien es mehr als 15.000. Steine werden dort verlegt, wo während der NS-Zeit ermordete jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger oder aus Deutschland geflohene Jüdinnen und Juden ihren letzten frei gewählten Wohnsitz hatten.
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Otto Kückmann und Georg Frank haben eine 70-seitige Broschüre zusammengestellt, in der sie über das Schicksal der jüdischen Bewohner des Haues Jagowstraße Ecke Tile-Wardenberg-Straße informieren. Sie kann auf der Website des Vereins Sie waren Nachbarn heruntergeladen werden. Noch sei ihre Recherche nicht abgeschlossen, sagt Kückmann, der früher als Informatiker gearbeitet hat.
Fragt man sie, welches Schicksal sie am meisten bewegt hat, so antwortet Georg Frank: „Jedes Schicksal unserer einstigen jüdischen Mitmenschen ist furchtbar gewesen.“ Dann berichtet er, tragisch sei die Flucht eines Ehepaars gewesen. Noch 1940 hätten sie eine Ausreieerlaubnis erhalten. Im Zug in die Freiheit aber sei der Mann gestorben.
