In Berlin werden weniger Kinder geboren als in den Jahren zuvor. Ein Grund ist auch der fehlende Wohnraum, denn junge Familien finden einfach keine bezahlbaren Wohnungen mehr. Die Entwicklung spiegelt sich nun auch in den Zahlen wider: Im Jahr 2022 wurden in ganz Berlin 37.832 Kinder geboren, das sind sechs Prozent weniger als im Jahr davor und neun Prozent weniger als 2017, dem Jahr mit den höchsten Zahlen. Die waren auch deshalb so hoch, weil nach 2015 viel mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

In Berlin sorgte die sinkende Geburtenzahl für einen sogenannten Sterbeüberschuss: Erstmals seit 2006 wurden also weniger Kinder neugeboren, als in Berlin insgesamt Menschen im selben Jahr gestorben sind. Der Sterbeüberschuss ist ein Beleg für die Alterung einer Gesellschaft.

„Über den Rückgang der Geburtenzahlen kann derzeit aber nur spekuliert werden, weil es noch keine Untersuchungen dazu gibt“, sagte Michaela Kreyenfeld der Berliner Zeitung. Sie ist Soziologieprofessorin an der Hertie School in Berlin mit dem Schwerpunkt Familiendemografie. „Bislang galten Bremen und Hamburg als sogenannte Hauptstädte der Kinderlosigkeit“, sagte sie. „Berlin war bei den Geburtenzahlen in jüngerer Zeit immer etwas besser, vor allem in den Bezirken im Osten der Stadt.“

Kinderschwund durch verfehlte Wohnungsbaupolitik: Berlin wächst nicht aus sich selbst heraus

02.09.2023

•gestern

06.09.2023

06.09.2023

Doch gerade dort sind nun alarmierende Entwicklungen zu beobachten: Pankow war über Jahre der Bezirk, in dem die meisten Kinder geboren wurden: 2017 waren es noch 5027, im vergangenen Jahr dann nur noch 4070. Das ist ein Rückgang um 20 Prozent. Fast genauso groß ist das Minus auch in Friedrichshain-Kreuzberg, einem Bezirk, der ebenfalls zur Spitzengruppe bei den Kinderzahlen gehört.

Im vergangenen Jahr waren in allen Bezirken die Zahlen der Neugeborenen rückläufig, nur in Reinickendorf gab es einen Anstieg von drei Prozent. Die Entwicklung führen viele Fachleute zum Teil auch auf die Pandemie zurück. „Dass 2022 insgesamt weniger Kinder in Deutschland geboren wurden, lag auch an Corona“, sagte Michaela Kreyenfelder. „Im Jahr nach Beginn der Pandemie ging es erst nach oben mit den Geburtenzahlen und dann merklich nach unten.“ Die Gründe sind noch nicht abschließend geklärt. Aber eine Vermutung ist, dass viele ihren Kinderwunsch wegen der gesellschaftlichen Verunsicherung aufschoben und wohl auch, weil Schwangere nicht geimpft werden sollten.

Grundsätzlich war Berlin bei den Kinderzahlen auch nach dem Mauerfall eine geteilte Stadt. Vor dem Ende der DDR bekamen die Frauen sehr früh Kinder, mit 22 Jahren, die Frauen im Westen mit 28. Mit dem Mauerfall, dem radikalen gesellschaftlichen Umbruch, der Massenarbeitslosigkeit und der Verunsicherung sank die Geburtenrate im Osten unter jene Werte nach dem Zweiten Weltkrieg. Dann stieg die Zahl wieder an, und seit 2010 etwa ist Berlin bei den Geburtenzahlen nicht mehr in Ost und West geteilt.

Schulangst: Eine Expertin erklärt, wie Eltern ihrem Kind helfen können

05.09.2023

Lange Zeit waren Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Pankow die angesagten Gegenden, die vor allem auch junge Familien anzogen. Auffällig ist nun, dass gerade in den früheren „Kinder-Bezirken“ die Geburtenzahlen doppelt so stark sinken wie etwa in Steglitz oder Charlottenburg.

„Um die Unterschiede zwischen den Bezirken zu erklären, spielt ganz sicher auch der Alterungsprozess in den Bezirken eine entscheidende Rolle“, sagt Michaela Kreyenfeld. Gemeint ist, dass vor 20, 30 Jahren viele junge Leute in diese Bezirke zogen, dann Kinder bekamen, die inzwischen oft schon aus dem Haus sind. Doch die kinderlosen Eltern ziehen nun nicht in kleinere Wohnungen um, weil die meist teurer sind als ihre bisherigen. Damit können in den Bezirken auch keine jungen Familien nachrücken.

„Das Angebot an familientauglichen Wohnungen spielt bei der Geburtenrate eine wichtige Rolle“, sagte Professor Martin Bujard der Berliner Zeitung. Er ist Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Bis in die 1960er-Jahre bekam jede Frau rein rechnerisch mehr als zwei Kinder, sodass die Bevölkerungszahl nicht sank. Doch seit 50 Jahren liegt die Zahl der Geburten unter dieser sogenannten Ausgleichsrate. Auch in Berlin sinkt die Zahl der Bevölkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit und der Anstieg der Einwohnerzahl ist nur auf Zuzug aus dem Ausland zurückzuführen.

Bujard sieht für den Rückgang der Geburtenzahl einen Hauptgrund. „Das ist der Rückgang des Anteils von kinderreichen Familien“, sagte er. Es gab immer einen gewissen Anteil an Frauen, die gewollt kinderlos bleiben. Der Anteil lag in den 60er-Jahren bei 10 bis 15 Prozent, seither steigt er an. In Ostdeutschland liegt diese Quote bei etwa 15 Prozent, im Westen bei 22 Prozent. In Städten ist der Anteil der kinderlosen Frauen noch höher: 26 Prozent.

Aber die Kinderlosigkeit erklärt nur zu einem geringen Teil den gesamten Geburtenrückgang: Martin Bujard sagte: „Etwa 70 Prozent des Rückgangs ist darauf zurückzuführen, dass es weniger kinderreiche Familien gibt.“ Er sagt auch: „In Deutschland ist eine Zwei-Kind-Norm verbreitet.“ Das sei auch überall im Alltag zu beobachten: Zum Beispiel sind die meisten Wohnungen oder auch Autos für Familien mit zwei Kindern angelegt.

Verhaltensfrage: Darf man einen Geburtstagskuchen in die Kita mitgeben?

01.10.2022

„Das dritte Kind ist demografisch wichtig“, sagte Professor Bujard. Also all jene Familien, die mehr Kinder bekommen, als es dem Durchschnitt entspricht. Doch viele junge Familien in Großstädten finden nicht mal eine passende und bezahlbare Wohnung für zwei Kinder. Geschweige denn für drei. „Der Faktor, dass nicht genügend Platz da ist für Kinder, trägt wesentlich dazu bei, dass die Geburtenrate in Großstädten niedriger ist als auf dem Lande.“ Das ist auch beim Vergleich von Berlin und ländlichen Regionen der Fall. Aber es gibt Großstädte, in denen der Unterschied noch viel extremer ist und die Geburtenrate viel niedriger, beispielsweise Tokio, Seoul oder New York, also Städte, die als sehr teuer gelten und in denen es kaum preisgünstige große Wohnungen gibt.

In Berlin ist der Geburtenrückgang nun auch im Alltag ablesbar: Seit sehr vielen Jahren war es zum Beispiel in Friedrichshain ein harter Kampf, einen Kita-Platz zu bekommen. Am Mittwoch dann ein Aushang an einer Kita: „Wir haben noch freie Kitaplätze zu vergeben.“ Es sind sogar gleich vier Plätze frei.

QOSHE - Gerade in früheren „Kinder-Bezirken“ wie Prenzlauer Berg sinkt die Geburtenzahl - Jens Blankennagel
menu_open
Columnists Actual . Favourites . Archive
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Gerade in früheren „Kinder-Bezirken“ wie Prenzlauer Berg sinkt die Geburtenzahl

6 0
08.09.2023

In Berlin werden weniger Kinder geboren als in den Jahren zuvor. Ein Grund ist auch der fehlende Wohnraum, denn junge Familien finden einfach keine bezahlbaren Wohnungen mehr. Die Entwicklung spiegelt sich nun auch in den Zahlen wider: Im Jahr 2022 wurden in ganz Berlin 37.832 Kinder geboren, das sind sechs Prozent weniger als im Jahr davor und neun Prozent weniger als 2017, dem Jahr mit den höchsten Zahlen. Die waren auch deshalb so hoch, weil nach 2015 viel mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

In Berlin sorgte die sinkende Geburtenzahl für einen sogenannten Sterbeüberschuss: Erstmals seit 2006 wurden also weniger Kinder neugeboren, als in Berlin insgesamt Menschen im selben Jahr gestorben sind. Der Sterbeüberschuss ist ein Beleg für die Alterung einer Gesellschaft.

„Über den Rückgang der Geburtenzahlen kann derzeit aber nur spekuliert werden, weil es noch keine Untersuchungen dazu gibt“, sagte Michaela Kreyenfeld der Berliner Zeitung. Sie ist Soziologieprofessorin an der Hertie School in Berlin mit dem Schwerpunkt Familiendemografie. „Bislang galten Bremen und Hamburg als sogenannte Hauptstädte der Kinderlosigkeit“, sagte sie. „Berlin war bei den Geburtenzahlen in jüngerer Zeit immer etwas besser, vor allem in den Bezirken im Osten der Stadt.“

Kinderschwund durch verfehlte Wohnungsbaupolitik: Berlin wächst nicht aus sich selbst heraus

02.09.2023

•gestern

06.09.2023

06.09.2023

Doch gerade dort sind nun alarmierende Entwicklungen zu beobachten: Pankow war über Jahre der Bezirk, in dem die meisten Kinder geboren wurden: 2017 waren es noch........

© Berliner Zeitung


Get it on Google Play