Ich habe also ein Artefakt im Körper. So steht es in dem Ärztebrief, den ich nach einer MRT-Untersuchung bekam. Alle Spezialisten haben ihre eigene Sprache, aber das dauerlateinische Fachchinesisch der Ärzteschaft kommt mir schon Spanisch vor.

Artefakt also. Das war vor allem deshalb beunruhigend, weil der Begriff nicht zu meinem aktiven Wortschatz gehört. Ich wusste nur noch: Es ist etwas Besonderes. Als Kind hatte ich das Wort mal in meinen Lieblingscomics gelesen, den legendären Mosaiks. Die Digedags und Ritter Runkel hatten ein Artefakt gefunden, eine Art Schatz. Das ist aber kein gesichertes Wissen, nur eine blasse Erinnerung an längst vergangene Zeiten, in denen Pferde im Comic noch Türkenschreck hießen.

Ich steckte in einem Dilemma: Einerseits war ich neugierig, andererseits halte ich mich an die goldene Regel, bei Krankheiten nie ins Internet zu schauen. Das ist für Geist und Seele wichtig, denn im Internet kommt fast immer zuerst das maximal Negative. Also mindestens Krebs.

Ich schaute ins Kunstlexikon. In der Archäologie ist ein Artefakt ein von Menschen hergestellter Gegenstand: ein Faustkeil, eine Münze, eine Waffe. Bei mir geht es eigentlich um gebrochene Rippen und nicht um Faustkeile im Bauch.

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Ich schlug das Buch zu, doch das dumme Unterbewusstsein gab keine Ruhe, funkte ständig besserwisserisch dazwischen. Also schaute ich am Tag vor dem Arzttermin doch im Internet nach. Beim MRT ist ein Artefakt eine Art Bildstörung oder eben ein echter Fremdkörper.

Ich ging zur Ärztin. Sie sagte, sie wisse nur, dass es wohl metallisch ist. Dann die entscheidende Frage: „Hatten Sie mal eine Schussverletzung?“ Ich schaute so überrascht, dass sie gleich nachschob: „Man weiß ja nicht, wo sich Reporter so rumtreiben.“ Ich antwortete: „Meinen Sie Afghanistan oder Neukölln?“ Wir lachten.

Sie sagte, es könne ein Splitter sein. Die hätten viele Leute in der Haut, mal im Fuß, mal im Hintern, eingerissen an einer Bank. Sie sagte auch, es sei nur ein Nebenbefund, deshalb solle ich mir keine Sorgen machen. „Wer viel in den Körper hineinschaut, sieht auch viel.“

Okay, ich mache mir also keine Sorgen. Und vor allem schaue ich nie wieder vorher in einen Arztbrief. Ist ja sowieso sinnlos. Wer soll das verstehen? Worte wie disloziert, lateroventral oder interkostal.

Die Physiotherapeutin sagte in ihrer unnachahmlichen Art: „Artefakt? Ist das nicht ein Schatz, oder so? Vielleicht produziert Ihr Körper heimlich Goldmünzen?“

Nun überlege ich, ob ich beim nächsten Urlaubsflug den Arztbrief mitnehmen sollte. Dann kann ich etwas vorzeigen, wenn der Metalldetektor Alarm schlägt.

QOSHE - Dann fragt die Ärztin plötzlich: „Hatten Sie mal eine Schussverletzung?“ - Jens Blankennagel
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Dann fragt die Ärztin plötzlich: „Hatten Sie mal eine Schussverletzung?“

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20.09.2023

Ich habe also ein Artefakt im Körper. So steht es in dem Ärztebrief, den ich nach einer MRT-Untersuchung bekam. Alle Spezialisten haben ihre eigene Sprache, aber das dauerlateinische Fachchinesisch der Ärzteschaft kommt mir schon Spanisch vor.

Artefakt also. Das war vor allem deshalb beunruhigend, weil der Begriff nicht zu meinem aktiven Wortschatz gehört. Ich wusste nur noch: Es ist etwas Besonderes. Als Kind hatte ich das Wort mal in meinen Lieblingscomics gelesen, den legendären Mosaiks. Die Digedags und Ritter Runkel hatten ein Artefakt gefunden, eine Art Schatz. Das ist aber kein gesichertes Wissen, nur eine blasse Erinnerung an längst vergangene Zeiten, in denen Pferde im Comic noch........

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