„Hat nichts mit Migration zu tun“ – Jan van Aken und der Streit um die Kriminalstatistik

Fast zwei Stunden spricht der Vorsitzende der Linkspartei, Jan van Aken, im Podcast „Ben Ungeskriptet“. Es geht um seinen Weg vom Biologen in die Politik, um die Kritik, Milliardär zu sein; um die AfD und die Strategie von Friedrich Merz. Doch am Ende landet das Gespräch bei den Themen, die seit 2015 die deutsche Innenpolitik prägen und die Sozialen Netzwerke unaufhörlich pulsieren lassen: Migration und Gewaltkriminalität. Zu einigen Aussagen von van Aken bat die Berliner Zeitung um Stellungnahme, etwa zu seiner Einschätzung, Deutschlands Grenzen seien „zu“.

In der Passage gegen Ende des Gesprächs formuliert van Aken zu den Themen, die die Gesellschaft spalten und bewegen, eine klare Position: Kriminalität, auch Gruppenvergewaltigungen, habe „gar nichts mit Migration zu tun“, meint der Linken-Politiker. Die Berliner Zeitung hat zentrale Aussagen dieses Abschnitts überprüft und mit offiziellen Statistiken abgeglichen.

Das Spannendste bleibt unbeantwortet

Die Redaktion fragte unter anderem nach, was van Aken mit seiner Aussage meinte, Deutschlands Grenzen seien „zu“. Im Wortlaut hieß es, mit Bezug auf das Thema Migration: “Jetzt, wo die Grenzen zu sind, kommen Leute und gehen natürlich nicht mehr.“ Van Aken meinte, vor den geschlossenen Grenzen gingen die Menschen auch immer mal wieder. Seine Frau habe schließlich in dem Bereich „lange Zeit“ gearbeitet, so van Aken.

Außerdem wollte die Berliner Zeitung wissen, was er mit dem Begriff „illegale“ Menschen meint. Im  Wortlaut sagte er, die Menschen kämen hierher, „weil es bei ihnen vor Ort überhaupt keine Perspektive gibt. (...) Weil, wenn du illegal hierher kommst, wie lebst du denn hier?“ - eine Reaktion auf die Frage des Moderator, dass Flüchtlinge nicht zwingend vor Krieg, sondern vor schlechten, wirtschaftlichen Verhältnissen leben.

Im diesem Zusammenhang meinte van Aken, dass seiner Ansicht nach hierzulande jene Menschen „unter dem Mindestlohn“ arbeiten. Entsprechend die Nachfrage, welche Bereiche er konkret damit meine. Mit Blick auf das weitere Gespräch hat die Redaktion zum Fachkräftemangel nachgehakt: Unterscheidet van Aken noch zwischen klassischen Einwanderern und Geflüchteten?

Zudem ging es um die Debatte über Gruppenvergewaltigungen – ob mit Blick auf die Statistiken der Herkunft, das kulturelle Sozialisationsmuster bei einzelnen Tätern vielleicht nicht doch eine Rolle spielen dürfte.

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Mehrere dieser Fragen blieben vorerst unbeantwortet

Tatsächlich sehe man einige Fragen nicht „im direkten Zusammenhang mit dem Gesagten“ von Jan van Aken über die Pressestelle der Linken-Partei verlauten.

Inhaltlich verwies sie auf den Mindestlohnbetrug sowie auf bestehende Ausnahmen vom Mindestlohn. Tatsächlich gibt es im deutschen Arbeitsrecht einige Gruppen, für die der gesetzliche Mindestlohn nicht gilt, etwa Auszubildende, bestimmte Praktikanten oder Beschäftigte in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Für regulär beschäftigte Arbeitnehmer gilt der Mindestlohn jedoch unabhängig von Staatsangehörigkeit oder Aufenthaltsstatus – also auch für Zuwanderer.

Zum Thema Kriminalitätsstatistik und Gruppenvergewaltigungen verwies die Pressestelle auf parlamentarische Anfragen der Linksfraktion im Deutschen Bundestag sowie auf Stellungnahmen der migrationspolitischen Sprecherin der Linksfraktion, Clara Bünger. Darin wird unter anderem davor gewarnt, Kriminalstatistiken zur Suche nach „Sündenböcken“ zu nutzen, und auf andere Problemfelder wie etwa Wirtschaftskriminalität oder Betäubungsmitteldelikte verwiesen.

„Kriminelle gibt es überall“

Im Podcast selbst weist van Aken mehrfach die These zurück, Migration führe zu mehr Gewaltverbrechen. „Kriminelle gibt es egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund“, sagt er. Sein zentrales Argument ist statistischer Natur, so van Aken sinngemäß. Viele Auswertungen von Kriminalstatistiken seien irreführend, weil sie unterschiedliche Bevölkerungsgruppen miteinander vergleichen, meint er.

Geflüchtete seien im Durchschnitt deutlich jünger als die Gesamtbevölkerung. Da junge Männer, ganz gleich welcher Herkunft, statistisch die höchste Kriminalitätsrate aufweisen, entstehe so ein verzerrtes Bild. „Du darfst nicht vergleichen: alle Migranten mit der ganzen deutschen Bevölkerung“, sagt van Aken. „Dann vergleichst du junge Männer mit Rentnerinnen.“

Die Alterskohorten-These

Aus diesem Argument zieht Jan van Aken eine klare Schlussfolgerung: Vergleiche man Männer derselben Altersgruppe miteinander, verschwinde der Unterschied weitgehend. „Wenn du die gleiche Alterskohorte vergleichst, dann ist die Kriminalitätsrate genau gleich hoch“, sagt er im Podcast.

In der Kriminologie ist tatsächlich unstrittig, dass Alter ein zentraler Faktor ist. Männer zwischen etwa 14 und 30 Jahren sind in nahezu allen Gesellschaften die Gruppe mit der höchsten Kriminalitätsrate. Doch viele Auswertungen wie die PKS-Bundeslagebilder und Begleitberichte zur Kriminalität im Kontext von Zuwanderung zeigen, dass der Anteil junger, tatverdächtiger Männer gerade unter Migranten hoch und überrepräsentiert sei.

Die Kehrseite der Medaille

Untersuchungen etwa des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen sowie Auswertungen der Bundeszentrale für politische Bildung zeigen, dass Alter, Geschlecht und soziale Faktoren viele Unterschiede erklären können. Werden solche Faktoren – etwa Bildung oder wirtschaftliche Lage – berücksichtigt, verringern sich die Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen.

In manchen Deliktbereichen aber– etwa bei Gewalt- und Raubdelikten – bleiben auch danach Unterschiede bestehen. Die Aussage van Akens, die Kriminalitätsraten seien bei vergleichbaren Altersgruppen gleich hoch, wird von solchen Studien daher nicht eindeutig bestätigt.

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Gruppenvergewaltigungen im Zentrum der Debatte

Besonders kontrovers wird das Gespräch im Podcast, als der Moderator auf Gruppenvergewaltigungen zu sprechen kommt – eine Aussage, die kurz nach dem Podcast auch in den Sozialen Netzwerke verbreitet wurde.

Nach Angaben des Bundeskriminalamt wurden in Deutschland in den vergangenen Jahren jeweils mehrere hundert sogenannte Gruppenvergewaltigungen registriert. Die Polizeiliche Kriminalstatistik nennt etwa: 2019: 710 Fälle; 2020: 704 Fälle; 2022: 789 Fälle; 2023: 761 Fälle; 2024: 788 Fälle. Dabei handelt es sich um polizeilich registrierte Fälle und Tatverdächtigenstatistiken – nicht um rechtskräftige Verurteilungen.

Die Sache mit dem Pass

In den Daten zeigt sich zudem eine überproportionale Beteiligung nichtdeutscher Tatverdächtiger. Ihr Anteil liegt in manchen Jahren bei rund der Hälfte aller ermittelten Verdächtigen. Zu beachten ist zudem, dass die Statistik offiziell nach Staatsangehörigkeit unterscheidet.

Wer einen deutschen Pass besitzt – etwa nach einer Einbürgerung – wird unabhängig von seiner Herkunft als deutscher Tatverdächtiger geführt. Seit einer Reform des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2024 ist eine Einbürgerung in der Regel bereits nach fünf Jahren Aufenthalt möglich, in bestimmten Fällen sogar nach drei Jahren. Dadurch können Personen, die erst seit wenigen Jahren in Deutschland leben, statistisch bereits als deutsche Tatverdächtige erscheinen.

Van Akens Gegenargument: Epstein und Pelicot

Van Aken reagiert im Podcast auf Bens kritische Nachfragen zu den Statistiken mit einem anderen Argument. Er verweist auf international bekannte Fälle sexualisierter Gewalt, etwa den Missbrauchsskandal um den US-Finanzier Jeffrey Epstein sowie Vorwürfe gegen den britischen Prinzen Prince Andrew. Auch der Fall der Französin Gisèle Pelicot wird erwähnt.

Die prominentesten Fälle sexualisierter Gewalt, sagt van Aken, hätten nichts mit Migration zu tun. „Das sind alles weiße Männer“, meint er. Diese Argumentation deutet auf ein klassisches rhetorisches Ausweichmanöver hin. Auch der Moderator merkt sinngemäß an, dass Internationale Fälle organisierter sexueller Gewalt kaum geeignet seien, um Aussagen über die Kriminalitätsentwicklung in Deutschland zu treffen.

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Gewaltkriminalität insgesamt

Ein Blick auf die Gesamtentwicklung zeigt ein gemischtes Bild. Nach Angaben des Bundeskriminalamt ist die Gesamtkriminalität in Deutschland langfristig gesunken.

In den letzten Jahren sind jedoch einzelne Deliktgruppen wieder angestiegen – darunter Gewaltkriminalität. Für das Jahr 2023 registrierte die Polizei mehr als 214.000 Fälle von Gewaltkriminalität. Das war der höchste Wert seit mehr als einem Jahrzehnt. Auch Messerangriffe werden seit einigen Jahren gesondert erfasst. Laut Polizeistatistik wurden 2023 mehr als 8.900 Messerangriffe registriert.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt außerdem Unterschiede bei den Tatverdächtigenanteilen. Nichtdeutsche Tatverdächtige sind in einigen Deliktgruppen überrepräsentiert. Ihr Anteil an der Bevölkerung liegt bei etwa 15 Prozent, während ihr Anteil unter den Tatverdächtigen bei bestimmten Gewaltdelikten deutlich höher ist.

Der „Van-Aken-Effekt“

Losgelöst von sachlichen Argumenten muss ein Kunststück benannt werden: Politiker sind häufig rhetorische Meister und darin trainiert, wie sie richtig antworten müssen, wenn die eigenen Parteiinhalte nicht mit der Realität oder mindestens der Wahrnehmung der Kritiker übereinstimmen:

Zahlen werden dabei nicht bestritten, sondern neu interpretiert. Entscheidend ist, welche statistischen Vergleiche als relevant gelten. Van Aken argumentiert vor allem mit sozialistischen Sichtweisen und wirtschaftlichen Faktoren. Dadurch können unbequeme Aspekte einer Statistik ausgeblendet oder anders interpretiert werden. Eines ist aber klar: Kriminalstatistiken sind komplex und ihre Interpretation ist immer auch politisch.

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Eine Debatte ohne einfache Antworten

Der Podcast zeigt exemplarisch, wie stark politische Lager ein und dieselben Zahlen unterschiedlich lesen. Während Parteien wie die AfD Migration häufig mit Sicherheitsproblemen und eine gesellschaftlichen Veränderung verknüpfen, betonen Parteien wie Die Linke stärker soziale Faktoren und neue Möglichkeiten. Van Aken formuliert seine Position im Podcast sich selbst und den Werten seine Partei entsprechend eindeutig: Pauschalisierungen seien falsch. „Es gibt Arschlöcher auf beiden Seiten“, flucht er lächelnd - und hat damit sicherlich auch einen Punkt.

Doch die Debatte über Migration, Kriminalität und Statistik dürfte damit nicht beendet sein. Denn hinter denselben Zahlen stehen unterschiedliche politische Deutungen und vor allem unterschiedliche Interessen.


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