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„Tatort“-Kommissare: Die Besten gehen in Rente

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Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

Seit 1991 waren sie auf Sendung, in so vielen Folgen (100!) wie kein anderes „Tatort“-Team: Miroslav Nemec als Kriminalhauptkommissar Ivo Batic und Udo Wachtveitl als Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr. Gerade in den letzten 15 bis 20 Jahren gehörten sie zu den Teams, von denen man als Fan keine Folge verpassen wollte. Zum Abschied mit der Doppelfolge „Unvergänglich“, die über Ostern gesendet wurde, muss man resümieren: Die Besten gehen in Rente.

Besteht mit den vielen Jahren im „Tatort“-Kosmos durchaus die Gefahr, sich in seiner künstlerischen Fernsehroutine zu verlieren (siehe „Tatort“ Ludwigshafen oder Köln), so muss man für das Münchner Team konstatieren, dass es kontinuierlich den Anspruch der Weiterentwicklung hatte. Überdurchschnittlich viele Folgen blieben nachhaltig im Gedächtnis, weil sie hervorragende TV-Krimis waren, die weit über das Prädikat Unterhaltung hinausgingen.

Explizit nach dem Ausstieg von Michael Fitz als Sidekick und Assistent Carlo Menzinger („Der Traum von der Au“, 2007) erfuhr das Münchner Team eine qualitative Renaissance. Die beiden sperrigen Lonesome Cowboys vermochten es zusehends, die Zuschauer zu fesseln, ohne in Sachen Handlung auf den neuesten Schrei zu setzen. Ganz oldschool als individuelles Krimi-Format zur Primetime.

Bier mit Nachwirkungen zum Oktoberfest-Tatort

Veritables Familiendrama

Zwischen Franz und Ivo passte es einfach. Egal ob sie sich nun stritten, was sie nicht selten taten, weil der Franz beispielsweise Geheimnisse für sich behielt, wie in „Am Ende des Flurs“ (2014). So erfuhr Batic erst durch einen Mord von der langjährigen Affäre seines alten Spezis, die Leitmayr am Ende fast selbst das Leben kostete. Viele Fans sorgten sich damals um das vorzeitige Ende des Duos, das in der nächsten Folge („Der Wüstensohn“, 2014) allerdings völlig unberührt von den Ereignissen zuvor wieder in alter Frische weiter ermittelte.

Besonders eindrucksvoll ist die Verbundenheit auch in „Der traurige König“ (2012) zu sehen, wobei Ivo seinen Gefährten vor dem unnachgiebigen internen Ermittler Maus (Thorsten Michaelis) deckt, weil Franz von starken Zahnschmerzen belastet unter Schmerzmitteln jemanden erschossen hat, der mit einer Replika-Waffe auf ihn zielte. Was als vermeintliches Kammerspiel um Schuld und Sühne beginnt, entpuppt sich nach und nach als veritables Familiendrama.

Selbst für die gesellschaftspolitische Dimension ist Platz. Es geht im Kern um das Aussterben der kleinen Innenstadtläden im Dschungel der Großstadt. In diesem Fall ein Eisenwarenladen, der von den großen Baumärkten „gefressen“ und nur noch künstlich vom verstoßenen Sohn über Wasser gehalten wird. Die Burgtheater-Schauspieler Elisabeth Orth und Wolfgang Hübsch verkörperten dabei eindrucksvoll ein auf Gedeih und Verderb zusammengeschweißtes Ehepaar.

Gerade wenn es sehr persönlich wird, glänzen neben den Kommissaren auch die mitunter hervorragenden Nebendarsteller. Fraglos auch in der bereits erwähnten Folge „Am Ende des Flurs“ (2012), in der sich eine ganze Reihe großartiger Akteure die Klinke in die Hand geben.

Färberböcks Meisterwerk

Franz Xaver Kroetz als alter Münchner Wiesnwirt-Hallodri, dessen Rolle treffend im Suizid im Porsche Panamera endet. Beatrice Richter als dessen Ehefrau und hochrangige Verwaltungsbeamtin, von seinen Eskapaden wissend und trotzdem den Tod des Ehemannes fürchtend. Wolfgang Czeczor als undurchsichtiger, einsamer, aber liebebedürftiger älterer Herr. Barbara de Koy als unscheinbare, ebenso liebebedürftige, aber hochgradig labile und psychotische Nachbarin. Andreas Lust und Juergen Maurer, die nicht wissen, wohin mit ihrer Wut und Trauer über den Verlust der Geliebten.

Diese wird dargestellt von der in diesem „Tatort“ herrlich naiv-sirenenhaften Fanny Risberg, die mit ihrer charmant-erotischen Ausstrahlung so ziemlich allen Protagonisten den Kopf verdreht, inklusive Leitmayr. Kurzum: Diese Folge ist ein Meisterwerk von Regisseur Max Färberböck.

Der Münchner „Tatort“ mit Batic und Leitmayr war überdies stets hochaktuell, ohne zwanghaft modern oder angepasst sein zu müssen. Weil er oft Geschichten erzählte, die das Land und die Gesellschaft bewegen oder bewegten. Ob im Jubiläums-„Tatort“ zum 25-jährigen Bestehen, „Mia san jetzt da, wo’s wehtut“ (2016), wobei es am Ende nur Sekt aus dem Pappbecher gab und das Prostitutions- und Menschenhandelparadies Deutschland in all seiner Schonungslosigkeit aufs Korn genommen wurde.

Oder im Meisterwerk „Nie wieder frei“ (2010) von Christian Zübert, das, obwohl bereits 16 Jahre alt, bis heute brandaktuell ist, unter Fans als eine der besten „Tatort“-Folgen aller Zeiten gilt und völlig zu Recht 2011 den Grimme-Preis erhielt.

Jede einzelne Rolle hervorragend besetzt

Ein brutaler Vergewaltiger (Shenja Lacher), so viel ist von Beginn an klar, wird von einer jungen, überambitionierten Anwältin (Lisa Wagner, später als Kollegin von Batic und Leitmayr in fünf Episoden zu sehen) so gut vertreten, dass sie jedes Indiz für seine Schuld zerpflückt und ihrem Mandanten zur Freiheit verhilft, was sie später bereuen wird. Auch hier ist jede einzelne kleine Rolle hervorragend besetzt. Vom zerbrochenen Opfer, das überlebt (Anna Maria Sturm), bis hin zum verzweifelt-hilflosen Vater des Täters (Thilo Prückner) im Unterhemd mit authentischer Prekariatsattitüde.

Es sind die speziellen Momente, die in Erinnerung bleiben, die immer wieder beständig ins Mark treffen. Szenen wie in „Lass den Mond am Himmel stehen“. In diesem schockierenden „Tatort“ steht eine wohlstandsverwahrloste Familie mit einem soziopathischen Sohn (eiskalt, Tim Offerhaus in seiner ersten großen TV-Rolle), der grausam gleichgültig seinen besten Freund tötet, im Mittelpunkt.

Die unheimliche Stille der Eltern und die beunruhigende Zeit, die sich der Film genau dafür nimmt, offenbaren das gesamte Erziehungsdrama ohne die große Plakativität. Die wohlsituierten, aber moralisch völlig verkommenen Eltern (Victoria Mayer und Hans Löw) unterstützen ihren Sohn durch Strafvereitelung. Die Tat bleibt am Ende ungesühnt. Die Schreie der Mutter des getöteten Kindes (Laura Tonke) lassen nicht nur Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer), sondern auch den Zuschauer sprachlos zurück.

Auch vor gesellschaftlich tabuisierten Themen machte das Münchner Team um Leitmayr und Batic nicht halt. Selten wurde Pornografie so stringent thematisiert und so penibel von den Machern hinter der Kamera recherchiert wie in „Hardcore“ (2017).

Ebenso akribisch und eindrücklich ist der bürokratische Akt der kriminalistischen Arbeit jenseits des großen Spektakels in „Die Wahrheit“ (2016), ohne dabei auch nur eine Sekunde beliebig oder stupide zu werden. Ein Fernsehkrimi, perfekt abgestimmt – von den Darstellern über das Drehbuch und den Schnitt bis hin zur Musik. Die feine Nuanciertheit, die Liebe zum Detail zwischen Kunst und Unterhaltung war stets die Stärke der Münchner „Tatort“-Folgen.

Behält man diesen Anspruch, wird auch das neue/alte Münchner Team erfolgreich sein. Ferdinand Hofer, der sich über die Jahre vom lausbübisch-flapsigen Assistenten Kalli Hammermann zum taffen Ermittler an der Seite seiner Kollegen entwickeln konnte, bekommt mit Carlo Ljubek einen neuen Kollegen mit kroatischen Wurzeln. Damit scheint man in München auf ein bewährtes Konzept zu setzen.

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Wirklich gute Autoren und Regisseure

Ein nachvollziehbarer Schritt, der auch das bayerische Lokalkolorit, gerade in den Nebenrollen, mitnehmen sollte. Einem Jürgen Tonkel als cholerischem Vorgesetzten mit Hang zum Alkoholismus oder einem Robert Joseph Bartl, der in seiner Rolle als stilvoller Rechtsmedizin-Bohemien Dr. Matthias Steinbrecher in der Folge „Zugzwang“ (2025) leider verstarb, schaut man einfach gern bei ihrer Arbeit zu.

Vertraut man schließlich weiterhin auf die wirklich guten Autoren und Regisseure, die in ihrer Arbeit stets gut bei sich bleiben, dann werden auch Carlo Ljubek und Ferdinand Hofer den Erfolg ihrer Vorgänger fortsetzen. Zu dieser Riege zählen Alexander Adolph, der beispielhaft in „Der tiefe Schlaf“ (2012) Nebendarsteller Fabian Hinrichs für eine eigene Kommissarrolle empfahl, natürlich Altmeister Dominik Graf, aber auch Erol Yesilkaya, Thomas Stiller, Andreas Kleinert, Christian Zübert, Holger Joos und eben Max Färberböck.Heino Neumann ist audiovisueller Medienwissenschaftler (Master M.A.) mit Abschluss an der Filmuniversität Konrad Wolf in Potsdam. Derzeit lebt und arbeitet er als Diplom-Sozialpädagoge in Cottbus.Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.


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