Vier Millionen – das ist so etwas wie die magische Marke, wenn es um die Einwohnerzahl von Berlin geht. Die einen sehnen sie herbei, weil Wachstum nun mal gut zur größten Stadt der EU passt. Die anderen fürchten sie, weil die vorhandene Infrastruktur dem nicht gewachsen sei.

Doch Berlin ist von dieser Marke noch ein Stück entfernt. Denn das jahrzehntelange Versagen in der Wohnungsbaupolitik trägt auch dazu bei, dass in Berlin immer weniger Kinder geboren werden und dass die Stadt nicht mehr aus sich selbst heraus wächst.

Aber der Reihe nach: Der Vier-Millionen-Wert wurde nach dem Mauerfall recht unbedacht in die Debatte geworfen. Wohl, weil die Stadt mal so viele Berlinerinnen und Berliner zählte: Der Höchstwert lag bei 4.478.102 im Jahr 1942. Derzeit sind es 3.866.385.

Natürlich leben längst vier Millionen Menschen in dieser Stadt, denn da sind noch mehrere tausend Obdachlose sowie Zehntausende, die illegal ohne Aufenthaltspapiere hier wohnen. Doch es geht hier nicht um die oft Vergessenen dieser Stadt, sondern um die offiziellen Zahlen.

Und da fehlen noch 133.615 Neu-Berliner bis zur magischen Marke. Berlin legt zwar kontinuierlich bei der Bevölkerung zu, aber nicht etwa, weil hier so viele Kinder geboren werden. Nein, Berlin wächst vor allem durch die Krisen dieser Welt: Vor Putins Angriff auf die Ukraine stieg die Einwohnerzahl 2021 nur um 6000. Da wären noch 22 Jahre geblieben bis zur Vier-Millionen-Marke. Mit dem Krieg schnellte der Wert auf 75.000 hoch, vor allem wegen der Ukrainer. Mit einem solchen Zuzug wären die vier Millionen innerhalb von nicht mal zwei Jahren erreicht worden. Doch in diesem Jahr ist der offizielle Zuzug aus dem Ausland bislang deutlich niedriger als zu Beginn des Krieges.

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Ein Hauptgrund für diese Bevölkerungsentwicklung ist der Stillstand auf dem Immobilienmarkt. Der massive Wohnungsmangel verhindert Veränderungen. Kaum jemand zieht noch um. Das hat gravierende demografische Folgen. Denn junge Menschen – egal ob Studenten oder junge Familien – suchen ewig lange und oft auch erfolglos nach Wohnungen. Dabei gibt es durchaus viel familientauglichen Wohnraum. Bei vielen Berlinern sind die Kinder längst ausgezogen und sie würden sich bei den Wohnungen gern verkleinern. Aber warum sollen sie umziehen, wenn eine halb so große Wohnung doppelt so teuer ist wie jene, in der sie seit 30 Jahren wohnen?

Das könnte ganze Generationen blockieren. Denn welche junge Familie zieht nach Berlin, wenn es keine bezahlbaren Bleiben gibt und keine Kitaplätze. Und auch viele junge Leute, die bereits in der Stadt leben, verschieben ihren Kinderwunsch erst einmal, wenn sie nicht aus ihrer Studenten-WG herauskommen. Oder sie ziehen, wenn sie eine Familie wollen, einfach aufs Land. Und so verliert Berlin seit Jahren mehr Bürger an Brandenburg, als von dort in die ach so coole Hauptstadt ziehen.

Dass bezahlbarer Wohnraum für junge Leute fehlt, kann sich für Berlin langfristig zum Teufelskreis entwickeln. Denn je weniger Kinder geboren werden, umso höher steigt die Überalterung.

Nach aktueller Bevölkerungsprognose des Senats sollen die magischen vier Millionen etwa 2040 erreicht sein. Ob es so kommt, hängt aber nicht so sehr von Berlin selbst ab, sondern wohl eher davon, wo der nächste Großkonflikt eskaliert.

QOSHE - Kinderschwund durch verfehlte Wohnungsbaupolitik: Berlin wächst nicht aus sich selbst heraus - Jens Blankennagel
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Kinderschwund durch verfehlte Wohnungsbaupolitik: Berlin wächst nicht aus sich selbst heraus

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02.09.2023

Vier Millionen – das ist so etwas wie die magische Marke, wenn es um die Einwohnerzahl von Berlin geht. Die einen sehnen sie herbei, weil Wachstum nun mal gut zur größten Stadt der EU passt. Die anderen fürchten sie, weil die vorhandene Infrastruktur dem nicht gewachsen sei.

Doch Berlin ist von dieser Marke noch ein Stück entfernt. Denn das jahrzehntelange Versagen in der Wohnungsbaupolitik trägt auch dazu bei, dass in Berlin immer weniger Kinder geboren werden und dass die Stadt nicht mehr aus sich selbst heraus wächst.

Aber der Reihe nach: Der Vier-Millionen-Wert wurde nach dem Mauerfall recht unbedacht in die Debatte geworfen. Wohl, weil die Stadt mal so viele Berlinerinnen und Berliner zählte: Der Höchstwert lag bei 4.478.102 im Jahr 1942. Derzeit sind es 3.866.385.

Natürlich leben längst vier Millionen Menschen in dieser Stadt, denn da sind noch........

© Berliner Zeitung


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