An der Warschauer Brücke soll eine Unterkunft für Menschen eröffnen, die vor allem aus Syrien, Afghanistan und der Türkei geflüchtet sind. Clubbetreiberin Carla Pahlau ist dagegen. Ihr Club liegt gegenüber unter den S-Bahnbögen. Ihre Gäste sind vor allem Homosexuelle. Sie sieht bei Menschen aus muslimischen Ländern eine stärkere Homophobie und will ihre Gäste schützen.

Frau Pahlau, wir haben Sie um ein Gespräch gebeten, weil Ihnen ein atemberaubender Wandel vorgeworfen wird: Bis vor drei Wochen waren Sie eine Vorkämpferin und Ihr Club, Die Busche, galt im Osten Berlins seit 1985 als ein wichtiger Treffpunkt für Homosexuelle und andere sexuelle Minderheiten. Nun wird Ihnen vorgehalten, Sie würden rechtspopulistische Ansichten äußern. Was ist passiert?

Als ich am 17. August in den Club kam, hatten meine Mitarbeiter einen Flyer im Briefkasten gefunden. Eine Woche später sollte eine öffentliche Begehung in dem bisherigen Hostel genau gegenüber stattfinden – das soll ein Wohnheim für 650 Asylbewerber werden. Wir Gewerbetreibenden an der Warschauer Brücke haben von nichts gewusst. Es waren nur noch 14 Tage bis zur Eröffnung. Da habe ich Briefe geschrieben. An den Bezirk, das zuständige Amt und den Regierenden Bürgermeister. Wir sind ein Club für Schwule, für Lesben, für Transsexuelle und für alle, die sich bei uns wohlfühlen. Und für die entsteht ein Angstraum, denn sie gehören zu einer Minderheit, für die potenziell immer eine Gefahr besteht.

Schwuler Comedian Daniel-Ryan Spaulding: „Bevor ich gecancelt werde, müsst ihr mich umbringen“

09.09.2023

Nach Fußballer-Transfer: Saudis zensieren Jordan Hendersons LGBT-Binde

28.07.2023

10.09.2023

09.09.2023

11.09.2023

Sie schreiben in dem Brief zu Angriffen auf Homosexelle: „Die weitaus überwiegende Zahl der Straftäter sind Migranten mit muslimischem Hintergrund.“ Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie muslimische Asylsuchende pauschal als potenzielle Täter eingruppieren. Dabei nimmt doch die Polizei die Nationalität oder Religion der Täter gar nicht auf?

Ja, ich kann das nicht mit Zahlen belegen. Aber wenn Polizisten ehrlich mit Ihnen reden, wird Ihnen das überall bestätigt. Das ist Teil der Realität, aber sie wird von der Politik und von politischen Aktivisten meist ignoriert.

Sie meinen, es ist ähnlich wie mit der Israelfeindlichkeit bei etlichen Menschen, die aus arabischen Ländern stammen?

Ja, Schwule und Lesben gelten in der muslimischen Welt nicht als gleichberechtigt, sie werden nicht akzeptiert. Ich kenne viele schwule Paare, die sind früher Hand in Hand gegangen. Aber heute trauen sie sich das in Neukölln oder Lichtenberg nicht mehr.

Frau Pahlau, haben Sie rechtsradikale Ansichten, haben Sie etwas gegen Ausländer?

Wer mir so etwas unterstellt, kennt mich nicht, hat keine Ahnung von meinem Leben und ist böswillig. Ich sage immer: Wem die rechtsradikale Jacke passt, der mag sie anziehen, mir jedenfalls passt sie ganz sicher nicht. Ich habe bei uns schon Veranstaltungen für Iraner gemacht, für Türken, für Obdachlose. Ich war Ehrengast auf türkischen Veranstaltungen. Und wissen Sie was: Wenn ich mit meinem Hund von der Tierrettung spazieren gehe, freue ich mich über den Vater aus Pakistan und seine Kinder, die grüßen noch und sind freundlich. Die Deutschen schauen nur auf ihre Handys.

Wie sehen die anderen Gewerbetreibenden Ihre Aktion?

Ich drängle mich definitiv nicht in die Medien, aber die meisten Gewerbetreibenden schweigen, sagen aber zu mir: „Du hast recht. Gut, dass du etwas sagst. Ich würde es mich nicht trauen aus Angst, dass ich zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt werde.“ Einer der Gewerbetreibenden in der Nachbarschaft ist gebürtiger Türke, der sagt mir, dass auch er Angst vor dem Heim habe. Denn das Gebiet um die Warschauer Brücke ist als kriminalitätsbelasteter Ort eingestuft. Er traut sich schon jetzt nicht mehr, seine blonde Frau dort abends allein arbeiten zu lassen.

Wie sehen es die Gäste in Ihrem Club?

Alle, die mit mir darüber sprechen, sind auf meiner Seite. Ich bekomme auch Briefe aus dem gesamten Bundesgebiet. Ein Mann aus Köln schrieb: „Mir kommen beim Schreiben die Tränen, weil ich nicht fassen kann, dass sich jetzt, im 21. Jahrhundert, Abgründe auftun, und Menschen auf Grund ihrer empfundenen Liebe angegriffen oder sogar hingerichtet werden.“ Viele bedanken sich, dass endlich mal jemand die Wahrheit sagt über die Angst, die viele Schwule und Lesben im Alltag empfinden.

Wie sind die Reaktionen der queeren Community?

Ich spreche nicht für die Community. Die politischen Aktivisten in der Szene schießen nun auf mich. Der Vorwurf mit dem Rechtspopulismus kommt eigentlich nur aus der queeren Ecke. Alle anderen haben meine Bedenken inhaltlich ernst genommen und diskutieren darüber.

Aber es ist die Community Ihres Clubs?

Na ja. Die wollten uns noch nie so richtig. Unser Club ist ein Familienbetrieb, gegründet schon in der DDR, 1985. Er entwickelte sich zu einem beliebten Laden für Schwule und Lesben. Als 1989 die Mauer fiel, wurden wir als Dorfdisco bezeichnet, als Ost-Disco. Wir wurden nie gleichwertig behandelt. Wir waren Außenseiter und sind es geblieben. Wir sind nicht enttäuscht, wir haben einfach unsere Individualität weitergelebt und haben so als Club überlebt – ohne Fördergelder. Aber in der Community sind viele auf Fördergelder aus oder auf Posten. Da bemühen sich viele, passend zum Zeitgeist zu agieren. Man sägt nicht den Ast ab, auf dem man sitzt.

Wie stehen Sie zu Fragen wie dem Gendern?

Das war nie unser Ding. Bei uns haben wir immer auf Individualität gesetzt und nicht auf das Politisieren. Wir wollen die Gesellschaft nicht in Gruppen einteilen, bei denen es nur um Sexualität geht. Schwule und Lesben sind ganz normale Menschen, die haben die gleichen Probleme, mit der Inflation oder mit fehlendem Wohnraum oder mit der Partnerschaft. Viele unserer Gäste sagen: Wir wollen nicht ständig nur über unsere Sexualität definiert werden und darüber, wo und mit wem und wie wir feiern. Zum Thema Gendern sage ich nur: Was soll der politische Aktionismus, den Heteros das Gendern aufzuzwingen. Das erhöht doch nicht die Akzeptanz für sexuelle Minderheiten. Das trägt eher zur Spaltung bei.

Sie sind also das schwarze Schaf für die Community?

Genau. Das erinnert mich an früher. Meine Mutter war in der DDR sehr linientreu, ich kenne also ideologisch verbohrte Leute. Aber der Vater meines Sohnes war zwei Jahre lang politischer Gefangener. Deshalb wurde auch ich von der Stasi verhört. Da lernt man, was Angst ist. Aber ich habe gelernt zu kämpfen. Ich war das schwarze Schaf der Familie, nun bin ich das schwarze Schaf der Community. Aber man darf sich doch nicht das Wort verbieten lassen, wenn es um Realitäten geht.

Wegen Männer-Kuss: Konzert-Veranstalter fordern 2,4 Millionen Euro von The 1975

14.08.2023

Zehn Jahre als Romeo: Was ein schwuler Mann auf Dating-Plattformen erlebt

10.09.2023

Wie war die Kommunikation der Behörden zu dem Wohnheim?

Die Kommunikationspolitik der Behörden war und ist eine Katastrophe. Ich habe mit meinem Anwalt auch Akteneinsicht beantragt. Selbst einfache Fragen werden nicht beantwortet: Wie viele Sozialarbeiter kommen auf die 650 Asylsuchenden? Da wurde blockiert und verzögert, wir wurden hingehalten. Dann fanden wir in den Akten, dass die Behörden seit Februar wissen, dass dort ein Wohnheim entsteht. Aber die Flyer für die Informationsveranstaltung wurden erst zwei Wochen vor Eröffnung verteilt. Damit niemand mehr Zeit hat, ernsthaft Einspruch zu erheben.

Was wollen Sie nun machen?

Bei der Akteneinsicht haben wir gesehen, dass keine Baugenehmigung vorliegt. Obwohl es ein Hostel ist, das umgenutzt wird. Und da ist eine Baugenehmigung vorgeschrieben, sagt mein Anwalt. Dann wurde behauptet, es gebe eine Duldung. Nun heißt es in einem Schreiben vom Bezirk, dass es gar keine Duldung gibt. Es ist völlig wirr. Es sieht aus, als wäre das Wohnheim eine rechtswidrige Inbetriebnahme.

Wie haben Sie und Ihr Club die Pandemie überstanden?

Wir mussten zwei Jahre geschlossen haben. Eine harte Zeit für die Gastronomie. Dann dachten wir: Jetzt geht es wieder los. Aber es hat sich nicht wieder dahin entwickelt, wie es vorher war. Auch für uns wird alles teurer. Viele frühere Gäste haben sich in der Pandemie in ihre Freundeskreise zurückgezogen, machen zum Beispiel öfter Spielabende.

Ist Ihr Club gefährdet?

Wirtschaftlich ist es für alle Gastronomen eine schwierige Situation. Wenn es jetzt zu einem Vorfall käme, müsste ich den Laden wohl abgeben. Ich fühle mich verantwortlich für das Wohl meines Personals und meiner Gäste. Für die Integration aber bin ich nicht zuständig.

Wollen Sie klagen?

Am Donnerstag kommt der Stellvertretende Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg und auch Klaus Lederer von den Linken zu uns. Dann werden wir sehen. Ich werde mir den Weg einer Klage offenhalten, vor allem seit wir wissen, dass es offenbar nicht mal eine Duldung für das Heim gibt.

Nun heißt es: Die Asylsuchenden könnten bei Ihnen an der Warschauer Brücke nun direkt vor der Wohnheimtür lernen, was Toleranz ist. Was halten Sie davon?

Solche Sichtweisen sind völlig realitätsfremd. Da fällt mir nichts ein. Da kann ich der Politik nur mit Goethe sagen: Freilich ist’s kein Vorteil für die Herde, wenn der Schäfer ein Schaf ist.

Wo sollen all jene hin, die politisches Asyl suchen?

Jedenfalls nicht in große Heime oder Turnhallen. So kann keine Integration funktionieren. Das geht doch nur im Zusammenleben, in der Gemeinschaft, wenn die Familien in Wohnungen in Häusern kommen, in denen auch Einheimische leben. Das könnte helfen, dass die Integration gelingt.

Homosexuelle aus vielen arabischen Ländern bekommen bei uns politisches Asyl, weil sie in ihren Ländern verfolgt werden. Haben Sie mal gefragt, ob in dem Heim gegenüber auch solche Flüchtlinge untergebracht werden?

Wenn sie dort ein Wohnheim für homosexuelle Flüchtlinge machen würden, würden wir auch bei der Integration helfen.

Das Gespräch führte Jens Blankennagel.

QOSHE - Sind muslimisch geprägte Flüchtlinge öfter homophob? - Jens Blankennagel
menu_open
Columnists Actual . Favourites . Archive
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Sind muslimisch geprägte Flüchtlinge öfter homophob?

6 1
13.09.2023

An der Warschauer Brücke soll eine Unterkunft für Menschen eröffnen, die vor allem aus Syrien, Afghanistan und der Türkei geflüchtet sind. Clubbetreiberin Carla Pahlau ist dagegen. Ihr Club liegt gegenüber unter den S-Bahnbögen. Ihre Gäste sind vor allem Homosexuelle. Sie sieht bei Menschen aus muslimischen Ländern eine stärkere Homophobie und will ihre Gäste schützen.

Frau Pahlau, wir haben Sie um ein Gespräch gebeten, weil Ihnen ein atemberaubender Wandel vorgeworfen wird: Bis vor drei Wochen waren Sie eine Vorkämpferin und Ihr Club, Die Busche, galt im Osten Berlins seit 1985 als ein wichtiger Treffpunkt für Homosexuelle und andere sexuelle Minderheiten. Nun wird Ihnen vorgehalten, Sie würden rechtspopulistische Ansichten äußern. Was ist passiert?

Als ich am 17. August in den Club kam, hatten meine Mitarbeiter einen Flyer im Briefkasten gefunden. Eine Woche später sollte eine öffentliche Begehung in dem bisherigen Hostel genau gegenüber stattfinden – das soll ein Wohnheim für 650 Asylbewerber werden. Wir Gewerbetreibenden an der Warschauer Brücke haben von nichts gewusst. Es waren nur noch 14 Tage bis zur Eröffnung. Da habe ich Briefe geschrieben. An den Bezirk, das zuständige Amt und den Regierenden Bürgermeister. Wir sind ein Club für Schwule, für Lesben, für Transsexuelle und für alle, die sich bei uns wohlfühlen. Und für die entsteht ein Angstraum, denn sie gehören zu einer Minderheit, für die potenziell immer eine Gefahr besteht.

Schwuler Comedian Daniel-Ryan Spaulding: „Bevor ich gecancelt werde, müsst ihr mich umbringen“

09.09.2023

Nach Fußballer-Transfer: Saudis zensieren Jordan Hendersons LGBT-Binde

28.07.2023

10.09.2023

09.09.2023

11.09.2023

Sie schreiben in dem Brief zu Angriffen auf Homosexelle: „Die weitaus überwiegende Zahl der Straftäter sind Migranten mit muslimischem Hintergrund.“ Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie muslimische Asylsuchende pauschal als potenzielle Täter eingruppieren. Dabei nimmt doch die Polizei die Nationalität oder Religion der Täter gar nicht auf?

Ja, ich kann das nicht mit Zahlen belegen. Aber wenn Polizisten ehrlich mit Ihnen reden, wird Ihnen das überall bestätigt. Das ist Teil der Realität, aber sie wird von der Politik und von politischen Aktivisten meist ignoriert.

Sie meinen, es ist ähnlich wie mit der Israelfeindlichkeit bei etlichen Menschen, die aus arabischen Ländern stammen?

Ja, Schwule und Lesben gelten in der muslimischen Welt nicht als gleichberechtigt, sie werden nicht akzeptiert.........

© Berliner Zeitung


Get it on Google Play