Wird die Aufmerksamkeitsspanne länger? Warum Gen Z jetzt YouTube-wiederentdeckt |
Wer dieser Tage YouTube öffnet, stößt auf ein Relikt der frühen Internetjahre: den Vlog – das Mitfilmen alltäglicher Aktivitäten. Autorin Sophie Passmann oder Komikerin Laura Larsson haben jüngst genau mit diesem Format ihre YouTube-Debüts gegeben. Passmann zeigt etwa, wie sie mit einer Grippe auf dem Sofa liegt, zum Friseur geht und in der Küche stehend einen Hähnchenschenkel verspeist. Laura Larsson zeigt, wie sie in der Vorbereitung auf ihre Arena-Tour Tanzstunden nimmt und mit ihren Hunden Gassi geht.
Hier zeigt sich schon die große Stärke des Formats: Es lebt vom scheinbar ungeschönten Zeigen intimer, möglichst banaler Momente – ein Fest des Voyeurismus. Doch wie kommt es, dass im Zeitalter der kurzen Aufmerksamkeitsspanne nun wieder auf langformatige Videos gesetzt wird?
Die Nostalgie nach dem Internet von 2016
Zum einen könnte das am aktuellen Nostalgie-Hype liegen. 2026 begann damit, dass das Internet kollektiv alte Fotos aus dem Jahr 2016 postete: Pastellfarben, Starbucks-Kaffeebecher, der Snapchat-Hundefilter. Im Zuge dessen kletterte jüngst sogar der 2015 erschienene Song „Lush Life“ von Zara Larsson auf Platz eins der deutschen Single-Charts, nachdem er durch ein TikTok-Video viral gegangen war.
Soziale Medien steckten damals noch in den Kinderschuhen und wollten noch nicht perfekt kuratiert werden. Promis wie Privatpersonen posteten einfach drauflos – berauscht von den neuen Möglichkeiten digitaler Kommunikation. Für viele wirkt diese Zeit aus heutiger Perspektive wie eine Phase, in der Instagram und Co. noch authentischer waren und mit weniger Perfektions- und Performance-Zwang verbunden schienen.
Es war die goldene Zeit der YouTuber, allen voran Bianca Heinicke, besser bekannt als BibisBeautyPalace, die damals mit zwei Millionen Followern zu den erfolgreichsten ihrer Art in Deutschland zählte. Zudem wirkte das Internet weniger schnelllebig, an nur wenige Sekunden lange Kurzvideos auf TikTok, Instagram und Co. war 2016 noch nicht zu denken.
Gen Z: Jugendzimmer und YouTube
Ich bin einer jener jungen Erwachsenen, die nun mit einem romantisch verklärten Blick auf diese Zeit zurückblicken: 2016 hatte ich täglich um 14 Uhr eine Verabredung mit meiner Lieblings-YouTuberin „daaruum“, heute besser bekannt als die Schauspielerin Nilam Farooq. Genau um diese Uhrzeit lud sie in der Regel ein Video auf der Plattform hoch, und ich schaute mir jedes einzelne davon hingebungsvoll auf dem Computer meiner Eltern an. Anleitungen für Flechtfrisuren, Bastelvideos, Schmink-Tutorials, Shopping-Hauls und Vlogs. Dank „daaruum“ kann ich beispielsweise mit fünf Strängen flechten – inzwischen eine zugegebenermaßen überflüssige Fähigkeit, damals jedoch ein großer Hit in der Schule.
Wir hatten das, was man im Medienjargon eine „parasoziale Beziehung“ nennt: also eine einseitige emotionale Bindung, die durch regelmäßige digitale Interaktion mit ein und derselben Person entsteht.
Intimität als Marketing
In Zeiten der Aufmerksamkeitsbuhlerei und eines mit Content überfluteten Internets ist es verhältnismäßig schwierig geworden, über YouTube und Co. weitreichende Berühmtheit zu erlangen. Intime Formate wie Vlogs sind aber auch heute für Prominente eine charmante und attraktive Möglichkeit, ihre parasozialen Beziehungen zu pflegen.
In diesem Spannungsfeld wirkt der YouTube-Vlog von heute weniger wie ein spontaner Einblick in den Alltag, sondern vielmehr wie Kalkül, um die Fans auf einer weiteren Plattform bei Laune zu halten. Neben TikTok, Instagram oder Podcasts eine weitere Plattform, die mit Content bespielt wird. Sophie Passmanns neues Buch „Wie kann sie nur?“ ist am 12. März erschienen, Laura Larsson hat ihre diesjährige Arena-Tour zu promoten.
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Das Comeback des YouTube-Vlogs zeigt aber auch, dass nach Jahren des Zuspitzens und Verknappens von Inhalten und Botschaften im Internet wieder Raum für längere, banale Formate da ist – ganz ohne Clickbait und die reißerische „Hook“. So wird der alles entscheidende Einstieg ins Kurzvideo bezeichnet, der Angelhaken, an dem hoffentlich möglichst viele Zuschauer wie zappelnde Fische hängen bleiben.
2016 und 2026: Die Aufmerksamkeitsspanne ist annähernd gleich
Was bedeutet das für unsere durch das Smartphone geschundene Aufmerksamkeitsspanne? Geht es wieder bergauf mit ihr? Eher nicht. Studien zufolge liegt die aktuell bei rund acht Sekunden. Im Übrigen genauso kurz wie 2016 – oder noch zuvor. Einer oft zitierten Studie von Microsoft Kanada aus dem Jahr 2015 zufolge sei die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne des Menschen von 12 Sekunden im Jahr 2000 auf 8 Sekunden im Jahr 2013 gesunken – und läge damit sogar knapp unter den 9 Sekunden eines Goldfisches.