John Galliano bei Zara: Star-Designer startet Fast-Fashion-Kooperation

Unerwarteter Move mit Sprengkraft: John Galliano kehrt zurück – und das nicht etwa bei einem Couture-Haus, sondern beim Fast-Fashion-Giganten Zara. Der einstige Visionär von Dior und prägende Kreativdirektor von Maison Margiela arbeitet künftig in einer zweijährigen Partnerschaft, die seine Handschrift erstmals konsequent für ein breites Massenpublikum übersetzen soll.

Konkret geht es dabei weniger um klassische Capsule Collections als um ein größeres Kreativprojekt: John Galliano wird mit Kleidungsstücken aus vergangenen Zara-Saisons arbeiten, sie dekonstruieren und in neue Kollektionen überführen. So sollen Stücke entstehen, die sich mehr an der Ästhetik der Couture orientieren als am schnellen Trend.

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Erste Drops sind ab September 2026 geplant – und spielen mit der Idee, Luxusästhetik so zu übersetzen, dass sie für ein viel größeres Publikum funktioniert. Ein Ansatz, den H&M bereits seit Jahren erfolgreich verfolgt: Seit 2004 arbeitet der Konzern mit großen Designnamen – angefangen mit Karl Lagerfeld, später folgten unter anderem Kooperationen mit Comme des Garçons, Balmain oder Maison Margiela. Daraus entstanden Kollektionen, die regelmäßig innerhalb weniger Minuten vergriffen waren.

Was man von Gallianos Zara-Ära erwarten kann

Angesichts seiner bisherigen Arbeit ist davon auszugehen, dass John Galliano bei Zara nicht einfach Basics liefern wird. Wahrscheinlicher ist eine zugänglichere Version seiner Handschrift: Drama, märchenhafte Designs, dekonstruierte Schnitte – aber so übersetzt, dass man es im Alltag tragen kann. Kurz: weniger radikale Couture – dafür Mode, die bei Zara eine Ahnung von Runway erzeugt.

Die Höhen und Tiefen des John Galliano

Galliano gehört zu den schillerndsten und zugleich umstrittensten Figuren der Mode. Bei Dior prägte er in den 1990er- und 2000er-Jahren mit opulenten, theatralischen Shows und historisch aufgeladenen Silhouetten eine Ära des maximalistischen Luxus. Später übersetzte er diese Handschrift bei Maison Margiela in eine experimentellere, dekonstruktive Linie.

Der Verlauf von Gallianos Karriere wurde jedoch jäh unterbrochen: Nach einem antisemitischen Eklat im Jahr 2011 wurde er bei Dior fristlos entlassen. In einem Pariser Café hatte John Galliano unter Alkoholeinfluss mehrere Gäste beleidigt und dabei antisemitische sowie rassistische Äußerungen getätigt; ein Video des Vorfalls verbreitete sich rasch öffentlich. Der Skandal führte nicht nur zu seiner Entlassung, sondern auch zu einer Verurteilung vor Gericht und einem vorläufigen Ende seiner Karriere.

Bei seinem Comeback als Kreativdirektor von Maison Margiela im Jahr 2014 arbeitete er lange bewusst fernab der Öffentlichkeit und mied weitgehend öffentliche Auftritte – ein deutlicher Kontrast zu seiner früheren, stark inszenierten Präsenz.

Mit der „Dokumentation High & Low – John Galliano“ (2023) setzte der Designer sich später öffentlichkeitswirksam mit seinem Absturz und seiner Rückkehr auseinander. Parallel dazu wurde seine Rehabilitation immer sichtbarer – etwa durch prominente Auftritte in der Front Row, zuletzt auch im Januar 2026 bei Ex-Arbeitgeber Dior unter Jonathan Anderson.

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Fast Fashion wird zum Kulturplayer

Eingefädelt wurde Gallianos neuer Karriereweg bei Zara von Marta Ortega Pérez, der Vorsitzenden des Mutterkonzerns Inditex. Sie richtet Zara schon seit Jahren stärker kreativ aus – mit Projekten und Kooperationen, die der Marke mehr kulturellen Anspruch verleihen sollen. Dazu zählen etwa Kollaborationen mit Designern wie Samuel Ross und Stefano Pilati oder Kampagnen mit Fotografen wie Steven Meisel und David Sims. Die Deutungshoheit darüber, was gerade als begehrenswert gilt, liegt längst nicht mehr ausschließlich bei der Luxusmode, Player wie Zara oder H&M holen beim Thema Trendsetzung spürbar auf.

Dass ein Stardesigner wie John Galliano ausgerechnet auf eine längerfristige Zusammenarbeit mit einem Fast-Fashion-Haus wie Zara setzt, zeigt klar, wie sich die Branche gerade dreht: Die Luxusmode wirkt angeschlagen, viele Häuser kämpfen mit nachlassender Nachfrage. Der Markt ist voll, die Kauflaune nicht mehr selbstverständlich – und am Ende gewinnt, wer es schafft, im Gespräch zu bleiben und Begehrlichkeit zu erzeugen.

Sicher ist: Es wird sich verkaufen

Ein Name wie John Galliano bringt einiges mit: Geschichte, Kontroverse und einen enormen Wiedererkennungswert – also genau die Zutaten, die es braucht, um Hype zu erzeugen. Was bei Zara unter Galliano konkret entstehen wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch: Es wird sich hervorragend verkaufen.


© Berliner Zeitung