Wenn Kraniche zu Tausenden majestätisch am Abendhimmel entlangziehen, ist das ein ergreifender Anblick. Deshalb fahren im Herbst jeden Abend Tausende Menschen wiederum extra durch Brandenburg, um diese Zugvögel zu beobachten. Besonders effektvoll ist es, wenn der Himmel auch noch einen glutroten Sonnenuntergang bieten kann, vor dem sich die schwarzen Silhouetten der Vögel wunderbar abzeichnen.

Kraniche in der Abenddämmerung zu beobachten, ist recht einfach. Die Vögel haben eine Angewohnheit: Nachts versammeln sie sich irgendwo auf unzugänglichen Feuchtwiesen. Dort stehen sie im knietiefen Wasser, sodass sie in aller Ruhe schlafen können, ohne von Füchsen oder Wölfen überrascht zu werden. Morgens aber – gleich mit dem Sonnenaufgang – fliegen sie los zu ihren Fressplätzen und kehren erst mit dem Sonnenuntergang zurück. Und alle, die wissen, wo die Schlafplätze sind, stellen sich einfach unter die Flugbahn und staunen.

27.09.2023

27.09.2023

27.09.2023

Kraniche tagsüber zu finden, ist schwieriger. Das ist etwas für Profis wie Dirk Treichel, den Leiter des einzigen Nationalparks in Brandenburg. Der 55-Jährige steigt in seinen Geländewagen, um eine möglichst große Gruppe zu suchen. „Sie schlafen meist auf der polnischen Seite der Oder und kommen zum Fressen zu uns“, erklärt er. Die Tiere fliegen zu abgeernteten Maisfeldern und suchen nach Körnern, aber sie plündern auch mal Felder, in denen schon das Korn fürs nächste Jahr liegt. „Zum Ärger der Landwirte.“

Im Odertal ist einer der großen Rastplätze der Kraniche. Sie sammeln sich hier und vor allem auch bei Linum, nordwestlich von Berlin, um Kraft zu tanken, bevor sie im November in den Süden flüchten. „Wir haben hier bis zu 15.000 Kraniche“, sagt Treichel. Er fährt weiter und sucht nach passenden Aussichtspunkten für die Kranichwoche, die am Freitag beginnt und die wieder viele Besucher in den nordöstlichen Zipfel von Brandenburg locken wird. „Wir wollen garantieren, dass alle auch wirklich diese Tiere sehen können.“

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Doch die wunderschöne Region hat auch ein ernstes Problem: Das Ökosystem der Oder ist massiv gestört. Im vergangenen Sommer wälzte sich eine giftige Welle durch den Grenzfluss – vom schlesischen Industriegebiet bis zur Ostsee. Vor allem polnische Steinkohlebetriebe sollen es sein, die viel zu viel Abwasser mit Salzen einleiten. Bei dem extremen Niedrigwasser des Dürresommers 2022 löste dies ein Massenwachstum der giftigen Goldalgen aus. Und die ließ Millionen Fische und Muscheln sterben. Die größte Naturkatastrophe seit Jahrzehnten an einem Fluss in Europa.

Das große Fischsterben sorgte nicht nur bundesweit für Schlagzeilen, sondern auch dafür, dass kaum noch Touristen kamen. Auch in diesem Sommer wurde ein Fischsterben befürchtet. Doch es blieb aus, und nun hoffen alle auf möglichst viele Kranich-Fans. Denn hier schreibt die Natur den Veranstaltungskalender der Touristiker mit: Am Anfang des Jahres gibt es die Singschwantage, im Herbst dann die Kranichwoche.

Treichel lenkt den Wagen über eine Brücke mit dem gelben Naturschutz-Schild. Hier beginnt der Nationalpark: Es ist ein bis zu fünf Kilometer breiter und 55 Kilometer langer Gürtel, durch den einst die Oder mäanderte. Es ist eine einmalige Landschaft; fast alle anderen Flüsse wurden viel radikaler begradigt und die Deiche viel näher ans Ufer gebaut. So konnte das sehr fruchtbare Land als Acker genutzt werden. Doch im Odertal stehen die Deiche so weit auseinander, dass noch immer Platz ist für den Fluss und die Natur. Es gibt bundesweit 16 Nationalparks, aber nur diesen einen Auen-Nationalpark.

Treichel fährt auf einen der Deiche und dort auf einer einspurigen Straße entlang. Es ist der Oder-Neiße-Radweg, eine Piste mit glattem schnellen Asphalt. Am hölzernen Aussichtsturm bei Stützkow mit seinen 61 Stufen geht der Blick weit übers Land.

Treichel ist nicht wegen der Schönheit der Natur hier, sondern wegen ihrer Bedrohung. Er zieht sich Gummistiefel an, geht den Deich hinab und läuft auf eine Buhne. Das ist eine von Menschen gebaute Mini-Halbinsel, die 20 Meter ins Wasser ragt. Davon gibt es alle 200 Meter eine. „Am Ufer hatten sich zwischen den Buhnen riesige Muschelbänke angesiedelt, die das Wasser reinigen“, sagt er. Doch auch diese Klärwerke der Flüsse wurden zu Opfern der giftigen Goldalgen. „Über alle Muschelarten ist ein Verlust von 65 Prozent zu beklagen. Dort liegen auch mal 20 Zentimeter hohe Schichten mit Muschelskeletten.“

Er schöpft mit einem Glas etwas Wasser aus der Oder. Dann misst er mit einem Gerät die elektrische Leitfähigkeit, ein Indiz für den Salzgehalt. Das Gerät zeigt einen Wert von 1346 Mikrosiemens pro Zentimeter. „Der Normalwert ist 600. Und die Fachleute sagen: Ab 1400 herrschen Idealbedingungen für die Goldalge.“ Vor wenigen Tagen lag der Wert noch bei 1600.

In Polen werde also weiter zu viel Salz eingeleitet, und auch in diesem Sommer hatte die Oder trotz des Regens wieder Niedrigwasser. Die Hitze und der Klimawandel sorgten zudem dafür, dass das Wasser bis zu 23 Grad warm war. „Damit gab es alle Bedingungen für eine Katastrophe wie im Vorjahr.“ Sie blieb aus. „Noch ist unklar, warum.“

Er packt das Messgerät ein und sagt, dass er ein leidenschaftlicher Schwimmer sei. „Ich schwimme fast überall. Aber seit der Katastrophe nicht mehr in der Oder.“ Und doch: Die Natur erholt sich. Er erzählt, dass der Fluss im Frühjahr viel Wasser führte. Die idealen Laichbedingungen sorgten für viele Jungfische. „Das gibt Anlass zu Hoffnung.“ Er schüttet das Glas mit dem salzigen Wasser aus und sagt: „Das hier gibt weiter Anlass zur Sorge.“

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Nun geht die Suche nach den Kranichen weiter, die meisten sind vor allem im Norden bei Garz und Mescherin. Treichels geübter Blick geht immer wieder nach links und rechts der Straße über die endlosen Hügelketten. Hinter jeder könnten Kraniche stehen.

Die Uckermark ist die beeindruckendste Region in Brandenburg. Eine Landschaft wie ein Meer. Doch die Wellen sind hier nicht aus Wasser. Es sind Hügel: hohe und flache, langgezogene und kurze Erdwellen, die die letzte Eiszeit hinterlassen hat. Eine Postkartenlandschaft.

Die Gegend ist recht menschenleer. Schwedt als größte Stadt hat 35.000 Einwohner. Es gibt kaum Industrie, der Tourismus ist ein Rückgrat der Wirtschaft. Und die meisten Ausflügler kommen als Naturtouristen. „Die Natur ist unser Kapital“, sagt Dirk Treichel mit seiner kräftigen, tiefen Stimme. „Deshalb kommen die Touristen aus allen Ecken der Republik, deshalb kommen viele Berliner zur Kranichwoche.“ Treichel zeigt unterwegs, welche Cafés mitmachen, welche Museen und wo die Treffpunkte für die Kranich-Expeditionen sind. „Wir bieten an jedem Tag so viel Programm, dass sich möglichst viele Leute über Nacht einmieten.“

Dann ist er an Schwedt vorbei, die Landschaft wird wieder weit und hügelig. Unterwegs erklärt er, was einen guten Aussichtspunkt auszeichnet: Er muss weit genug entfernt sein von den Vögeln, aber auch nah genug, um sie zu beobachten. Außerdem muss die Stelle am besten hinter Büschen versteckt sein, damit die Besucher die äußerst scheuen Vögel nicht aufscheuchen. „Unsere oberste Priorität ist, die Kraniche nicht zu stören.“

Dann brummt er ein tiefes: „Dort.“ Er zeigt auf eine Komposition aus drei ineinander laufenden Hügeln voller grauer Punkte. Dutzende, Hunderte. „Kraniche bei der Mittagsruhe“, sagt er. „Das sind bestimmt tausend. Perfekt.“ Er verlangsamt die Fahrt, fährt auf eine Holperpiste, einen Feldweg. Ganz langsam lässt er den Wagen hinter einen Busch rollen. Vorsichtig öffnet er die Autotür. „Bitte nicht zuschlagen, sonst sind alle weg.“ Geschützt vom Busch stellt er das Spektiv auf – und dieses dicke Fernrohr für Profis ändert alles: Aus den winzigen grauen Punkten kurz vor dem Horizont werden bei 30-facher Vergrößerung überlebensgroße Lebewesen.

Wie auf einer Kinoleinwand ist jedes Detail zu erkennen, etwa die roten Federmützen auf dem Kopf. Der Blick schweift über Vögel, die ganz gelassen dösen. Ab und an breitet einer die Flügel weit aus, hüpft und dreht sich und vollführt am Boden einen eleganten Tanz.

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Dass es hier völlig ungestörte Rückzugsräume für seltene Arten gibt, ist nicht nur wichtig für den Naturschutz und die Artenvielfalt, sagt Treichel. Es habe auch einen philosophischen Aspekt. „Wenn der Mensch hier nicht mehr eingreift, dann geht es um Verzicht, es geht um Demut und um die Frage: Trauen wir der Natur zu, sich eigenständig zu entwickeln.“ Er schweigt kurz. „Wir nehmen uns zurück und machen uns ein Stück weit überflüssig.“

Wilde Natur gibt es in Deutschland nicht mehr, keine sogenannte Primärwildnis, also ursprüngliche, unberührte Natur. „Europa ist eine einzige Kulturlandschaft“, sagt er. Das heißt: Alles, was wächst – jeder Baum, jeder Busch, jeder Grashalm –, ist vom Menschen gepflanzt, gewollt oder zumindest geduldet. „Die nächste echte Wildnis gibt es 1000 Kilometer entfernt in Ostpolen oder in Skandinavien.“ Aber hier soll wieder Wildnis entstehen, soll die Natur einfach machen können, und der Mensch soll nur zuschauen.

Den Nationalpark gibt es seit 1995, seither wird hart gekämpft, weil früher fast alles auch als Weide genutzt wurde. Nun bekommen die Landwirte für die Flächen in der Kernzone Flächen außerhalb. Diese Tauschaktion ist bundesweit die größte dieser Art, erzählt Treichel. Wenn alles klappt, bleiben dann ab 2024 genau 50,1 Prozent der Gesamtfläche sich selbst überlassen. „In dieser Wildnis sind die Schlüsselworte dann Zufall und Chaos“, sagt er. „Das Interessante daran: Wir können nicht voraussagen, wie es dann in sechs Monaten aussieht, geschweige denn in sechs oder 60 Jahren.“

Er richtet das Spektiv auf zwei ganz junge Vögel, die noch nicht beim großen Flug in den Süden dabei waren und die üben müssen. Sie sind daran zu erkennen, dass ihr Gefieder noch braun-grau ist, dass sie am Kopf noch keine weißen Federn haben und nicht die rote Mütze.

Die Jungvögel schieben ihren Kopf ins Gefieder – die typische Haltung, wenn sie sich ausruhen nach dem Fressen. Sie stehen ganz ruhig da, und wir beobachten sie in aller Ruhe. Eine sehr friedliche Koexistenz. Und das hier ist noch nicht mal echte Wildnis, das sind nur Felder.

Studien zeigen, dass bei Menschen der Blutdruck steigt, wenn sie ihre Wohnung verlassen und durch die Stadt laufen. Besonders in Großstädten wie Berlin. Der Blutdruck sinkt aber, wenn sie aus dem Fenster auf die Natur schauen. Er sinkt noch mehr, wenn sie durch Wälder spazieren, selbst wenn es diese gleichförmigen Kiefernforste sind wie in Brandenburg. „In echter Wildnis sinkt der Blutdruck noch weiter“, sagt Treichel.

Der „Wildnis-Effekt“ funktioniert. Beim Blick auf die Kraniche überträgt sich ihre große Gelassenheit. Der Alltagsstress fällt ab, unangenehme Gedanken verschwinden. Und wer zur Ruhe kommt, genießt nicht nur die Natur mehr, sondern erkennt ihre Schönheit viel klarer und denkt über die Natur und das Verhältnis des Menschen zu ihr nach.

Plötzlich ist bei den Kranichen oben auf dem Hügel richtig Alarm. Vier von ihnen erwachen aus der allgemeinen Starre, breiten ihre weiten Flügel aus, heben ab und landen ein paar Meter weiter. Nach 15 Minuten Kranich-TV sind wir so versunken in das Naturschauspiel, dass wir die Autos auf der nahen Straße nicht mehr wahrnehmen. Nur noch die Rufe der Kraniche.

Die dösen weiter. Wenn sie nachher losfliegen, wenn diese tausend Vögel sich mit anderen Schwärmen am Himmel vereinen, um gemeinsam zu den Schlafplätzen zu fliegen, dann stoßen die Eltern immer wieder diese typischen Trompetenrufe der Kraniche aus, die die Menschen so faszinieren. Sie kommunizieren mit ihren Jungen, teilen ihnen mit: „Wir sind hier. Ihr braucht keine Angst zu haben.“ Die Jungen antworten mit einem kaum hörbaren Fiepen. Ein Spektakel in Bild und Ton, das so beeindruckend nur die Natur hinbekommt.

QOSHE - Glücksbringer am Himmel: Die Kraniche rasten an einem vergifteten Fluss - Jens Blankennagel
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Glücksbringer am Himmel: Die Kraniche rasten an einem vergifteten Fluss

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29.09.2023

Wenn Kraniche zu Tausenden majestätisch am Abendhimmel entlangziehen, ist das ein ergreifender Anblick. Deshalb fahren im Herbst jeden Abend Tausende Menschen wiederum extra durch Brandenburg, um diese Zugvögel zu beobachten. Besonders effektvoll ist es, wenn der Himmel auch noch einen glutroten Sonnenuntergang bieten kann, vor dem sich die schwarzen Silhouetten der Vögel wunderbar abzeichnen.

Kraniche in der Abenddämmerung zu beobachten, ist recht einfach. Die Vögel haben eine Angewohnheit: Nachts versammeln sie sich irgendwo auf unzugänglichen Feuchtwiesen. Dort stehen sie im knietiefen Wasser, sodass sie in aller Ruhe schlafen können, ohne von Füchsen oder Wölfen überrascht zu werden. Morgens aber – gleich mit dem Sonnenaufgang – fliegen sie los zu ihren Fressplätzen und kehren erst mit dem Sonnenuntergang zurück. Und alle, die wissen, wo die Schlafplätze sind, stellen sich einfach unter die Flugbahn und staunen.

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Im Odertal ist einer der großen Rastplätze der Kraniche. Sie sammeln sich hier und vor allem auch bei Linum, nordwestlich von Berlin, um Kraft zu tanken, bevor sie im November in den Süden flüchten. „Wir haben hier bis zu 15.000 Kraniche“, sagt Treichel. Er fährt weiter und sucht nach passenden Aussichtspunkten für die Kranichwoche, die am Freitag beginnt und die wieder viele Besucher in den nordöstlichen Zipfel von Brandenburg locken wird. „Wir wollen garantieren, dass alle auch wirklich diese Tiere sehen können.“

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Das große Fischsterben sorgte nicht nur bundesweit für Schlagzeilen, sondern auch dafür, dass kaum noch Touristen kamen. Auch in diesem Sommer wurde ein Fischsterben befürchtet. Doch es blieb aus, und nun hoffen alle auf möglichst viele Kranich-Fans. Denn hier schreibt........

© Berliner Zeitung


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