Zwei Wahlen, eine Botschaft: Die alten Lager lösen sich auf
Bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz war die AfD die meistgewählte Partei in der Gruppe der unter 25-Jährigen. Laut Infratest dimap entschieden sich 21 Prozent dieser Altersgruppe für die Alternative für Deutschland, was einem Plus von rund 15 Prozentpunkten gegenüber der Landtagswahl 2021 entspricht.
Dahinter folgten die SPD mit 19 Prozent (minus 5 Punkte) und die Grünen mit 10 Prozent (minus 11 Punkte). Die Linke, die den Einzug in den Landtag verpasste, erzielte bei den unter 25-Jährigen 16 Prozent; ein Plus von 12 Punkten. Die CDU kam in dieser Altersgruppe auf 15 Prozent, die Freien Wähler auf 5 Prozent.
Bei den Älteren dominiert die CDU
Ein gegenteiliges Bild zeigt sich bei den Wählerinnen und Wählern ab 60 Jahren. Laut Infratest dimap entschieden sich rund 39 Prozent dieser Gruppe für die CDU, gut 32 Prozent für die SPD, die Grünen kamen auf rund 6 Prozent. Die Forschungsgruppe Wahlen kommt zu ähnlichen Werten: CDU 40 Prozent, SPD 34 Prozent, die Grünen 6 Prozent, AfD 14 Prozent. Die AfD fiel damit in dieser Altersgruppe deutlich hinter ihr Gesamtergebnis von 19,5 Prozent zurück.
Beide Institute bestätigen die Tendenz: Je älter die Altersgruppe, desto stärker schnitt die CDU ab. Der Wahlsieg der Christdemokraten wurde somit maßgeblich durch die ältere Bevölkerung getragen.
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Baden-Württemberg: Grüne vorn bei Jungen
Zwei Wochen zuvor zeigte die Landtagswahl in Baden-Württemberg ein ähnliches Generationenmuster – mit einem entscheidenden Unterschied: Dort sind die Grünen bei Jungwählern die stärkste Kraft. Unter den 16- bis 24-Jährigen lagen die Grünen laut Infratest dimap mit 27 Prozent vorn, dahinter folgte die AfD mit 18 Prozent. Die CDU kam in dieser Altersgruppe nur auf 17 Prozent – deutlich unter ihrem landesweiten Ergebnis von knapp 30 Prozent. Die Linke erreichte bei jungen Wählern 13 Prozent, obwohl sie landesweit den Einzug in den Landtag mit 4,4 Prozent verpasste. Insgesamt stimmte damit fast jeder dritte Jungwähler für Parteien an den politischen Rändern.
Bei den über 60-Jährigen dominierte in Baden-Württemberg die CDU als stärkste Kraft. Laut Forschungsgruppe Wahlen erzielten die Grünen ihre vergleichsweise besten Ergebnisse in der Gruppe der 60- bis 69-Jährigen, während die CDU bei den über 70-Jährigen mit deutlichem Abstand vorn lag.
SPD-Einbruch bei Arbeitern
Besonders markant sind die Verschiebungen bei Arbeiterinnen und Arbeitern, und das in beiden Bundesländern. In Rheinland-Pfalz verlor die SPD laut Infratest dimap 10 Prozentpunkte gegenüber 2021 und kam nur noch auf 21 Prozent. Die CDU büßte 5 Punkte ein und erreichte 16 Prozent. Die AfD legte um 21 Punkte zu und landete mit 39 Prozent als stärkste Kraft in dieser Gruppe. Die Grünen verloren 2 Punkte auf 3 Prozent.
In Baden-Württemberg zeigt sich dasselbe Muster. Auch dort wurde die AfD laut Infratest dimap mit 37 Prozent stärkste Kraft unter Arbeitern – ein Plus von 11 Punkten gegenüber 2021. Die CDU kam auf 21 Prozent (minus 2 Punkte), die Grünen auf 18 Prozent (minus 2 Punkte). Die SPD brach auf nur noch 5 Prozent ein – ein Minus von 5 Punkten, weit abgeschlagen hinter AfD und CDU.
Nimmt man beide bisherigen Landtagswahlen zusammen, ergibt sich ein klares Bild. Die AfD hat sich bei Arbeitern als neue Dominanzkraft etabliert, während SPD und CDU in dieser Gruppe gemeinsam Stimmen verlieren.
Warum AfD? Protest, Abstiegsangst, Überzeugung
Dass die AfD gerade bei Arbeitern und Jungwählern so stark zulegt, ist laut Forschungsgruppe Wahlen kein Zufall. Der Erfolg der Partei speist sich demnach aus einem Gemisch aus echtem Überzeugungswählen, Proteststimmen und verbreiteten Abstiegsängsten. Im AfD-Lager herrschte eine ausgeprägte Skepsis gegenüber den Regierenden, und das auf Bundes- wie auf Landesebene, so die Forscher.
Nahezu alle AfD-Anhänger, laut Forschungsgruppe Wahlen rund 95 Prozent, seien davon überzeugt, dass ihre Partei als einzige die drängenden gesellschaftlichen Probleme offen anspricht. Dieses Gefühl, von der politischen Mitte nicht gehört zu werden, solle erklären, warum gerade jene Gruppen zur AfD tendieren, die sich ökonomisch oder gesellschaftlich abgehängt fühlen.
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Zwei Länder, ein Strukturwandel
Trotz unterschiedlichen Ausgangs der Wahlen – CDU-Sieg in Rheinland-Pfalz, Grünen-Sieg in Baden-Württemberg – zeigt sich in beiden Bundesländern dieselbe strukturelle Tendenz: Die AfD gewinnt überproportional bei jungen Wählerinnen und Wählern sowie bei Arbeitern, während die CDU ihren Rückhalt vor allem in der älteren Generation hat. Die SPD verliert auf breiter Front. Was einst die soziale Trägerschicht der Sozialdemokratie ausmachte, wählt heute mehrheitlich eine andere Partei.
