Bundesumweltministerin Steffi Lemke von den Grünen hat am Donnerstag versucht, den Konflikt zwischen zwei zerstrittenen Lagern zu befrieden. Das scheint nicht so recht gelungen. Das zeigen die Reaktionen auf ihren Vorschlag, wie „Problem“-Wölfe leichter geschossen werden können. Die Idee: Wenn ein Raubtier durch den Zaun auf eine geschützte Weide gelangt und Nutztiere tötet, soll es im 1000-Meter-Umkreis um die Rissstelle 21 Tage lang geschossen werden dürfen. 21 Tage, weil Wölfe meist in dieser Zeit einen zweiten Versuch unternehmen. Bislang war für den Abschuss ein DNA-Test und ein kompliziertes Verfahren nötig.

Axel Vogel, der grüne Umweltminister in Brandenburg, dem Wolfsland Nr. 1, sagte: „Wir begrüßen, dass der Bund für eine anwendbare Regelung zu schnelleren Wolfsabschüssen bei erhöhtem Rissaufkommen an Nutztieren sorgen will.“ Auch die Deutsche Umwelthilfe begrüßt den Vorschlag. „Der Vorschlag trägt dem Schutz der Wölfe und der Weidetiere Rechnung und lässt sich im Rahmen der bestehenden Gesetze und Schutzvorgaben umsetzen.“

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Kritik kommt etwa vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Der Brandenburger Chef Axel Kruschat sagte der Berliner Zeitung: „Es gibt gute und schlechte Seiten an dem Vorschlag. Gut ist es, wenn komplizierte Vorschriften vereinfacht werden sollen. Negativ ist: Auch diese Regelung sorgt wieder für eine Ausweitung der Abschussmöglichkeiten für die streng geschützten Tiere.“

Es sei falsch, dass die Tiere auch 1000 Meter von der Weide entfernt erlegt werden dürfen. „Dann könnte auch ein Wolf geschossen werden, der gar kein Wiederholungstäter ist, sondern nur am Schutzzaun der Weide vorbeilaufen will.“ Das sei mit dem Naturschutzrecht gar nicht vereinbar. Sinnvoller wäre es, wenn Jäger nach einem Riss auf der Weide warten, ob der Wolf erneut eindringt. „Dann könnte das Tier geschossen werden.“

Scharfe Kritik kommt von der anderen Seite. Dirk-Henner Wellershoff, Präsident des Brandenburger Jagdverbandes, sagte: „Die Politik erlässt eine komplizierte Regel nach der anderen.“ Wieder müssten aufwändig Einzelgenehmigungen beantragt werden. Er ist dafür, den Wolf endlich ins Jagdrecht aufzunehmen und eine Schonzeit festzulegen, wann die Wölfe nicht geschossen werden dürfen wegen der Jungtiere.

„Das Problem ist doch: Wald und Flur sind mit Wölfen gesättigt“, sagte der oberste Jäger in Brandenburg. „Wir müssen endlich runter mit den Beständen.“ Allein im Land Brandenburg lebten doppelt so viele Wölfe wie in ganz Schweden und Norwegen. „Alle wissen, dass das viel zu viele sind. Eine pragmatische Reduzierung des Bestandes ist der einzig gangbare Weg.“

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Der Verband Freie Bauern, der vor allem bäuerliche Familienbetriebe und Weidetierhalter vertritt, spricht bei Lemkes Vorschlag von einem „billigen Ablenkungsmanöver“. Der Verband sagte, dass auch die strengen FFH-Richtlinien der EU den generellen Abschuss erlauben – etwa in der Nähe von Siedlungen und Viehweiden. „Statt wie in Schweden eine verträgliche Populationsgröße festzulegen, die nicht überschritten werden darf, soll nach Lemkes Vorstellungen der Abschuss einzelner Wölfe nach wie vor an zahlreiche Bedingungen geknüpft bleiben“, sagte Vize-Sprecher Marco Hintze aus Brandenburg.

Die Festlegung von Obergrenzen für die Gesamtpopulation lehnt Steffi Lemke weiterhin ab. Damit kann sie bei Jägern und Landwirten nicht punkten. Ihr neuer Vorschlag wird den Streit damit wohl kaum beenden. Denn den einen geht er zu weit, den anderen nicht weit genug.

QOSHE - Wölfe abschießen oder schützen: Was machen wir bloß mit den Tieren? - Jens Blankennagel
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Wölfe abschießen oder schützen: Was machen wir bloß mit den Tieren?

6 0
13.10.2023

Bundesumweltministerin Steffi Lemke von den Grünen hat am Donnerstag versucht, den Konflikt zwischen zwei zerstrittenen Lagern zu befrieden. Das scheint nicht so recht gelungen. Das zeigen die Reaktionen auf ihren Vorschlag, wie „Problem“-Wölfe leichter geschossen werden können. Die Idee: Wenn ein Raubtier durch den Zaun auf eine geschützte Weide gelangt und Nutztiere tötet, soll es im 1000-Meter-Umkreis um die Rissstelle 21 Tage lang geschossen werden dürfen. 21 Tage, weil Wölfe meist in dieser Zeit einen zweiten Versuch unternehmen. Bislang war für den Abschuss ein DNA-Test und ein kompliziertes Verfahren nötig.

Axel Vogel, der grüne Umweltminister in Brandenburg, dem Wolfsland Nr. 1, sagte: „Wir begrüßen, dass der Bund für eine anwendbare Regelung zu schnelleren Wolfsabschüssen bei erhöhtem Rissaufkommen an Nutztieren sorgen will.“ Auch die Deutsche Umwelthilfe begrüßt den Vorschlag. „Der Vorschlag trägt dem Schutz der Wölfe und der Weidetiere Rechnung und lässt........

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