Die Mauer war ewig. Nicht nur ewig lang – 162 Kilometer in Berlin –, sondern auch von ewiger Dauer. So jedenfalls war sie gedacht, und so sah sie auch aus. Das wurde allen sofort klar, die die helle, unbemalte DDR-Seite dieses Bollwerk sahen.

Die Mauer war ein Monstrum. Massiv und unüberwindlich. So kam sie mir vor, als ich sie mit zwölf Jahren zum ersten Mal sah. Mein Vater war an einem strahlenden Sommertag mit mir aus der DDR-Provinz nach Berlin gefahren; er wollte sehen, wie der Französische Dom restauriert wird. Danach liefen wir zum Brandenburger Tor, und unterwegs sah ich dann jenes Bauwerk, das ich nur vom Hörensagen kannte. Über die Mauer wurde in der DDR eher geflüstert als gesprochen.

Die Mauer war absurd. Sie war fast vier Meter hoch, sodass niemand hinüber in den Goldenen Westen schauen konnte. Aber das Brandenburger Tor sahen wir damals. Ich wusste, dass dieses Tor zur DDR gehörte, doch es stand ganz weit entfernt, hinter Absperrungen, Zäunen und bewaffneten Grenzsoldaten. Dieses Tor war neben dem Fernsehturm zwar das wichtigste Wahrzeichen der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, aber für DDR-Bürger unerreichbar.

07.11.2023

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06.11.2023

Die Mauer war ein Bauwerk der Angst. Sie war nicht nur eine Wand aus Betonplatten, davor weitete sich auch ein sehr breites Sperrgebiet – ein grell beleuchtetes freies Schussfeld, damit die Grenzer mit ihren Kalaschnikows auch alle Republikflüchtigen treffen konnten. Und diese Soldaten schauten nicht nach Westen zum Klassenfeind. Nein, ihre Augen suchten auf der Ostseite nach möglichen Fluchtwilligen. Selbst als Kind begriff ich intuitiv, dass dieses saubere und ordentliche deutsche Bauwerk nicht die DDR vor den westlichen Aggressoren beschützte, sondern die Regierung davor, dass ihr das eigene Volk wegläuft.

Die Mauer war auch eine Lüge. Denn das Wort „Mauer“ war in der DDR genauso verpönt wie das Wort „Deutschland“. Der Koloss sollte „Antifaschistischer Schutzwall“ genannt werden.

Die Mauer war hässlich. Sie war unelegant und schlicht. Mit ihren Zäunen, dem Stacheldraht, den Wachtürmen und der Hinterlandmauer war sie allein auf eine kalte, technische Funktionalität ausgerichtet. Die Botschaft dieses Bauwerks war eindeutig: Abschreckung.

Die Mauer war eine Realität. Und blieb dennoch unbegreiflich. Unbegreiflich im Sinne von unverständlich. Wie konnte jemand glauben, eine Stadt dauerhaft trennen zu können? Ein ganzes Land, ein Volk? Als Zwölfjähriger habe ich das natürlich noch nicht begriffen, aber durchaus geahnt.

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Denn die Mauer war ein Tabu. Das merkte ich auch an jenem heißen Sommertag 1978. Ich stellte meinem Vater ein paar Fragen zum Aufbau der Grenzanlagen und zu ihrem Sinn. Doch er schwieg meist oder lieferte Erklärungen, die mehr Fragen aufwarfen, als dass sie Antworten gaben.

Die Mauer war weit weg. Als Kind habe ich das tödliche Bauwerk ganz schnell wieder aus meinem Kopf verbannt. In meinem Alltag in der Provinz spielte sie keine Rolle. Daran änderte sich auch nicht viel, als ich 1987 zum Studium nach Berlin kam. Bis ich die legendäre Nacht des 9. November 1989 erlebte. Den Fall der Mauer.

Nun wurde die Mauer zum weltweiten Symbol. Ich persönlich werde diese Nacht der Nächte nie vergessen. Sie hat mich entscheidend geprägt. Der Rausch dieses Augenblicks. Dieser zufällige Glücksfall der Geschichte. Diese Macht des Volkes, das in Berlin zu den Grenzübergängen strömte und einfach nicht mehr wegging, bis die Grenzer dieses ewige Bauwerk öffneten. Dann die Euphorie. Dieses Gefühl des reinen Glücks. Für mich persönlich ist die Mauer tatsächlich ewig. Aber erst, nachdem sie gefallen war. Jens Blankennagel

Wenn ich an die Mauer denke, fällt mir zuerst etwas ein, das ich gesagt habe, als ich 16 Jahre alt war. Damals, in den 1960er-Jahren, wurde ich von der Stasi überwacht. Das Gespräch, in dem dieser Satz fiel, wurde von einem Schriftsteller aufgezeichnet, mit dem ich damals befreundet war oder das zumindest dachte. Das fand ich erst heraus, als ich 1991 erstmals meine Stasi-Akte einsehen konnte. Ich sagte, so dokumentiert es die Akte: „In 20, 30 Jahren gibt es die Mauer nicht mehr.“

Ich wurde 1948 in Reutlingen geboren, im Westen. Nach der Trennung meiner Eltern zog meine Mutter mit mir nach Ostdeutschland. Mein Vater blieb im Westen. Vor dem Bau der Mauer konnte ich ihn ohne Probleme besuchen. Ich verbrachte oft die Schulferien bei ihm. Nach dem Mauerbau war das nicht mehr möglich. 1970 zog ich für mein Studium nach Ost-Berlin. Dort durfte mich mein Vater jedes Jahr zwei Wochen lang besuchen, unser Treffpunkt war das Strandbad Grünau. Zu ihm reisen durfte ich nicht mehr.

Ein guter DDR-Bürger war ich nie. Ich habe Westfernsehen geschaut, ein Junger Pionier sein wollte ich auch nicht. Außerdem habe ich den Wehrdienst verweigert, zuletzt im Jahr 1974. Im Januar 1975 war das Maß endgültig voll: Ich bekam die offizielle Anweisung, die DDR zu verlassen. Am Tränenpalast in der Friedrichstraße war der Grenzübergang, über den ich das Land verließ, direkt neben dem Grenzstreifen und der Mauer. So war ich auf einmal auf der anderen Seite.

An die Zeit direkt vor dem Mauerfall erinnere ich mich noch ganz genau. Ich arbeitete an der Freien Volksbühne und bereitete mich auf eine Premiere vor. Das war alles, woran ich zu dem Zeitpunkt dachte. Zur Premiere kam aber kaum jemand. Es lag einfach etwas in der Luft, das konnten alle spüren. Obwohl ich den Fall der Mauer schon als Jugendlicher vorausgesagt hatte, überraschte er mich dann doch. Ich habe mich aber sehr darüber gefreut, besonders, da die ganze Sache friedlich und unblutig verlaufen ist.

Meine Erfahrungen habe ich in einer Biografie verarbeitet, die „Mauersplitter“ heißt. Noch heute bin ich Künstler, aber nicht mehr als Ost- oder West-Berliner, sondern als Berliner. Die DDR war ein Märchen, und nichts mehr als das. In dem Moment, als die Mauer verschwunden war, war auch das Märchen zu Ende. Zur Mauer kann ich zusammenfassend nur eines sagen: Gut, dass sie weg ist! Wolfgang Nieblich, aufgezeichnet von Anika Schlünz

Aufgewachsen in einer beschaulichen Kleinstadt in Westdeutschland, spielte die DDR während meiner Schulzeit und Jugend in den frühen 80er-Jahren kaum eine Rolle. Die einzigen Berührungspunkte waren Verwandte in Sachsen-Anhalt und Pakete, die Oma in den Osten schickte. Der Schulunterricht behandelte sehr intensiv den Nationalsozialismus, aber die Nachkriegszeit und die Teilung Deutschlands wurden in der Schule nie besprochen.

Ein Jahr vor dem Mauerfall bin ich eigentlich ziemlich unbedarft aus Nordrhein-Westfalen nach Berlin gezogen, um Musik zu studieren an der Hochschule der Künste. Ohne Fernseher oder Radio in meiner Wohnung konzentrierte ich mich darauf, mich in dieser Stadt mit Schnauze und Herz zurechtzufinden.

Die Mauer hat mich eingeschüchtert. Ich bin nur rübergefahren, um Noten zu kaufen, denn in der Nähe des Alexanderplatzes konnten wir für ein paar Ostmark billig Noten und Bücher kaufen. Aber an den Grenzübergängen, ich war am Tränenpalast, herrschte jedes Mal eine schreckliche Atmosphäre. Ich hatte im Osten auch keine Freunde oder Verwandte und bin immer allein rüber.

In der Nacht zum 9. November bin ich dann mit meinem damaligen Jugendfreund zusammengekommen, der auch Musiker ist. Während er sich an diesem Tag auf den Weg zum Unterricht in der Philharmonie machte, wohnte ich nur ein paar hundert Meter weiter in der Stresemannstraße in Kreuzberg. Ich werde nie vergessen, wie er am frühen Abend nach dem Unterricht zu mir zurückkam und meinte: „Du Ina, die bauen die Mauer ab.“ Ich so: „Ach, wirklich?“ Wäre er nicht zu mir gekommen, hätte ich den Mauerfall ohne Fernseher und Radio vermutlich verschlafen. Gemeinsam gingen wir dann nach draußen, die Stresemannstraße hoch, am Martin-Gropius-Bau vorbei, der noch zum Westteil gehörte.

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An dieser Stelle machte die Mauer einen Bogen, und dort, vor dem Bogen, knieten und saßen Menschen wie die Spechte und hatten kleine Werkzeuge dabei – Hämmerchen und Meißel. Und sie klopften den bemalten und besprayten Teil der Mauer auf West-Berliner Seite ab, um sich Erinnerungsstücke zu sichern. Es ist amüsant, dass noch lange Zeit später angeblich originale Mauerstücke verkauft wurden.

Wir sind dann an der Mauer entlanggegangen und haben beschlossen, noch zum Grenzübergang Bornholmer Straße zu fahren. Wir standen ganz still da und erlebten diesen Glücksmoment, als die Menschen vom Osten in den Westen strömten. Wir haben alle diese Freude gespürt.

In diesem Augenblick war mir klar, dass es sich um einen historischen Moment in der Geschichte Deutschlands handelt. Es waren alles unbekannte Gesichter, doch wir winkten den Menschen zu. Ina Vorndamm, aufgezeichnet von Leandra Vorndamm

Ich habe auf dem Territorium der Deutschen Demokratischen Republik geparkt. Ganz ohne Grenzformalitäten, ohne den Ausweis vorzuzeigen, obwohl ich ihn eingesteckt hatte. Es war nach 23 Uhr, die Nacht des 9. auf den 10. November 1989 nahm ihren Lauf. Eine lange Nacht, was ich noch nicht ahnte, als ich in Neukölln ins Auto stieg und losfuhr. Fürs Fahrrad war es mir zu kalt und der Fußweg an die Grenze zu anstrengend. Hajo Friedrichs hatte gerade eben in den Tagesthemen erzählt, die Mauer sei geöffnet. Und bevor ich mir in der ARD weiter einen einsamen SFB-Reporter an der Invalidenstraße anschaute, der auf DDR-Bürger wartete, sah ich lieber selbst mal nach dem Rechten.

Am Moritzplatz herrschte ein Betrieb, der dem Stauraum am Kontrollpunkt Dreilinden seinerzeit beim Start der großen Ferien zur Ehre gereicht hätte. Nur dass sich jetzt im Herbst der Verkehr vom Osten in den Westteil der Stadt schleichend vorarbeitete und neben Fahrzeugen der Leichtbauweise überwiegend aus Fußgängern bestand. Die zogen an stummen Grenzern vorbei von der Heinrich-Heine-Straße in Richtung Kreuzberg. Ich hielt direkt an der Mauer, mit einem Vorderreifen auf der Schräge an ihrem Fuß. Platzsparend, denn die Straße war durch das antifaschistische Bollwerk eingeengt.

Ich parkte also auf dem Territorium der DDR, was ein Westpolizist zwar kopfschüttelnd, aber tatenlos zur Kenntnis nahm. Mein spontan gefasster Plan sah vor, antizyklisch vorzugehen und vorzudringen bis nach Friedrichshain. Die Freunde dort schliefen bereits. Ich hatte sie nach Dutzenden Versuchen am Telefon erwischt und gefragt, ob sie schon von den sensationellen Neuigkeiten wüssten. Sie sagten, sie müssten am nächsten Morgen sehr früh aufstehen, und baten darum, künftig von weiteren Scherzen dieser Art abzusehen.

Ich wollte nun persönlich die frohe Botschaft vom Mauerfall überbringen. Doch das mit dem antizyklischen Besuch war eine bescheuerte Idee. Wie sich nämlich herausstellte, kam ich gegen die Masse an Menschen und einzelne standhafte Grenzer nicht an. Ich fühlte mich aber auch so sehr historisch – so am Übergang stehend, gelegentlich umarmt und oft gefragt, wo es zum Kudamm gehe.

Da es sonst weiter nichts zu tun gab, fuhr ich irgendwann zurück und legte einen Boxenstopp in meiner Stammkneipe ein, wo diese Nacht sehr unhistorisch verlief, nicht anders als alle anderen Nächte davor. Am nächsten Tag jedoch stiegen auch die Neuköllner in die Geschichte der Maueröffnung ein und gefühlt einige 100.000 DDR-Bürger in die U7, von Schönefeld kommend auf dem Weg in die City-West. Keine Chance, in einen der tokioartig befüllten Züge zu gelangen.

Neulich bin ich übrigens an der Stelle vorbeigekommen, an der ich die Maueröffnung erlebt hatte. An dem Hochhaus, vor dem ich damals mein Auto abstellte, hing ein Werbetransparent. Darauf stand: „Hier entsteht Ihr exklusiver Parkplatz“. Christian Schwager

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Meine Kindheit in West-Berlin war geprägt von dem Bauwerk, das unsere Stadt umgab und meine Heimatstadt teilte. Am wohl prägendsten waren die Wartezeiten im Sommer, wenn meine Eltern mit uns in die Ferien nach Westdeutschland fahren wollten. Es hieß immer: „Die ersten Brote essen wir an der Grenze.“ Denn das konnte Stunden dauern.

Weil mein Vater in der kirchlichen Erwachsenenbildung tätig war, hatte er immer Verbindung zu anderen Kirchen in Ostdeutschland und Ost-Berlin. So haben wir den Pfarrer Hans Simon und seine Familie von der Zionskirche in Berlin-Mitte damals öfter besucht. Einmal sind wir mit der Straßenbahn von der Friedrichstraße zum Prenzlauer Berg gefahren und wollten aussteigen. Wir dachten, wir drücken den Halteknopf – und haben die Notbremse gedrückt. Mit quietschenden Rädern hielt der Zug mitten auf dem Berg der Kastanienallee. Der Tramfahrer kam wütend und lauthals schimpfend zu uns.

Die Urlaube auf Rügen waren zwar meinen Eltern wichtig, uns Kindern war auch immer klar, dass der Osten irgendwie anders war. In einem Jahr gab es nur Rhabarbersaft zu kaufen. Mein Bruder und ich haben noch immer die Erinnerung an dieses bittere, saure Getränk für einen Sommer. Ich verbinde mit Rhabarbersaft auch die Frage von einem anderen Kind, das nicht glauben konnte: „Ihr habt wirklich noch nie etwas von Marx, Lenin und Engels gehört?“ Der Junge war entsetzt.

Diese Urlaube bedeuteten für meine Eltern auch viel Stress. Am Urlaubsort angekommen, mussten wir uns sofort polizeilich anmelden. Argwöhnisch wurde wir beäugt, wenn wir in den Polizeiräumen vorsprachen. Aber immerhin, betonte mein Vater, ist es für uns möglich, zu Besuch zu kommen.

Eine andere Erinnerung ist, dass wir auf dem Kindergeburtstag einer Freundin mit allen Geburtstagsgästen an der Friedrichstraße durch die Grenzkontrollen gingen. Uns Kinder ängstigten die strengen, uniformierten Männer, die uns kontrollierten. Aber es war schön, dass der Ausflug in das Naturkundemuseum in Ost-Berlin ging. Wir bestaunten drei Stunden lang die alten Dinosaurierskelette.

Vieles an der politischen Situation in der DDR habe ich in meiner kindlichen Naivität nicht wahrgenommen. Doch die Präsenz und die einschüchternde Massivität der ostdeutschen Grenzsoldaten habe ich noch sehr eindrücklich in Erinnerung.

Als ich 14 Jahre alt war, fiel die Mauer, und wieder sind wir zur Zionskirche gefahren und mit dem Pfarrer in den Mauerpark gegangen. Dort stand ja einer der bekanntesten Hochstände, von denen man in den Osten hineinschauen konnte. Wir sind dann mit dem Pfarrer nach oben gegangen, und da stand dieser große, schwere Mann und weinte einfach so. Jahrelang wurde er immer von hier oben wie ein Tier im Zoo bestaunt, und jetzt endlich trennte die Mauer nichts mehr.

Bei einem Klassentreffen Mitte der Neunzigerjahre stellte ich überrascht fest, wie sehr der Grenzverlauf der Mauer noch in den Köpfen meiner ehemaligen Mitschüler verlief. Keiner war oft „drüben“, geschweige denn wohnte im Osten. Sie verstanden nicht, warum ich ganz bewusst in den Prenzlauer Berg gezogen war.

Ich habe dann immer wieder in verschiedenen Teilen Berlins gewohnt, Prenzlauer Berg, Treptow, Wedding, Lichterfelde, aber mir ist aufgefallen, dass diese Idee des Eingesperrtseins sich bis heute durch mein Leben gezogen hat. Wenn ich eine hohe Brandschutzmauer sehe, denke ich manchmal unbewusst, dahinter ist ein anderes Land. Oder andersherum: Wenn ich vor mir ein großes, weites Feld sehe wie in Brandenburg, wo kilometerweit nichts anderes ist, dann geht mir das Herz auf. Denn: Das hatten wir in West-Berlin wirklich nicht. Heike I., 48, aufgezeichnet von Sören Kittel

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Berlin, der Osten und der Westen, die Mauer und ihr Fall vor 34 Jahren

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09.11.2023

Die Mauer war ewig. Nicht nur ewig lang – 162 Kilometer in Berlin –, sondern auch von ewiger Dauer. So jedenfalls war sie gedacht, und so sah sie auch aus. Das wurde allen sofort klar, die die helle, unbemalte DDR-Seite dieses Bollwerk sahen.

Die Mauer war ein Monstrum. Massiv und unüberwindlich. So kam sie mir vor, als ich sie mit zwölf Jahren zum ersten Mal sah. Mein Vater war an einem strahlenden Sommertag mit mir aus der DDR-Provinz nach Berlin gefahren; er wollte sehen, wie der Französische Dom restauriert wird. Danach liefen wir zum Brandenburger Tor, und unterwegs sah ich dann jenes Bauwerk, das ich nur vom Hörensagen kannte. Über die Mauer wurde in der DDR eher geflüstert als gesprochen.

Die Mauer war absurd. Sie war fast vier Meter hoch, sodass niemand hinüber in den Goldenen Westen schauen konnte. Aber das Brandenburger Tor sahen wir damals. Ich wusste, dass dieses Tor zur DDR gehörte, doch es stand ganz weit entfernt, hinter Absperrungen, Zäunen und bewaffneten Grenzsoldaten. Dieses Tor war neben dem Fernsehturm zwar das wichtigste Wahrzeichen der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, aber für DDR-Bürger unerreichbar.

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Die Mauer war ein Bauwerk der Angst. Sie war nicht nur eine Wand aus Betonplatten, davor weitete sich auch ein sehr breites Sperrgebiet – ein grell beleuchtetes freies Schussfeld, damit die Grenzer mit ihren Kalaschnikows auch alle Republikflüchtigen treffen konnten. Und diese Soldaten schauten nicht nach Westen zum Klassenfeind. Nein, ihre Augen suchten auf der Ostseite nach möglichen Fluchtwilligen. Selbst als Kind begriff ich intuitiv, dass dieses saubere und ordentliche deutsche Bauwerk nicht die DDR vor den westlichen Aggressoren beschützte, sondern die Regierung davor, dass ihr das eigene Volk wegläuft.

Die Mauer war auch eine Lüge. Denn das Wort „Mauer“ war in der DDR genauso verpönt wie das Wort „Deutschland“. Der Koloss sollte „Antifaschistischer Schutzwall“ genannt werden.

Die Mauer war hässlich. Sie war unelegant und schlicht. Mit ihren Zäunen, dem Stacheldraht, den Wachtürmen und der Hinterlandmauer war sie allein auf eine kalte, technische Funktionalität ausgerichtet. Die Botschaft dieses Bauwerks war eindeutig: Abschreckung.

Die Mauer war eine Realität. Und blieb dennoch unbegreiflich. Unbegreiflich im Sinne von unverständlich. Wie konnte jemand glauben, eine Stadt dauerhaft trennen zu können? Ein ganzes Land, ein Volk? Als Zwölfjähriger habe ich das natürlich noch nicht begriffen, aber durchaus geahnt.

Die Nacht der Nächte

09.11.2019

Verunglückter Versuch: Warum die DDR-Aufarbeitung Ostdeutsche so wütend macht

vor 6 Std.

Denn die Mauer war ein Tabu. Das merkte ich auch an jenem heißen Sommertag 1978. Ich stellte meinem Vater ein paar Fragen zum Aufbau der Grenzanlagen und zu ihrem Sinn. Doch er schwieg meist oder lieferte Erklärungen, die mehr Fragen aufwarfen, als dass sie Antworten gaben.

Die Mauer war weit weg. Als Kind habe ich das tödliche Bauwerk ganz schnell wieder aus meinem Kopf verbannt. In meinem Alltag in der Provinz spielte sie keine Rolle. Daran änderte sich auch nicht viel, als ich 1987 zum Studium nach Berlin kam. Bis ich die legendäre Nacht des 9. November 1989 erlebte. Den Fall der Mauer.

Nun wurde die Mauer zum weltweiten Symbol. Ich persönlich werde diese Nacht der Nächte nie vergessen. Sie hat mich entscheidend geprägt. Der Rausch dieses Augenblicks. Dieser zufällige Glücksfall der Geschichte. Diese Macht des Volkes, das in Berlin zu den Grenzübergängen strömte und einfach nicht mehr wegging, bis die Grenzer dieses ewige Bauwerk öffneten. Dann die Euphorie. Dieses Gefühl des reinen Glücks. Für mich persönlich ist die Mauer tatsächlich ewig. Aber erst, nachdem sie gefallen war. Jens Blankennagel

Wenn ich an die Mauer denke, fällt mir zuerst etwas ein, das ich gesagt habe, als ich 16 Jahre alt war. Damals, in........

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