Au w(ei)a! Luxus zum Anbeißen: Warum Louis Vuitton & Co. jetzt Schokoeier verkaufen

Eine Handtasche von Louis Vuitton? Ab 1.500 Euro aufwärts. Ein Kleid von Dior? Fängt bei mehreren Tausend an. Ein Paar Gucci-Loafer? Knapp Tausend Euro. Für die allermeisten Menschen sind das keine realistischen Kaufentscheidungen, sondern Schaufensterträume. Doch genau diese Menschen wollen trotzdem Teil des Universums sein, das diese Marken versprechen: Exklusivität, Geschmack, ein Leben, das ein bisschen glänzt.

Food als erschwingliche Einstiegsdroge ins Universum der Luxusmarken

Die Luxusindustrie hat das längst verstanden. Und sie hat eine elegante Lösung gefunden: Wenn der Kunde nicht zur 3.000-Euro-Jacke kommt, kommt die Marke eben zum 180-Euro-Osterei. Food ist die erschwingliche Einstiegsdroge ins Universum der Luxusmarken. Cafés, Patisserien, Schokoladenkreationen – überall dort, wo die Einstiegshürde niedrig genug ist, dass nicht nur reiche, sondern auch besserverdienende Menschen einmal „Ja“ sagen können, ohne sich zu verschulden. Ein kleiner, süßer Moment der Zugehörigkeit, hübsch verpackt und perfekt für Instagram. Denn Essbares wird natürlich besonders gerne gepostet – gerade, wenn es mit Designer-Logo versehen ist.

Das Motto im Spätkapitalismus: Ei statt Eigenheim

Zynisch könnte man es den perfekten Taschenspielertrick des Spätkapitalismus nennen: die Demokratisierung des Luxus, die natürlich keine ist, sondern nur eine neue Preiskategorie für dasselbe Versprechen. Aber man kann es auch durch eine wohlwollende Brille betrachten: Wer gönnt sich nicht gerne etwas Besonderes – gerade zu Ostern? Und wenn das Besondere ein handgefertigtes Schokoladenei mit Designer-Logo ist, dann ist das eben der Luxus unserer Zeit: Ei statt Eigenheim.

Vier der größten Modehäuser der Welt haben in diesem Jahr besonders aufwendige Oster-Kreationen auf den Markt gebracht. Ein Blick auf das, was Gucci, Dior, Louis Vuitton und Prada aus Kakao, Zucker und Markenmagie machen.

Gucci: Osteria, Ostern, Osterei

Gucci hat den Schritt ins kulinarische Universum schon früher gewagt als die meisten Konkurrenten. 2018 eröffnete das Modehaus die „Gucci Osteria“ im Palazzo della Mercanzia in Florenz – direkt über dem Gucci Garden, dem hauseigenen Museum. Die Küche verantwortet der mit drei Michelin-Sternen dekorierte Küchenchef Massimo Bottura. Inzwischen gibt es Ableger in Los Angeles, Tokio und Seoul – die Osteria ist längst eine eigene Marke innerhalb der Marke.

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Von Osteria war der Weg zum Osterei nicht mehr weit – zumindest semantisch. Im Onlineshop der Gucci Osteria findet sich in diesem Jahr ein 320 Gramm schweres „Spring Edition Chocolate Egg“ für 60 Euro,  handgefertigt aus peruanischer Milchschokolade mit karamellisierten Pistazienstücken. Gemessen an einem Lindt-Hasen absurd teuer, gemessen an einem Gucci-Gürtel ein Schnäppchen.

„Spring Edition Chocolate Egg“ von Gucci. Erhältlich für 60 Euro via gucciosteria.com. 

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Louis Vuitton: Eine Handtasche zum Anbeißen

Seit 2023 betreibt der LVMH-Konzern im „Cheval Blanc Paris“ – dem konzerneigenen Luxushotel im historischen La-Samaritaine-Komplex an der Rue du Pont Neuf – die Chocolaterie „Le Chocolat Maxime Frédéric at Louis Vuitton“. Hotel, Kaufhaus, Modemarke und Chocolaterie verschmelzen hier zu einem einzigen Luxus-Ökosystem unter dem LVMH-Dach. Verantwortlich für die Kreationen ist Maxime Frédéric, Chef-Pâtissier des Cheval Blanc, der bereits einen Sterne-Ruf genoss, bevor er begann, Handtaschen aus Kuvertüre zu formen.

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Das Herzstück der diesjährigen Osterkollektion: sechs miniaturisierte „Egg Bags“ in der ikonischen Louis-Vuitton-Box, jede einzelne mit eingeprägtem Monogram-Muster. Die Form zitiert jenes Taschenmodell, das Kreativdirektor Nicolas Ghesquière erstmals bei der Frühjahr/Sommer-Show 2019 über den Laufsteg schickte. Drin stecken drei Varianten: zwei aus Milchschokolade mit Haselnuss-Praliné, Nusssplittern und Vanillekaramell, zwei aus Milchschokolade mit Erdnuss-Praliné, Erdnussstückchen und Vanillekaramell und zwei aus Zartbitterschokolade mit Biskuit-Praliné und Schokoladenkaramell. Aktueller Status im Onlineshop: ausverkauft. Wer die große Schwester will – die gelbe Egg Bag, über ein Kilo schwer, mit kandierten Orangen und Praliné-Zitronen-Karamell-Kern – muss 250 Euro berappen. Jedoch deutlich günstiger als das Pendant aus Leder, das man aktuell gebraucht ab rund 3000 Euro erwerben kann.

„6 Mini Egg Bags“ von Louis Vuitton. Erhältlich für 65 Euro via le-chocolat-maxime-frederic-louis-vuitton.com oder per Click & Collect direkt in der Chocolaterie im Cheval Blanc.

Dior: Haute Couture aus Kakao

Mit seinem ersten Schokoladen-Osterei überhaupt betritt Dior Neuland – und zwar standesgemäß an der vielleicht prestigeträchtigsten Adresse der Modewelt. Im März 2022 eröffnete das Haus nach umfassender Renovierung seinen Flagship-Komplex an der 30 Avenue Montaigne in Paris neu. Dort befinden sich nicht nur Boutique und Museum, sondern auch das Restaurant „Monsieur Dior“ und das lichtdurchflutete Gartenrestaurant „Le Jardin“. Die Küche verantwortet seither Yannick Alléno, dessen Restaurants weltweit aktuell auf insgesamt 18 Michelin-Sterne kommen.

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„L'œuf en chocolat Dior“ ist eine Skulptur aus dunkler und weißer Schokolade, die das charakteristische Medaillon von Christian Dior zitiert, akzentuiert von einer Schleife. Im übergroßen Ei verbergen sich Schokoladenüberraschungen, verziert mit dem ikonischen Cannage-Muster des Hauses. Das rautenförmige Steppgeflecht übernahm Christian Dior einst von den Napoleon-III-Stühlen seiner Modenschauen – seither ziert es alles, angefangen bei der Lady-Dior-Bag bis eben zu diesem Osterei. Hinzu kommen Knopfmotive und die „CD“-Initialen. Eine knusprige Mischung aus Haselnüssen, Mandeln, Puffreis-Praliné und Sobacha  (geröstetem Buchweizen) sorgt für den Abschluss. Preis: 180 Euro.

„L'œuf en chocolat Dior“. Exklusiv im Le Jardin du 30 Montaigne in Paris für 180 Euro erhältlich – kein Onlineshop, kein Versand.

Prada: Praliné in Pastell

Prada näherte sich dem Thema Food bereits 2014, als das Modehaus die Pasticceria Marchesi 1824 übernahm, eine der ältesten und renommiertesten Konditoreien Mailands. Aus dieser Verbindung entstanden nach und nach die Prada Caffè-Konzepte, die in ausgewählte Prada-Boutiquen weltweit integriert werden: keine eigenständigen Restaurants, sondern Cafés inmitten der Verkaufsfläche. Wer einen Espresso trinkt, tut dies zwischen Nylontaschen und Saffiano-Leder.

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Im Prada Caffè im ION Orchard in Singapur gibt es zu Ostern gleich eine ganze Kollektion: Die Chocolate Pastel Eggs für umgerechnet rund 63 Euro sind mundgerechte Stücke aus weißer Schokolade in zarten Pastelltönen – Gelb, Blau, Grün, Rosa –, gefüllt mit Zitronen- und Vanillecreme, Gianduja mit Passionsfrucht, Pistazie oder Milchcreme mit Himbeere. Daneben gibt es die Milk and Dark Chocolate Eggs (rund 35 Euro): einzeln in bunte Folie gewickelt, verpackt in geprägten Dosen, in Geschmacksrichtungen wie Cremino, Gianduja, Mandel, Haselnuss und Pistazie – Pralinen-Klassik im Ostergewand. Und wem Schokolade zu naheliegend ist, der greift zu den handverzierten Artisanal Cookies (rund 21 Euro): glasiert in Pradas ikonischem Mintgrün, dekoriert mit filigranen Zuckerguss-Gänseblümchen – fast zu hübsch zum Essen.

Weniger Skulptur als bei Dior, weniger Handtaschen-Mimikry als bei Louis Vuitton – dafür das, was Prada auch in der Mode am besten kann: leise Raffinesse, die man erst beim zweiten Hinschauen (oder Hineinbeißen) vollständig begreift.

„Chocolate Pastel Eggs“ von Prada. Erhältlich für 63 Euro ausschließlich im Prada Caffè in der Prada Boutique ION Orchard in Singapur.


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