Während Stuttgart auf Messerangriffe reagiert, prüft Berlin noch mögliche Schutzmaßnahmen

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) stellt in Stuttgart die neue Polizeiuniform vor. Funktionalere Stoffe, mehr Tragekomfort – und vor allem: schnitthemmende Elemente, die vor Messerangriffen schützen sollen. Es ist eine nüchterne, fast technische Maßnahme. Und doch steckt in ihr eine politische Botschaft: Der Staat reagiert auf eine Realität, die er lange beschrieben hat – und nun sichtbar ausstattet.

Denn die Zahlen, die das Innenministerium dazu vorlegt, sind eindeutig – und alarmierend zugleich. Im Jahr 2025 wurden in Baden-Württemberg 6299 Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte registriert – nur knapp unter dem Höchststand des Vorjahres mit 6362 Fällen. Gleichzeitig wurden Polizistinnen und Polizisten 14.586-mal Opfer von Gewalt – so viele wie nie zuvor. Seit 2016 ist die Zahl der Opfer damit um 62,4 Prozent gestiegen, die Zahl der Fälle um 43,4 Prozent.

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Auch wenn die Zahl der Verletzten zuletzt zurückging – 2535 verletzte Beamte im Jahr 2025, 8,9 Prozent weniger als im Vorjahr –, bleibt die Dimension erheblich. Darunter waren 16 Schwerverletzte. Messerangriffe gingen zwar von 55 auf 47 Fälle zurück, das sind nach Lesart des Ministers aber „47 zu viel“.

Baden-Württemberg zieht Konsequenzen

Die Botschaft aus Stuttgart ist klar: Die Entwicklung ist strukturell – und sie verlangt nach strukturellen Antworten.

Diese Antwort besteht im Südwesten nicht nur aus neuer Kleidung. Die Uniform ist Teil eines größeren Sicherheitskonzepts. Parallel dazu stattet das Land sogar Gerichtsvollzieher flächendeckend mit Schutzwesten, Schnittschutzkleidung, Handschuhen und Alarmtechnik aus – vollständig finanziert vom Staat.

Das ist bemerkenswert. Denn es zeigt, wie weit die Logik des Schutzes inzwischen reicht: Nicht nur klassische Einsatzkräfte, sondern alle, die hoheitlich handeln, sollen besser abgesichert werden.

Berlin: Die Hauptstadt schaut noch hin

Und Berlin? In der Hauptstadt fällt die Reaktion bislang deutlich zurückhaltender aus. Auf Nachfragen zu vergleichbaren Maßnahmen heißt es: Man prüfe, man brauche Zeit, man werde Zahlen nachreichen. Ein Sprecher der Innenverwaltung empfiehlt, sich wegen der Zahlen zu Angriffen auf Einsatzkräfte direkt an Polizei und Feuerwehr zu wenden.

Auch die Berliner Polizei selbst bestätigt lediglich, dass die Anfrage der Berliner Zeitung eingegangen ist – eine Antwort sei nicht vor dem 20. Februar möglich. Konkrete Planungen für schnitthemmende Uniformteile? Offen. Eine politische Bewertung? Ebenfalls offen. Die Deutsche Polizeigewerkschaft? Schweigt – und reagiert auf eine Mailanfrage gar nicht.

Das wirkt wie ein Kontrast aus zwei politischen Geschwindigkeiten: Hier ein Land, das aus Zahlen konkrete Maßnahmen ableitet – dort eine Metropole, die zunächst einmal Zuständigkeiten sortiert und Zeit benötigt.

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Dabei müsste Berlin die Entwicklung nicht erst entdecken. Gewalt gegen Einsatzkräfte gehört hier seit Jahren zum Alltag: bei Demonstrationen, bei Großveranstaltungen, im Nachtleben, in angespannten sozialen Lagen. Polizeibeamte, Feuerwehrleute und Rettungskräfte berichten von wachsender Aggressivität und sinkender Hemmschwelle.

Schutz ist eine staatliche Pflicht

Die Frage nach schnitthemmenden Uniformen wirkt technisch. In Wahrheit ist sie politisch grundlegend. Sie berührt die Fürsorgepflicht des Staates gegenüber seinen Beschäftigten.

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Baden-Württemberg beantwortet diese Frage eindeutig: Wer im Namen des Staates handelt, bekommt Schutz vom Staat – und zwar systematisch, flächendeckend und bezahlt.

Berlin sendet bislang kein vergleichbar klares Signal. Das mag organisatorische Gründe haben, an finanziellen Abwägungen oder einer anderen Lageeinschätzung liegen. Doch nach außen entsteht vor allem der Eindruck: Die Hauptstadt zögert.

Niemand wird behaupten, dass eine neue Uniform Gewalt beendet. Die Ursachen liegen tiefer: gesellschaftliche Spannungen, Alkohol, politische Radikalisierung, Respektverlust.

Aber gerade weil diese Ursachen sich nicht kurzfristig beheben lassen, braucht es Schutz im Alltag. Baden-Württemberg koppelt deshalb Ausrüstung mit Fortbildung, Alarmtechnik und organisatorischen Verbesserungen – ein ganzes Paket statt einer einzelnen Maßnahme. In Berlin ist diese Debatte bislang kaum sichtbar.

Aber hinter den Zahlen stehen Menschen: Polizisten, die in Konflikte gehen müssen, aus denen andere herausgehen. Rettungskräfte, die helfen, wenn andere weglaufen. Feuerwehrleute, die eingreifen, wenn Situationen eskalieren.

Stuttgart hat darauf eine Antwort gefunden. Berlin muss sie noch geben.


© Berliner Zeitung