In Abwandlung einer alten Floskel könnte die Berliner Wirtschaft derzeit sagen: Von Brandenburg lernen, heißt siegen lernen. Denn das Nachbarland der deutschen Hauptstadt hatte im ersten Halbjahr das größte Wirtschaftswachstum – wohlgemerkt bundesweit. Haupttreiber dieses doch recht überraschenden Aufschwungs für ein ostdeutsches Bundesland ist die Ansiedlung der Tesla-Fabrik gleich vor den östlichen Toren Berlins in Grünheide im Landkreis Oder-Spree.

„Berlin profitiert natürlich auch davon, weil bei Tesla derzeit etwa 11.000 Beschäftigte arbeiten und ein großer Teil davon aus Berlin kommt“, sagte Carsten Brönstrup, Sprecher der Unternehmensverbände Berlin und Brandenburg (UVB). „Die Zahlen bei Tesla sind doch ziemlich beachtlich: Sechs von zehn Mitarbeitern kommen aus Berlin.“

Die sogenannte Gigafactory Berlin-Brandenburg ist die vierte Tesla-Fabrik weltweit und die erste in Europa. Sie wurde in Rekordzeit errichtet: Baustart war Anfang 2020, die ersten Fahrzeuge liefen im März 2022 vom Band. Die Kosten für den Bau der Fabrik belaufen sich auf fast sechs Milliarden Euro. Es ist die größte industrielle Investition in Ostdeutschland. Genau wie Brandenburg hatte Berlin lange hinter den Kulissen mit Tesla-Chef Elon Musk und seinem Team gedealt, ob die Fabrik in Berlin errichtet werden kann. Berlin verlor das Rennen, Brandenburg gewann.

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Nicht nur Tesla allein ist für die positiven wirtschaftlichen Zahlen in Brandenburg verantwortlich, sondern dass sich die Gesamtregion Berlin-Brandenburg zu einem Zentrum für die Elektromobilität entwickelt. Auch andere Großkonzerne investieren: BASF baut im südbrandenburgischen Schwarzheide bereits Batteriekomponenten. Im Batteriesektor will auch das Unternehmen Rock Tech 650 Millionen Euro in Guben investieren, die chinesische Firma SVolt will in Lauchhammer bauen, und angeblich denkt auch Porsche derzeit über eine Batteriefabrik in Südbrandenburg nach.

Es gebe viele Zulieferer in der gesamten Wertschöpfungskette für Elektrofahrzeuge, von Batterieherstellern bis zum Batterie-Recycling, sagte Brönstrup. „Und auch in Berlin hat sich bereits ein halbes Dutzend Firmen aus diesem Bereich angesiedelt.“ Da entwickele sich etwas. „Es entsteht ein Wachstumskern, der der ganzen Region Berlin-Brandenburg einen Schub bringt.“ Berlin könne aber grundsätzlich einiges von Brandenburg lernen.

In Brandenburg nahm das Bruttoinlandsprodukt im ersten Halbjahr 2023 preisbereinigt gegenüber dem Vorjahreshalbjahr um gleich sechs Prozent zu. „Zum ersten Mal seit 1999 ist Brandenburg das wachstumsstärkste Bundesland – und das auch noch mit großem Abstand“, sagte UVB-Hauptgeschäftsführer Alexander Schirp. In einer Zeit, in der viele andere Regionen mit Problemen zu kämpfen hätten, sei das besonders bemerkenswert.

Brandenburgs Wirtschaft wächst nicht nur stärker als alle Bundesländer – sondern: Das geschieht auch deutlich gegen den allgemeinen Trend. Denn nur sechs der 16 Länder hatten überhaupt ein Wachstum – und so wies Deutschland insgesamt einen Rückgang um 0,3 Prozent auf. In Berlin lag das Minus bei 0,1 Prozent. Dass Berlin besser ist als der Bundesschnitt, hat wohl auch mit dem Wachstum im benachbarten Brandenburg zu tun.

Berlin hatte auch um die Ansiedlung gekämpft und gegen Brandenburg verloren. Ist die Berliner Wirtschaft nun neidisch? „Natürlich hätte Berlin eine solche Ansiedlung auch gerne exklusiv gehabt“, sagte UVB-Sprecher Brönstrup. Es handelt sich um eine sogenannte Ankerinvestition, um die sich nun viele andere Firmen ansiedeln. Aber der Verband spreche sowieso für die gesamte Region Berlin-Brandenburg und sehe sie auch so.

Tesla plant derzeit einen massiven Ausbau der Fabrik. Dann sollen die Mitarbeiterzahlen mindestens verdoppelt und auch die Produktionskapazität auf eine Million Fahrzeuge verdoppelt werden. Umweltschützer und Bürgerinitiativen vor Ort melde dagegen weiterhin massive Kritik an, vor allem sehen sie das Grundwasser von Hunderttausenden Anwohnern gefährdet.

Die Wirtschaftsverbände sehen die Pläne positiv. Wenn die Ankündigungen von Tesla in die Tat umgesetzt werden, dann profitiert Berlin auch weiterhin deutlich von diesem Standort direkt am östlichen Berliner Ring, sagte Brönstrup. „Da sind wir längst noch nicht am Ende der Möglichkeiten. Wenn die Entwicklung so weitergeht, dann wird Brandenburg zu einem der großen Mobilitätsstandorte in Deutschland. Das wirkt sich dann auch auf den Wohlstand in Berlin aus.“

Was kann Berlin aus dem Sieg beim Wettlauf um Tesla von Brandenburg lernen? „Brandenburg ist unkomplizierter“, sagte Brönstrup. „Da wird weniger politisiert, da werden irgendwann pragmatische Entscheidungen getroffen und bestimmte Debatten sind schneller zu Ende“, so der Sprecher. „Auf alle Fälle hat Brandenburg vieles richtig gemacht.“ Auch beim Tempo, mit der die Tesla-Fabrik erlaubt und gebaut wurde. „Das hat das Standing von Brandenburg enorm verbessert – auch weltweit“, sagte er. „Wenn sich Berlin daran orientiert, wäre das nicht verkehrt.“

QOSHE - Tesla sorgt für Boom in Brandenburg – was kann Berlin lernen? - Jens Blankennagel
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Tesla sorgt für Boom in Brandenburg – was kann Berlin lernen?

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18.10.2023

In Abwandlung einer alten Floskel könnte die Berliner Wirtschaft derzeit sagen: Von Brandenburg lernen, heißt siegen lernen. Denn das Nachbarland der deutschen Hauptstadt hatte im ersten Halbjahr das größte Wirtschaftswachstum – wohlgemerkt bundesweit. Haupttreiber dieses doch recht überraschenden Aufschwungs für ein ostdeutsches Bundesland ist die Ansiedlung der Tesla-Fabrik gleich vor den östlichen Toren Berlins in Grünheide im Landkreis Oder-Spree.

„Berlin profitiert natürlich auch davon, weil bei Tesla derzeit etwa 11.000 Beschäftigte arbeiten und ein großer Teil davon aus Berlin kommt“, sagte Carsten Brönstrup, Sprecher der Unternehmensverbände Berlin und Brandenburg (UVB). „Die Zahlen bei Tesla sind doch ziemlich beachtlich: Sechs von zehn Mitarbeitern kommen aus Berlin.“

Die sogenannte Gigafactory Berlin-Brandenburg ist die vierte Tesla-Fabrik weltweit und die erste in Europa. Sie wurde in Rekordzeit errichtet: Baustart war Anfang 2020, die ersten Fahrzeuge liefen im März 2022 vom Band. Die Kosten für den Bau der Fabrik belaufen sich auf fast sechs Milliarden Euro. Es ist die größte industrielle Investition in Ostdeutschland. Genau wie Brandenburg hatte Berlin lange hinter den Kulissen mit Tesla-Chef Elon Musk und seinem Team gedealt, ob die Fabrik in........

© Berliner Zeitung


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