Die Wangen sind rot, aber nicht so sehr wegen des Novemberwetters, sondern wegen der Aufregung. Denn an diesem Dienstag ist es im äußersten Norden von Brandenburg geradezu mild. Doch die zwei Dutzend Erst- und Zweitklässler haben hier in der kleinen Stadt Himmelpfort eine wichtige Aufgabe zu erledigen. Sie stehen mitten im Ort und sollen den Weihnachtsmann herbeirufen. So erklärt es ihnen Anke Blenn, eine Sprecherin der Deutschen Post. Und die Kinder rufen: „Weihnachtsmann, Weihnachtsmann.“ Immer wieder. Doch der kommt nicht.

Sie rufen immer lauter, und ihre Wangen werden immer röter. Nach dem zehnten Mal kommt ein gelbes Postauto angerollt – und wer steigt aus? Der Weihnachtsmann. Die Kinder jubeln.

Alle Jahre wieder – dieser Weihnachtsspruch passt auch zu diesem Tag Mitte November. Denn hier in dem kleinen Ort mit dem himmlischen Namen wird offiziell die Weihnachtspostfiliale eröffnet, so wie seit 39 Jahren. „Wir rechnen auch in diesem Jahr wieder mit mehr als 300.000 Briefen“, sagt Postsprecherin Blenn. Im vergangenen Jahr waren es 320.000 Wunschbriefe, die hierher geschickt wurden. Obwohl das hier doch gar kein reguläres Postamt ist, sondern immer nur für sechs Wochen eine Weihnachtfiliale.

Inzwischen ist das eine Art Werbeaktion für das Briefeschreiben. „Die Kinder schreiben ja nicht nur ihre Wünsche an den Weihnachtsmann auf und schicken sie ihm“, sagt die Sprecherin. „Viele Kinder kennen heute für die Nachrichtenübermittlung nur noch WhatsApp und andere digitale Dienste; viele wissen gar nicht, was ein Brief ist.“ Nun lernen sie, wozu die Briefmarke da ist und wo der Absender hinkommt.

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Einen solchen Brief hat auch der zweieinhalbjährige Fiete in der Hand. Adresse und Absender hat seine Mutter Antje Grundwald auf den Brief geschrieben. „Aber seinen Weihnachtswunsch hat er selbst gemalt“, sagt die 35-Jährige. Eine Polizeistation und ein Polizeiauto. Sie sind mit der Oma extra aus einem 50 Kilometer entfernten Ort angereist. Nun wartet Fiete mit seinem Brief geduldig, bis der Weihnachtsmann alle Wunschbriefe der Schulkinder geöffnet hat, dann übergibt er seinen Brief. Er bekommt das Versprechen, dass er eine Antwort zugesendet bekommt und dass der Weihnachtsmann alles tun wird, um seinen Wunsch zu erfüllen.

Dass Himmelpfort zu einer Weihnachtsfiliale wurde, war gar keine Idee der Post selbst, sondern von Kindern. Ein Kind aus Sachsen und eines aus Berlin wollten 1984 ihre Wünsche direkt an den Weihnachtsmann senden und überlegten, wo der wohl wohnen könnte. Sie wählten nicht den Nordpol, sondern Himmelpfort. Das lag immerhin auch in der DDR.

Die Postzustellerin konnte die Briefe nicht zustellen. Sie wollte sie aber auch nicht mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ zurücksenden. „Also antwortete sie den Kindern persönlich“, sagte Blenn. Das sprach sich schnell herum und 1989 musste sie dann mit anderen schon 75 Briefe pro Jahr beantworten. Inzwischen stellt die Post extra 20 Mitarbeiterinnen aus der Region für sechs Wochen an, die alle Briefe beantworten.

Das ist richtig Arbeit: Es gibt zwar vorgedruckte Antwortschreiben und einen hübsch gestalteten Umschlag. Aber die „Weihnachtsengel“ müssen jeden Brief öffnen, die Adresse abschreiben und den Brief versandfertig machen.

Als der Weihnachtsmann an diesem Tag zu seinen Engeln in die Schreibstube kommt, stehen dort viele Plastikbehälter voller Briefe. Bislang sind bereits 10.000 eingetroffen. In den Kästen ist etwa ein Brief von einem Bruce aus Australien und einer Josephine aus dem US-Bundesstaat Indiana. Da sind Briefe aus Italien und Belgien, aber auch aus China und Russland. Jedes Jahr kommen etwa 16.000 Briefe aus dem Ausland – in 60 Staaten dieser Welt ist Himmelpfort als Anschrift des Weihnachtsmanns bekannt. Aber nicht nur in Brandenburg gehen Wunschbriefe ein. Bundesweit gibt es sieben Weihnachtspostämter – etwa in Engelskirchen oder St. Nikolaus. Insgesamt kamen im Vorjahr 633.900 Briefe an.

Die Adresse lautet tatsächlich: An den Weihnachtsmann, Weihnachtspostfiliale, 16798 Himmelpfort

QOSHE - Saisonstart: Der Weihnachtsmann hat am Dienstag seine Arbeit begonnen - Jens Blankennagel
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Saisonstart: Der Weihnachtsmann hat am Dienstag seine Arbeit begonnen

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14.11.2023

Die Wangen sind rot, aber nicht so sehr wegen des Novemberwetters, sondern wegen der Aufregung. Denn an diesem Dienstag ist es im äußersten Norden von Brandenburg geradezu mild. Doch die zwei Dutzend Erst- und Zweitklässler haben hier in der kleinen Stadt Himmelpfort eine wichtige Aufgabe zu erledigen. Sie stehen mitten im Ort und sollen den Weihnachtsmann herbeirufen. So erklärt es ihnen Anke Blenn, eine Sprecherin der Deutschen Post. Und die Kinder rufen: „Weihnachtsmann, Weihnachtsmann.“ Immer wieder. Doch der kommt nicht.

Sie rufen immer lauter, und ihre Wangen werden immer röter. Nach dem zehnten Mal kommt ein gelbes Postauto angerollt – und wer steigt aus? Der Weihnachtsmann. Die Kinder jubeln.

Alle Jahre wieder – dieser Weihnachtsspruch passt auch zu diesem Tag Mitte November. Denn hier in dem kleinen Ort mit dem himmlischen Namen wird offiziell die Weihnachtspostfiliale eröffnet, so wie seit 39 Jahren. „Wir rechnen auch in diesem Jahr wieder mit mehr als 300.000 Briefen“, sagt Postsprecherin Blenn. Im vergangenen Jahr waren es 320.000........

© Berliner Zeitung


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