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Deutschland vor dem Crash? Drei Krisen, die jetzt alles entscheiden

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In Krisen wird oft auf Koalitionszwänge verwiesen. Auf Zuständigkeiten. Oder, wenn gar nichts mehr geht, eine „komplexe Gemengelage“. Deutschland erlebt gerade einen solchen Moment. Drei Krisen – eine selbst verschuldete, eine importierte und eine verschlafene – laufen aufeinander zu.

Jede einzelne wäre für eine handlungsfähige Regierung eine Herausforderung. Zusammen ergeben sie das Szenario eines ökonomischen Crashs, auf den die Bundesregierung unter Friedrich Merz (CDU) keine erkennbare Antwort hat. Schlimmer noch: Die konzeptionelle Leere ist kein Betriebsunfall dieser Koalition. Sie ist das Erbe einer politischen Kultur, die ideologische Selbstvergewisserung über die materiellen Interessen der eigenen Bürger gestellt hat – und die nun unfähig ist, die Folgen dieses Fehlers zu korrigieren.

Die LNG-Falle: Wie Deutschland sich freiwillig ins energiepolitische Chaos begab

Die Geschichte der deutschen Energiepolitik seit 2022 wird eines Tages als Lehrstück dafür dienen, wie eine Industrienation ihre eigene Verwundbarkeit systematisch vergrößerte – im festen Glauben, das Richtige zu tun.

LNG plötzlich zu teuer: Hat sich Europa beim Flüssigerdgas verrechnet?

Als die Bundesregierung unter Olaf Scholz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine die Abkehr von russischem Gas und Öl vollzog, geschah dies unter dem moralischen Imperativ, einen Aggressor nicht weiter zu finanzieren. Diese Entscheidung war politisch nachvollziehbar. Was daraus folgte, war es nicht.

In Rekordgeschwindigkeit ließ Wirtschaftsminister Robert Habeck drei LNG-Terminals errichten – in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Lubmin. Marco Rubio, damals designierter US-Außenminister, lobte die „deutsche Ingenieurskunst“ ausdrücklich. Man durfte sich fragen, warum ein Vertreter der „America First“-Doktrin so begeistert war von deutscher Infrastrukturpolitik eines führenden Grünen-Politikers. Kamda zusammen, was zusammengehört?

Mut zur Zukunft: Klimaziele 2045 sind ohne Kernenergie kaum zu erreichen

Die Einschätzung lieferte der damalige deutsche Botschafter in Washington, Andreas Michaelis, in einem internen Bericht an das Auswärtige Amt, der Anfang 2025 bekannt wurde: Die USA planten, die durch westliche Sanktionen entstandenen Versorgungslücken mit amerikanischen Öl- und Gasexporten zu füllen. „Energiedominanz“ – so der Schlüsselbegriff auf allen republikanischen Prioritätenlisten.

Habeck hatte, so die bittere Pointe, der „America First“-Politik die Infrastruktur gebaut.

Was die Bundesregierung niemals ignorierte, waren die Interessen der US-Energieindustrie. Die monatlichen LNG-Exporte der USA stiegen von 1,7 Milliarden Kubikfuß pro Tag im Januar 2017 auf über zwölf Milliarden Kubikfuß pro Tag nach drei Jahren Ukraine-Krieg. Fast die Hälfte des verdrängten russischen Erdgases auf dem EU-Markt wurde von US-Unternehmen ersetzt. Patrick Pouyanne, Chef von TotalEnergies, warnte im November 2025 unmissverständlich: Trump versuche, „die Abhängigkeit von Russland durch die von den USA zu ersetzen“.

Und hier beginnt die eigentliche Zumutung für jeden Bürger, der seine Heizkosten- und Tankrechnungen bezahlen muss: Die These, dass russisches Erdgas und Erdöl günstiger waren als die Alternativen, wird im politischen Berlin behandelt wie eine Verschwörungstheorie. Wer darauf hinweist, dass Pipelinegas aus Russland schlicht billiger war als per Tanker verschifftes Flüssiggas aus den USA oder Katar, wird in eine Ecke gestellt, die irgendwo zwischen Xavier Naidoo und dem Kreml liegt. Nach dem Motto: Wer russisches Erdöl kauft, frisst auch kleine Kinder.

Dabei sind die Zahlen eindeutig. Die Preisentwicklung an den Tankstellen, die Gasrechnungen der Haushalte, die Energiekosten der Industrie – alles dokumentiert, dass die „Diversifizierung“ der Energiequellen eine massive Verteuerung bedeutet hat. Der BSW-Europaabgeordnete Fabio De Masi brachte es auf den Punkt: „Der Verzicht auf russisches Gas und Öl wurde mit der Verringerung der Abhängigkeit von Putin begründet. Wir haben sie aber offensichtlich nur gegen die Erpressung von Donald Trump eingetauscht und zerstören über die hohen Energiepreise unsere Wirtschaft.“

Nun steht die EU vor dem nächsten Akt der Selbstschädigung: einem geplanten Importverbot für russisches Erdgas ab 2027, das die Beschaffungskosten weiter in die Höhe treiben wird. Gleichzeitig droht Washington offen mit der Energiewaffe. US-Botschafter Andrew Puzder warnte im März 2026, ohne Umsetzung des Turnberry-Handelsabkommens seien die Bedingungen für künftige Geschäfte „möglicherweise nicht mehr so günstig“. Die EU soll bis 2028 Energie im Wert von 750 Milliarden US-Dollar aus den USA beziehen.

Deutschland hat sich freiwillig in diese Falle begeben. Und die Regierung Merz? Sie verwaltet das Erbe, ohne es zu korrigieren. Keine Strategie zur Preisdämpfung, keine ehrliche Debatte über Bezugsquellen, keine Antwort auf die Frage, warum Bürger und Unternehmen die Kosten einer Energiepolitik tragen sollen, die weder ihre Versorgung sichert noch ihre Rechnungen senkt.

Der Iran-Krieg: Wie Deutschland sich bereitwillig ins Chaos ziehen lässt

Wenn die LNG-Debatte das Kapitel der selbst verschuldeten Krise ist, dann ist der Krieg im Iran das Kapitel der importierten Katastrophe, der Deutschland nichts entgegenzusetzen hat.

Seit die Straße von Hormus blockiert ist, hat sich die Lage auf den globalen Energiemärkten dramatisch verschärft. Die Schlagader der Weltwirtschaft, durch die rund ein Fünftel des global gehandelten Öls fließt, ist unterbrochen. Die Folgen treffen Deutschland mit voller Wucht.

Die Dieselpreise haben ein Allzeithoch erreicht. Am Osterwochenende 2026 kostete ein Liter Diesel im Tagesdurchschnitt 2,44 Euro – mehr als zehn Cent über dem bisherigen Rekord aus dem Jahr 2022. Super E10 lag bei 2,19 Euro. Und die Preise klettern weiter. Die neue Tankstellenregel, die Preiserhöhungen auf einmal täglich begrenzen sollte, hat sich als kontraproduktiv erwiesen: Die Mineralölkonzerne nutzen die einmalige Erhöhungsmöglichkeit für maximale Aufschläge.

Rostender Ruhrpott: Wird die Wasserstoff-Wette zum Milliardengrab für die Stahlindustrie?

Die Wirtschaftsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 0,6 Prozent halbiert. Die Inflation in der Eurozone ist im März auf 2,5 Prozent gestiegen, getrieben von einem Energiepreisanstieg von 4,9 Prozent. Die irische Zentralbank rechnet in einem verschärften Szenario mit Inflationsraten über vier Prozent. Die Prognosen basieren auf der Annahme, dass die Straße von Hormus im zweiten Quartal wieder passierbar wird – eine Annahme, für die es derzeit keine belastbare Grundlage gibt.

Was bedeutet das konkret? Kerosin könnte knapp werden. Lieferketten sind gefährdet. Urlaubsplanungen, auf die Familien ein Jahr lang hingespart haben, stehen auf der Kippe. Und es geht längst nicht mehr nur um den Sommerurlaub. Landwirte, Handwerker, Pendler, Spediteure – alle, deren Existenz an Kraftstoffpreisen hängt, spüren den Druck täglich.

Man muss die Frage stellen, auch wenn sie unbequem klingt: Wird Subsistenzwirtschaft für einen Teil der deutschen Bevölkerung zu einer realen Option? Für Menschen auf dem Land, die einen Garten haben, die heizen können, ohne auf den Weltmarktpreis für Gas angewiesen zu sein? Die Frage klingt anachronistisch.

Aber sie ist weniger absurd, als sie scheint, wenn man historische Parallelen betrachtet. In der Ölkrise 1973 reagierten europäische Gesellschaften mit autofreien Sonntagen und Hamsterkäufen. In der Nachkriegszeit war der Schrebergarten keine Freizeitbeschäftigung, sondern Überlebensstrategie. Die Energiekrise 2022 führte dazu, dass Kommunen Warmwasser in öffentlichen Gebäuden abstellten und Bürger Brennholz horteten.

Die aktuelle Lage ist bisher nicht derart gravierend. Aber die Richtung stimmt. Und eine Regierung, die auf eine Preisexplosion bei Grundbedarfsgütern mit der Pendlerpauschale antwortet, signalisiert: Wir haben die Dimension dieser Krise nicht verstanden.

Die Rohstoffkrise: Wie Deutschland einer Zukunft hinterherrennt, die es nicht geplant hat

Während die Energiepreise die Gegenwart dominieren, entscheidet sich in der Rohstofffrage die Zukunft. Und auch hier offenbart sich: Deutschland hat keine Strategie. Es hat Papiere.

Die Rohstoffstrategie der Bundesregierung stammt im Kern aus dem Jahr 2010, wurde 2020 aktualisiert und wird von nahezu allen relevanten Akteuren – BDI, DIHK, IG BCE, BGR – als unzureichend kritisiert. Deutschland importiert über 90 Prozent seiner metallischen Rohstoffe. Bei Seltenen Erden besteht eine nahezu hundertprozentige Importabhängigkeit – vorwiegend von China. Bei Wolfram liegt der chinesische Förderanteil bei 84 Prozent. Bei Bauxit bezieht Deutschland 64 Prozent aus Guinea. Bei Kobalt ist man abhängig vom Kongo.

Rohstoff-Krieg im Kongo: USA starten Großoffensive gegen Chinas Vormacht

Die EU-Liste kritischer Rohstoffe umfasst inzwischen 34 Materialien. Lithium, Kobalt, Kupfer, Seltene Erden, Graphit, Nickel – ohne sie keine Batterien, keine Windräder, keine Solarmodule, keine Digitalisierung, keine Verteidigungsfähigkeit. Die Internationale Energieagentur prognostiziert, dass sich die weltweite Nachfrage nach kritischen Mineralien bis 2030 nahezu versiebenfachen wird. Die EU-Kommission rechnet damit, dass sich die Nachfrage nach Lithium bis 2050 auf das 21-Fache erhöht.

Die Realität indes sieht so aus: Genehmigungsverfahren für heimische Förderung dauern mehr als ein Jahrzehnt. Recyclingquoten für Seltene Erden liegen bei drei bis acht Prozent. China hat als Reaktion auf die US-Zollpolitik Exportkontrollen für Seltene Erden und Magnete verhängt – mit unmittelbarer Wirkung auf deutsche Unternehmen, die nun Genehmigungen bei chinesischen Behörden beantragen müssen, ohne zu wissen, ob und wann diese erteilt werden. Im Gegensatz zu Öl und Gas gibt es bei kritischen mineralischen Rohstoffen keine nationalen Reserven.

Der BDI warnt vor einer „Metallkrise“ bis Ende der Dekade. Die Reichweite bei Antimon beträgt 18 Jahre, bei Fluorit 39 Jahre, bei Wolfram 47 Jahre, bei Kobalt 54 Jahre – bei steigender Nachfrage. Und während Deutschland seine eigenen Lithiumvorkommen nicht erschließt, weil Genehmigungsverfahren zu lang, gesellschaftliche Akzeptanz zu gering und politischer Wille zu schwach sind, baut China seine Marktdominanz weiter aus – auch durch gezielte Überkapazitäten, die jeden Versuch, alternative Produktionsstätten aufzubauen, im Keim ersticken.

Die Bundesregierung reagiert auf diese existenzielle Herausforderung mit dem Versprechen, „die Instrumente der Außenwirtschaftsförderung strategisch auszurichten“. Das ist die Sprache einer Verwaltung, nicht einer Regierung in der Krise.

Conclusio: Drei Krisen, ein Zusammenbruch

Man muss die drei Stränge zusammenführen, um die volle Dimension des Versagens zu begreifen.

Erstens hat Deutschland sich durch eine ideologisch motivierte Energiepolitik freiwillig in eine Abhängigkeit von US-Gaslieferungen begeben, die teurer, unsicherer und politisch erpressbarer ist als die vorherige Abhängigkeit von Russland. Die LNG-Terminals, die Habeck bauen ließ, sind die Infrastruktur amerikanischer Energiedominanz auf europäischem Boden. Die Regierung Merz verwaltet dieses Erbe, ohne es zu hinterfragen.

Zweitens lässt sich Deutschland bereitwillig in eine Krise ziehen, die nicht seine eigene ist. Der Iran-Krieg treibt Energie- und Kraftstoffpreise auf Allzeithochs, gefährdet Lieferketten und Kerosinversorgung, zerstört Urlaubsplanungen und Familienbudgets. Die Bundesregierung antwortet mit der Pendlerpauschale und einer Tankstellenregel, die die Preise nach oben treibt statt nach unten.

Drittens hat Deutschland keine Strategie, um an die Rohstoffe zu kommen, ohne die weder Energiewende noch Digitalisierung noch Verteidigungsfähigkeit möglich sind. Die Verantwortlichen rennen einer Entwicklung hinterher, die sie seit fünfzehn Jahren hätten antizipieren müssen.

Jede dieser Krisen allein wäre beherrschbar – mit politischem Willen, strategischem Denken und der Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Zusammen laufen sie auf etwas zu, das man nur als großen Crash bezeichnen kann: einen Punkt, an dem die Energiekosten die industrielle Basis erodieren, die Rohstoffknappheit die technologische Transformation blockiert und die Kaufkraft der Bürger so weit sinkt, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in Gefahr gerät.

Die Bundesregierung unter Friedrich Merz hat für keine dieser drei Krisen ein Konzept. Sie hat nicht einmal eine Sprache, um das Problem zu benennen. Und das ist vielleicht das Beunruhigendste: Nicht die Krise selbst, sondern die Tatsache, dass die Verantwortlichen offenbar nicht einmal verstehen, was auf sie zukommt.

Die in dieser Analyse zitierten Quellen umfassen interne diplomatische Korrespondenz, Gutachten des DIW Berlin, Stellungnahmen des ADAC, Prognosen der Wirtschaftsinstitute, Veröffentlichungen des BDI und der BGR sowie Berichterstattung internationaler Nachrichtenagenturen.


© Berliner Zeitung