Ganz am Anfang sind die meisten Ideen klein wie ein Samenkorn: unscheinbar und in der Masse glatt zu übersehen. Doch wenn eine Idee gut ist, entwickelt sie sich auch wie ein gutes Samenkorn. Die harte Schale öffnet sich, und es sprießt frisches Grün heraus. Es entfaltet sich, wird langsam größer, der Stamm wächst, wird dicker und dicker. Immer mehr Äste zweigen ab, und das Blattwerk wird schön dicht. Irgendwann steht da ein stattlicher Baum.

So ähnlich ist es auch bei der Idee, die hinter der Internet-Seite Mundraub.org steht. Die Seite wird von Kai Gildhorn betrieben, der seinen Leihwagen am Rand des Parks am Kienberg in Marzahn geparkt hat. Er holt eine Aluleiter heraus und erzählt von einem großen Birnbaum, der hier auf öffentlich zugänglichem Gelände im Park steht. „Der ist ziemlich verwachsen und muss dringend geschnitten werden.“

Bei Mundraub geht es vor allem um Bäume, speziell Obstbäume. Die Idee fing klein an, entwickelte sich langsam weiter und ist nun so etwas wie eine kleine Massenbewegung für Menschen, die die Natur lieben, die aber deren Gaben nicht am Baum verdorren lassen wollen, sondern sie lieber genießen und auch mit anderen teilen. Es sind Leute, die zum Beispiel irgendwo in Berlin herrenloses Fallobst einsammeln, die einen Apfelkuchen backen und ein paar Stücken an Bedürftige verschenken.

gestern

gestern

gestern

Die globale Saft-Krise hat auch schon Berlin erreicht

15.09.2023

Letzte Generation kündigt an: „Wir unterbrechen den Berlin-Marathon“

•vor 35 Min.

Für einen Apfelkuchen sind nun mal Äpfel ganz wichtig. „Aber nicht jeder hat einen Garten“, sagt Kai Gildhorn und trägt die Leiter durch den Park. Und genau dafür gibt es die Mundraub-Idee. „Die einen kaufen ihr Obst im Supermarkt, andere sammeln es in der Natur“, sagt der 49-Jährige. Auf der Internetseite können alle sehen, wo es in ihrer Region Bäume im öffentlichen Raum gibt, an denen Obst geerntet werden kann. Nun werden wieder die Klickzahlen nach oben gehen. Denn der Herbst ist da: die große Apfelzeit.

Bei Obsternte denken die meisten eher an Brandenburg als an Berlin. Zum Beispiel an Werder an der Havel, jene Stadt, die seit Jahrhunderten als der Obstgarten der deutschen Hauptstadt gilt. „Aber auch in einer Stadt wie Berlin gibt es überall reichlich Obst“, sagt Gildhorn. Er läuft einen breiten Weg entlang und zeigt auf die vielen Bäume links und rechts. „Dort sind Äpfel“, sagt er. „Hier drüben stehen Birnen, und dort vorn Quitten.“ Die Bäume stehen hier aber nicht in einer Obstplantage, sondern sind ganz normale Parkbäume. Nicht nur schön, sondern auch nützlich.

„Überall ist Obst“, sagt er. „Berlin ist essbar.“ Er ist an der Birne angekommen, die fast unter der Seilbahn neben den Gärten der Welt steht. Gildhorn fährt die Teleskopleiter aus und stellt sie an den Baum.

Kai Gildhorn ist in Stralsund geboren, kam zur Fußball-WM 2006 nach Berlin, wegen der Liebe. Dem Umweltingenieur gehört die Firma Streugut, mit der er Bio-Gewürze und Kaffee verkauft, und er arbeitet als Obstbaumwart und schneidet Bäume.

Er sieht aus wie eine Mischung aus Kletterer und Obstbauer: blauer Helm, grüne Handschuhe, robuste Arbeitshose, um die Hüfte eine Kletterausrüstung mit Dutzenden Karabinerhaken und Seilen. Als wolle er ins Elbsandsteingebirge. Aber er steigt nur auf die Leiter, schlingt das Seil um den Stamm und macht es am Gürtel fest. Ab drei Meter Höhe sei das Seil nun mal Pflicht, sagt er. Der Vorteil: Er steht einerseits fest auf der Leiter und hängt andererseits auch noch so fest im Seil, dass er sich nicht festhalten muss. So hat er beide Hände frei. Die eine greift einen Ast, die andere schneidet ihn ab. Der verwachsene Baum lichtet sich.

Die Woche vor dem 24. September ist die große Woche für die „Mundräuber“, denn erstmals wagen sie sich in die breite Öffentlichkeit und rufen zu der Aktion „Berlin erntet“ auf. Beteiligt ist auch die Plattform Meet The Good Ones und die Freunde des Mauerparks. „Die Leute sollen überall in der Stadt an Straßen, in Parks einfach Früchte oder Nüsse ernten oder Fallobst sammeln“, sagt Gildhorn. Wenn sie einen Garten haben, können sie Freunde und Bekannte einladen. Sie sollen Marmeladen machen, Backpflaumen, Nussbrot, Chutneys oder einen Kuchen.

Am Sonntag sollen sie dann ab 13 Uhr all das, was sie nicht selbst benötigen in den Mauerpark bringen und dann untereinander tauschen oder verschenken. „Wenn wir das nicht machen würden, würden doch all die Früchte vergammeln“, sagt er. „Wäre doch schade.“

Ein lila Wunder in Brandenburg: Die Heide blüht und wird von Satelliten überwacht

06.09.2023

Rückkehr in eine Kindheit nahe Dresden

03.09.2020

Doch halt: Nicht alle Früchte von Bäumen, die nie jemand erntet, sind auch für alle da. Denn irgendjemandem gehören die Flächen immer und damit die Bäume und Früchte. Für Mundraub gab es früher einen eigenen Paragrafen, die Strafen waren nicht so hart wie bei Dieben, die größere Mengen stehlen und damit Geld verdienen wollen.

Als Mundraub galt, wenn Leute bettelarm waren und beim Nachbarn einen Apfel stahlen, um den Hunger zu stillen. Oder wenn sie sich nach der Ernte auf einem Kartoffelfeld noch zwei, drei Knollen suchten, die die Bauern übersehen hatten. Mundraub galt nur für die unmittelbare Selbstversorgung. Der Paragraf wurde im Jahr 1975 abgeschafft, seither ist alles Diebstahl.

Gerade in Krisenzeiten nimmt auch der Diebstahl in der Landwirtschaft zu. Organisierte Banden fahren etwa in Brandenburger Spargelgebieten an Feldern entlang und versuchen, kistenweise frisch geernteten Spargel zu stehlen. Oder Kriminelle fahren nachts ihre Transporter an Felder und stehlen tonnenweise Kartoffeln. So etwas ist und war schon immer Diebstahl.

Deshalb ist die Internetseite so wichtig. „Wir haben dort inzwischen etwa 100.000 Einträge“, sagt Gildhorn. Vor allem in Deutschland, aber auch Orangenbäume in Mexiko, Granatäpfel in Japan oder Jackfrüchte in Thailand.

Es wird auf Schwarmintelligenz gesetzt: Die Leute tragen ihre Fundstellen selbst ein. „Wir überprüfen, ob die Bäume nicht doch irgendjemandem gehören oder in einem Naturschutzgebiet stehen“, sagt er. Und wenn es doch mal eine Beschwerde gibt, werde die Fundstelle von der Seite genommen.

Während Gildhorn den Baum schneidet, wird er gefilmt. Guy Dimenstein und Mirjam Kornblum laufen mit ihren Kameras um den Baum herum. Sie betreiben den YouTube-Kanal „Meet The Good Ones“ – „Lerne die Guten kennen“. Dort sind 236 Filme zu sehen. „Die sind meist so fünf bis zehn Minuten lang“, sagt Guy Dimenstein. „Wir stellen Vereine oder Leute vor, die Gutes tun.“ Er erzählt, dass sie genervt waren von den ewig schlechten Dingen in den Nachrichten. Und irgendwann haben sie angefangen, das Gute zu suchen. „Und wenn du suchst, dann staunst du, dass die Welt viel besser ist als gedacht.“ Mirjam Kornblum filmt den Baumschneider aus der Ferne und sagt: „Wir wollen den Guten dieser Welt eine Bühne geben. Das ist unsere Mission.“

Die Mundräuber gehören dazu, weil sie eben nicht nur Obst retten, sondern auch an andere denken. Guy Dimenstein verweist auf die vier Räuber-Regeln: Erstens: Beachte die Eigentumsrechte. Zweitens: Gehe behutsam mit Baum und Natur um. Drittens: Teile die Früchte deiner Entdeckung. Viertens: Engagiere dich bei der Pflege von Obstbäumen.

Deshalb machen sie nun ihren 237. Film. „Auf Mundraub sind wir im Internet zufälligerweise gestoßen und haben es selbst probiert“, erzählt Dimenstein. „Wir haben bestimmt acht Kilo Äpfel gerettet. So viel konnten wir gar nicht verbrauchen. Also haben wir Apfel-Crumble gemacht und an Obdachlose verteilt.“ Er strahlt. „So etwas macht glücklich. Wirklich.“

Schönes graues Wasser: Ein Mann reinigt Duschwasser und schafft grüne Oasen in Berlin

25.08.2023

TV-Doku über Evolution der Blütenwelt

30.08.2023

Kai Gildhorn bringt ein paar Birnen. Sie sind noch etwas hart. „Sie könnten noch ein klein wenig süßer sein“, sagt er, „aber für Saft wären sie perfekt.“ Die drei erzählen, wie sie auf die Idee für „Berlin erntet“ kamen. Eigentlich sollte nur ein Film über Mundraub entstehen. „Aber dann dachte ich: Es ist doch etwas langweilig, wenn das nur einer allein macht“, sagt Mirjam Kornblum. „Wie wäre es, wenn wir viele Leute zusammenbringen?“ Kai Gildhorn nickt. „Es ist schön zu sehen, wenn eine Idee immer weitere Kreise zieht.“

Er steigt wieder auf den Baum und schneidet weiter. Dabei erzählt er, wie er auf die Idee kam. Vor Jahren war er mit Freunden beim Paddeln in Sachsen-Anhalt. Sie hatten vorher viel Obst im Supermarkt gekauft. Und dann gab es dort eine wilde Streuobstwiese und viele reife Früchte. „Da dachten wir: Von solch tollen Orten sollten auch andere erfahren.“

Wenn wir die Obstbäume nicht schneiden, werden sie 30 oder 40 Jahre alt. Aber geschnitten können es 150 Jahre sein.

Er schneidet und schneidet, links von ihm fallen dünne Äste, dann rechts. Er erklärt, warum das nötig ist. Obstbäume seien keine natürlichen Bäume, sondern gezüchtet. Wenn er die viel zu vielen dünnen Äste nicht abschneidet, werden sie zu lang und brechen unter dem Gewicht der Früchte ab. In größeren Bruchstellen nisten sich Pilze ein, der Baum wird krank und stirbt. „Dabei wird doch gerade in Städten ganz viel Grün gebraucht“, sagt er. „Wenn wir die Obstbäume nicht schneiden, werden sie 30 oder 40 Jahre alt. Aber geschnitten, können es 150 Jahre sein. Und das nützt allen.“ Obstbäume machen aus Kohlendioxid frischen Sauerstoff, sind eine Wohltat fürs Auge und liefern leckere Früchte.

Irgendwann ist der Baum geschnitten und wird nächstes Jahr wohl mehr Früchte tragen. Gildhorn bringt die Leiter zurück zum Auto und erzählt, dass er wegen der großen „Berlin erntet“-Aktion aufgeregt sei. „Wir wissen nicht, ob die Sache ein Erfolg wird. Wir wissen nicht, wie das Wetter wird.“ Er schaut in den strahlenden Himmel dieses Tages und hebt die Schultern. „Wir wissen nicht, wie viele Leute kommen? 30 oder 3000. Aber all das macht die Sache so aufregend.“

Er kommt an einem Quittenbaum mit pelzigen Früchten vorbei. Er füllt seinen Korb weiter. „Daraus mache ich Fruchtleder.“ Als er die fragenden Blicke sieht, erklärt er das Prinzip: Die Früchte werden geschält und püriert. Dann wird der feuchte Brei flach auf ein Backblech verteilt und im Ofen so lange erhitzt, bis es eine feste Masse ist. „Schmeckt wie Gummibärchen, ist aber die reine Frucht. Lecker und gesund.“

Kai Gildhorn räumt die Leiter ins Auto, auch das Kletterzeug, die Seile, die Baumscheren und den vollen Korb. „So, fertig“, sagt er. Aber dann sieht er einen hohen Strauch, keine zehn Meter entfernt, am Rande des Hauptweges zur langen rostroten Brücke am Teich. Er lächelt und geht los.

Jetzt einwecken! Gas, Inflation und Rezession: Rezepte für den kalten Winter

14.08.2022

Uckermark: Im Sommer 2003 trockneten gleich 13 Seen aus – wie sieht es heute aus?

28.07.2023

Die anderen Besucher des Parks sind geschäftig bei ihren Freizeitvergnügungen: Die einen joggen, die anderen fahren Rad, führen ihre Hunde aus, gehen spazieren oder sitzen am Teich und halten ihr Gesicht in die Spätsommersonne. „Aber niemand achtet darauf, was es hier noch alles Schönes gibt“, sagt Gildhorn am Busch. „Dachte ich es mir doch: Brombeeren.“

Tatsächlich. Die Früchte hängen weit oben: Dunkelblau und reichlich. Guy Dimenstein ist ganz begeistert und kostet: „Lecker“, sagt er. „Wirklich lecker.“ Der 44-Jährige reckt und streckt sich, um noch mehr Früchte zu pflücken. „Warte“, sagt Kai Gildhorn. „Ich hole die Leiter.“

Als sie die reifen Früchte einsammeln, erzählen sie von ihrem Traum: „Schön wäre es, wenn ‚Berlin erntet‘ ein Erfolg wird“, sagt Gildhorn. Dann soll es auch nächstes Jahr stattfinden. „Vielleicht finden auch andere Städte die Idee gut, und schon bald heißt es: Hamburg erntet.“ Guy Dimenstein lächelt. „Oder es heiß bald: Tel Aviv erntet“, sagt der gebürtige Israeli. „Oder Madrid erntet und Wladiwostok erntet.“ Sie schieben sich ein paar Beeren in den Mund und hoffen, dass die Idee weiterwächst, wie ein schöner Baum.

QOSHE - Berlin ist essbar: Initiative will die Früchte der Hauptstadt endlich nutzen - Jens Blankennagel
menu_open
Columnists Actual . Favourites . Archive
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Berlin ist essbar: Initiative will die Früchte der Hauptstadt endlich nutzen

7 7
22.09.2023

Ganz am Anfang sind die meisten Ideen klein wie ein Samenkorn: unscheinbar und in der Masse glatt zu übersehen. Doch wenn eine Idee gut ist, entwickelt sie sich auch wie ein gutes Samenkorn. Die harte Schale öffnet sich, und es sprießt frisches Grün heraus. Es entfaltet sich, wird langsam größer, der Stamm wächst, wird dicker und dicker. Immer mehr Äste zweigen ab, und das Blattwerk wird schön dicht. Irgendwann steht da ein stattlicher Baum.

So ähnlich ist es auch bei der Idee, die hinter der Internet-Seite Mundraub.org steht. Die Seite wird von Kai Gildhorn betrieben, der seinen Leihwagen am Rand des Parks am Kienberg in Marzahn geparkt hat. Er holt eine Aluleiter heraus und erzählt von einem großen Birnbaum, der hier auf öffentlich zugänglichem Gelände im Park steht. „Der ist ziemlich verwachsen und muss dringend geschnitten werden.“

Bei Mundraub geht es vor allem um Bäume, speziell Obstbäume. Die Idee fing klein an, entwickelte sich langsam weiter und ist nun so etwas wie eine kleine Massenbewegung für Menschen, die die Natur lieben, die aber deren Gaben nicht am Baum verdorren lassen wollen, sondern sie lieber genießen und auch mit anderen teilen. Es sind Leute, die zum Beispiel irgendwo in Berlin herrenloses Fallobst einsammeln, die einen Apfelkuchen backen und ein paar Stücken an Bedürftige verschenken.

gestern

gestern

gestern

Die globale Saft-Krise hat auch schon Berlin erreicht

15.09.2023

Letzte Generation kündigt an: „Wir unterbrechen den Berlin-Marathon“

•vor 35 Min.

Für einen Apfelkuchen sind nun mal Äpfel ganz wichtig. „Aber nicht jeder hat einen Garten“, sagt Kai Gildhorn und trägt die Leiter durch den Park. Und genau dafür gibt es die Mundraub-Idee. „Die einen kaufen ihr Obst im Supermarkt, andere sammeln es in der Natur“, sagt der 49-Jährige. Auf der Internetseite können alle sehen, wo es in ihrer Region Bäume im öffentlichen Raum gibt, an denen Obst geerntet werden kann. Nun werden wieder die Klickzahlen nach oben gehen. Denn der Herbst ist da: die große Apfelzeit.

Bei Obsternte denken die meisten eher an Brandenburg als an Berlin. Zum Beispiel an Werder an der Havel, jene Stadt, die seit Jahrhunderten als der Obstgarten der deutschen Hauptstadt gilt. „Aber auch in einer Stadt wie Berlin gibt es überall reichlich Obst“, sagt Gildhorn. Er läuft einen breiten Weg entlang und zeigt auf die vielen Bäume links und rechts. „Dort sind Äpfel“, sagt er. „Hier drüben stehen Birnen, und dort vorn Quitten.“ Die Bäume stehen hier aber nicht in einer Obstplantage, sondern sind ganz normale Parkbäume. Nicht nur schön, sondern auch nützlich.

„Überall ist Obst“, sagt er. „Berlin ist essbar.“ Er ist an der Birne angekommen, die fast unter der Seilbahn neben den Gärten der Welt steht. Gildhorn fährt die Teleskopleiter aus und stellt sie an den Baum.

Kai Gildhorn ist in Stralsund geboren, kam zur Fußball-WM 2006 nach Berlin, wegen der Liebe. Dem Umweltingenieur gehört die Firma Streugut, mit der er Bio-Gewürze und........

© Berliner Zeitung


Get it on Google Play