Nach Waffenruhe im Iran: Werden Benzin, Diesel und Gas jetzt wieder billiger?
Der ADAC hofft nach der angekündigten Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran auf sinkende Spritpreise an deutschen Tankstellen. „Wir werden ganz genau beobachten, wie sich das auf die Kraftstoffpreise auswirkt, denn das Niveau ist derzeit zu hoch“, erklärt ein Sprecher des Automobil-Clubs auf Anfrage der Berliner Zeitung. „Insbesondere wenn sich das deutlich niedrigere Ölpreisniveau hält, muss sich dies auch rasch an den Zapfsäulen bemerkbar machen.“Die USA und der Iran hatten in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch eine zweiwöchige Waffenruhe verkündet. Auch die blockierte Straße von Hormus soll für den Schiffsverkehr wieder geöffnet werden, erklärte Irans Außenminister Abbas Araghtschi. Nach der Bekanntgabe gingen die zuletzt stark gestiegenen Ölpreise deutlich nach unten. Der Preis für ein Barrel Öl der Nordseesorte Brent mit Lieferung im Juni sackte rasant um rund 16 Prozent auf rund 92 US-Dollar (umgerechnet etwa 79 Euro) – der niedrigste Wert seit Mitte März.
Doch können deutsche Autofahrer und Verbraucher jetzt wirklich auf sinkende Sprit- und Gaspreise hoffen? Die Berliner Zeitung hat bei führenden Ökonomen nachgefragt. Ihre Reaktionen fallen gemischt aus.
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Spritpreise: Experte erwartet keine schnelle Entspannung
Der Wirtschaftswissenschaftler Oliver Holtemöller glaubt nicht an eine schnelle Entlastung an deutschen Zapfsäulen. „Eine schnelle komplette Entspannung ist vorerst nicht zu erwarten“, sagt der Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) auf Anfrage. „Der Ölpreis war in den vergangenen Wochen sehr volatil, es hat immer wieder Anstiege und Rückgänge gegeben.“ Zudem sei der Preis noch immer deutlich höher als vor Beginn des Iran-Kriegs. Dennoch sei die Lage durch die angekündigte Öffnung der Straße von Hormus nun wieder „etwas besser“, so der Ökonom.
Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) betont, dass eine Entspannung am Ölmarkt grundsätzlich preisdämpfend wirke und sinkende Ölpreise auch die Spritpreise senken könnten. Allerdings geschehe dies „zeitverzögert und meist nur teilweise“, sagt die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am DIW. Verbraucher würden eine Dämpfung der Spritpreise daher „wenn überhaupt nur verzögert und abgeschwächt spüren“.
Ökonom warnt Merz-Regierung vor „populistischen“ Gegenmaßnahmen
Auch aus Sicht von Joachim Ragnitz ist es noch zu früh für Entwarnung. „Niemand kann sagen, ob die Waffenstillstandsvereinbarung hält, wie hoch die Schäden an den Ölförderanlagen im Nahen Osten sind und ob die Straße von Hormus auch längerfristig passierbar bleibt“, erklärt der stellvertretende Leiter der Niederlassung des Ifo-Instituts in Dresden. Zudem sei „nicht sicher“, dass die Ölpreise wieder auf das Niveau vor Beginn des Iran-Kriegs zurückkehren.
Dennoch gebe es keinen Grund für hektische Gegenmaßnahmen in Deutschland, betont Ragnitz. „Die gesamtwirtschaftlichen Kosten hoher Ölpreise werden dadurch nicht vermieden, sondern nur anders verteilt.“ Hohe Öl- und Kraftstoffpreise seien zwar ärgerlich. „In erster Linie sind sie aber ein Preissignal, das tatsächliche oder erwartete Knappheiten anzeige und auf diese Weise zu sparsamem Verbrauch anregt.“ Entlastungsmaßnahmen würden dies konterkarieren.
„Anstatt über unmittelbare Entlastungsmaßnahmen für Verbraucher zu diskutieren, sollte die Politik die Atempause jetzt dafür nutzen, das Preisgebaren von Mineralölkonzernen kartellrechtlich zu überprüfen“, fordert Ragnitz. Schließlich sei es auffällig, dass sich Kraftstoffpreise und Rohölpreise deutlich voneinander entkoppelt hätten. „Alle anderen Sofortmaßnahmen wären Populismus“, warnt der Ökonom in Richtung der Bundesregierung.
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Experte warnt vor weiterem Anstieg der Gaspreise
Auch bei den Gaspreisen glauben die Wirtschaftsexperten nicht an eine baldige Besserung. Zwar würden die Weltmarktpreise für Gas ebenfalls sensibel auf neue Nachrichten aus der Golfregion reagieren, sagt Oliver Holtemöller. „Allerdings kommen diese Preisschwankungen bei den Endverbrauchern in Deutschland erst mit großer Verzögerung an.“ Viele Gaskunden hätten länger laufende Verträge, so der IWH-Vizepräsident. „Und da die Preise immer noch höher sind als vor dem Krieg, wird es nach und nach zu Preiserhöhungen bei den Gasanbietern kommen.“
Auch Claudia Kemfert sieht nur einen begrenzten Effekt, da Gaspreise weniger direkt an den Ölpreis gekoppelt seien. „Die Entspannung stabilisiert die Märkte etwas, löst aber nicht die strukturellen Probleme der Energieversorgung“, betont sie. Die Iran-Krise zeige erneut die „fossile Energiekrise“, in der geopolitische Konflikte unmittelbar auf Preise durchschlagen, so Kemfert weiter. Wirklich stabile und bezahlbare Energiepreise gebe es nur mit weniger fossiler Abhängigkeit.Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns gern! briefe@berliner-zeitung.de
