Es gibt Bezeichnungen, die unverwüstlich sind: Als ich Kind war, streifte zwar schon seit Jahren ein ABV durch unser Neubaugebiet, also ein Abschnittsbevollmächtigter der Volkspolizei, trotzdem spielten wir Räuber und Gendarm und nicht Räuber und ABV. Der Begriff Gendarm blieb.

Genauso wie der Begriff Neubaugebiet, der im Osten bei vielen noch immer gebräuchlich ist, obwohl Plattenbausiedlungen wie in Marzahn auch schon älter als 40 Jahre sind. Andere Begriffe werden vom ewigen Fluss des Zeitgeistes hinweggespült.

Ich bekam meinen ersten Bezahlhaarschnitt im Salon Chic, später hießen solche Läden Dirty Hairy, GmbHaar oder Haar-Zwei-O. Früher frisierten bei Frisören meist Friseusen, die wurden zu Friseurinnen, später zu Hair-Stylistinnen. Die Männer nennen sich nun Coiffeur oder Barbier. In Friedrichshain heißt ein Laden Rowdy Barber Shop & Academy.

So verändert der Zeitgeist die Stadt. Vor zehn Jahren warb fast jeder Laden damit, dass es irgendetwas „to go“ gibt: Kaffee to go, Müsli to go, Weltliteratur to go. Bei uns um die Ecke gibt es noch immer „English to go“.

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Heute steht an den Läden oft, dass fair gehandelt wird. In Lichtenberg kam ich im Park an einem Fairen Markt vorbei. Es gab Kaffee direkt vom Bauern aus Nicaragua. Gegenüber stand auf einem großen weißen Tisch eine sehr kleine braune Flasche mit Bio-Retinol-Öl. 29,70 Euro für solch eine winzige Flasche klang allerdings nicht gerade fair. Jedenfalls für mich und meinen Geldbeutel. Aber ich habe keine Ahnung, ich weiß ja nicht mal, was Retinol-Öl ist.

Bestimmt irgendetwas Nachhaltiges. Nachhaltigkeit ist auch total angesagt. Sogar bei Stellenangeboten. Heute sah ich im Bahnhof Ostkreuz eine Werbung. Dort stand: „Du willst deine Werte auch im Job leben?“ Darunter stand: „Wir leben Mitbestimmung, Nachhaltigkeit, Transparenz, Solidarität.“ Ich dachte natürlich: Da sucht ganz sicher eine Gewerkschaft einen kämpferischen Streikführer.

Mitnichten. Gesucht wurden Optiker:innen. Die Zeiten ändern sich, und sie machen auch vor Uralt-Begriffen nicht halt. Ein Verwandter erzählte, dass er mit der Tochter auf dem Spielplatz war. Er schaute nicht weiter zu, sondern quatschte mit anderen Eltern. Dann hörten sie mächtig viel Lärm.

Einige Kinder brüllten ein paar andere an. Einige Kinder zogen ein paar andere durch den Sandkasten. Und ein paar Kinder saßen einfach nur herum. Einige Eltern fürchteten, dass die Sache in eine Keilerei ausartet. Als sie eingreifen wollten, riefen die Kinder: „Lasst uns doch spielen. Ist ganz harmlos.“ Die Eltern fragten: „Was spielt ihr denn?“ Die Kinder riefen: „Na, Klima-Kleber und Polizei.“

QOSHE - Der Zeitgeist verändert Berlin: Früher frisierten bei Frisören meist Friseusen - Jens Blankennagel
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Der Zeitgeist verändert Berlin: Früher frisierten bei Frisören meist Friseusen

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21.10.2023

Es gibt Bezeichnungen, die unverwüstlich sind: Als ich Kind war, streifte zwar schon seit Jahren ein ABV durch unser Neubaugebiet, also ein Abschnittsbevollmächtigter der Volkspolizei, trotzdem spielten wir Räuber und Gendarm und nicht Räuber und ABV. Der Begriff Gendarm blieb.

Genauso wie der Begriff Neubaugebiet, der im Osten bei vielen noch immer gebräuchlich ist, obwohl Plattenbausiedlungen wie in Marzahn auch schon älter als 40 Jahre sind. Andere Begriffe werden vom ewigen Fluss des Zeitgeistes hinweggespült.

Ich bekam meinen ersten Bezahlhaarschnitt im Salon Chic, später hießen solche Läden Dirty Hairy, GmbHaar oder Haar-Zwei-O. Früher frisierten bei Frisören meist Friseusen, die wurden........

© Berliner Zeitung


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