We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Entlastung vom Text

7 0 2
30.06.2020

BerlinAls Bundesinnenminister Horst Seehofer unlängst die Absicht bekundete, Strafanzeige gegen die taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah zu stellen, schien die Angelegenheit plötzlich einfach. Was konnte man anderes tun, als sich schützend vor die Autorin zu stellen, die im Sinne des Presserechts nicht einmal verantwortlich für einen etwas verunglückten Text über mögliche Berufsalternativen für Polizisten war? Yaghoobifarah hatte für eine Art Abschiebung des gesamten Berufstands auf die Müllkippe votiert und damit Empörung ausgelöst, nicht nur bei Seehofer.

Dabei blieb es aber nicht. Wenn ich sage, „verunglückter Text“, dann mache ich mich inzwischen verdächtig, einem Lager alter, weißer Rassisten anzugehören. Selbst in der debattenerprobten Tageszeitung taz scheint derzeit kaum jemand zu wissen, wie man auf die sichere Seite kommt. Nach Seehofers Intervention nämlich setzte eine hermeneutische Gegenoffensive ein, die Yaghoobifarahs Kolumne als legitime Reaktion vielfacher Diskriminierungserfahrung deuteten und ihr somit eine ganz andere Wahrheit attestierten.

Hengameh Yaghoobifarah hat iranische Wurzeln und bezeichnet sich als nichtbinär, was für die weitere Einschätzung des Geschriebenen rasant an Bedeutung gewann. Kein Textkörper ohne die Geschichte ihrer Autorin – in verschiedenen literaturwissenschaftlichen Schulen ist darauf bereits sehr viel Mühe verwandt worden, mit durchaus unterschiedlichen Ergebnissen. Saskia Hödl, die für die Kolumne verantwortliche Redakteurin der taz, beschrieb ihre Lesart des Textes auf die Schnelle so: „Im Ressort taz zwei, das ich leite, haben wir am vergangenen Montag eine Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah veröffentlicht, mit der viele Kolleg:innen nicht einverstanden sind. Ich habe die Kolumne als eine polemische und satirisch-groteske Kritik an einer Machtstruktur, an einem Gewaltmonopol und an einer Reihe von ungeklärten und unverhinderten Ermordungen in Deutschland gelesen. Ich habe sie im Kontext der aktuellen politischen Lage........

© Berliner Zeitung