Die Schlacht um globale Hegemonie hat begonnen: Ist das Ende der Stellvertreterkriege gekommen?

Bereits der russische Überfall auf die Ukraine markierte für Europa eine Zäsur in der Verteidigungspolitik. Der massive Angriff der amerikanischen Luftwaffe auf den Iran läutet nun das Ende der bloßen Stellvertreterkriege ein. Präsident Donald Trump zeigt der Welt, vor allem jedoch dem Rivalen China, die technologischen und militärischen Möglichkeiten seines Landes. Wer Amerikas geballte militärische Macht zu spüren bekommt, dem bleiben nur noch wenige Handlungsoptionen.

Vom Iran bis in die Ukraine: Vorderbühne, Hinterbühne

Kein Krieg ohne wirtschaftliche Interessen. Das Engagement der amerikanischen Streitkräfte im Krieg gegen die iranischen Mullahs ist auf den ersten Blick eine Militäraktion zur Ausschaltung eines langjährigen Kontrahenten. Seit Jahrzehnten hetzen die iranischen Machthaber gegen den „Satan“ Amerika. Die Rhetorik der Mullahs ist paranoid, bellizistisch und exterminatorisch. Teheran hat es nie bei Worten allein belassen.

Die Terrorbrigaden der Hamas und der Hisbollah, die jemenitischen Huthi-Rebellen sowie schiitische Milizen im Irak und in Syrien wurden und werden von den Revolutionären Garden des Iran nicht nur finanziert, sondern auch personell, logistisch und materiell unterstützt. Der pathologische Hass der iranischen Führung gegen Israel ist zudem einer der Hauptgründe für die fehlende Stabilität in der gesamten Region. Wer einem anderen Staat permanent mit der Auslöschung droht, kann nur ein notorischer und unbelehrbarer Aggressor sein.

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Vordergründig sind die koordinierten amerikanisch-israelischen Luftschläge gegen den Iran eine Aktion der Befreiung und des Selbstschutzes. Die brutale und menschenverachtende Gewaltherrschaft der Mullahs verliert rapide an Zukunftsfähigkeit, nachdem sie ihre Legitimität durch den Terror gegen die eigene Bevölkerung längst eingebüßt hat.

Allerdings haben die Vereinigten Staaten noch nie einen Krieg aus bloß humanitären Gründen geführt. Der Iran ist für die Vereinigten Staaten von großer wirtschaftlicher und überragender geostrategischer Bedeutung. Die enormen Öl- und Gasvorkommen des Landes werden momentan vor allem nach China geliefert. Der physische Zugriff auf die natürlichen Ressourcen des Iran würde den USA einen starken Hebel gegenüber dem rohstoffhungrigen Rivalen China in die Hand geben. Nachdem schon das ölreiche Venezuela aus der chinesischen Einflusssphäre gewaltsam herausgebrochen wurde, droht nun mit dem Iran ein weiterer Rohstofflieferant Chinas dauerhaft auszufallen.

Sollten die Vereinigten Staaten einen echten Regimewechsel im Iran erreichen, dürften sie sich die strategisch wichtigste Trophäe kaum entgehen lassen: die militärische Kontrolle über die Straße von Hormus. Entlang dieser neuralgischen Meeresenge verlaufen sämtliche Schiffsrouten der arabischen Halbinsel. Vor allem für die internationalen Tankerflotten ist sie unabdingbar. Wer die Straße von Hormus kontrolliert, beherrscht die Ölzufuhr der Welt. Fast ein Fünftel des globalen Ölbedarfs verläuft über die Meeresenge, ein Großteil der Ladungen geht Richtung China – wohin sonst.

Im Falle eines militärischen Erfolgs verhilft die Intervention im Iran den Vereinigten Staaten zu einem bemerkenswerten Zuwachs an wirtschaftlichen und strategischen Optionen. Der direkte Zugriff auf wertvolle Öl- und Gasressourcen ist wirtschaftlich von hoher Attraktivität. Vor allem jedoch würde ein neues iranisches Regime die Machtposition Amerikas in der gesamten Region enorm aufwerten. Die amerikanische Einflusssphäre in Eurasien wäre noch größer als zu Zeiten des Kalten Krieges. Diese Entwicklung ist sicherlich nicht im Interesse von Russland und China, die bekanntlich beide freundschaftliche Beziehungen zum Iran pflegen.

Apropos Russland. In einer Welt im Umbruch sind jederzeit neue Allianzen möglich. Russlands Rolle als verlässlicher Rohstoffexporteur wird unter den neuen Vorzeichen wichtiger. Gelingt es Russland, höhere Preise gegenüber seinen Handelspartnern durchzusetzen? Ist China zu Konzessionen gegenüber Russland bereit, wenn andere, dringend benötigte Rohstoffquellen zu versiegen drohen?

In einer ergebnisoffenen Konstellation im Mittleren Osten – je nach geografischer Verortung auch präziser „Westasien“ genannt – fallen Russland überraschend völlig neue Handlungsoptionen zu. Die russische Allianz mit China kann sich schicksalhaft verstärken und die klassische Konfliktlinie zwischen Ost und West weiter vertiefen. In diesem Fall ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Armeen der feindlichen Welthemisphären direkt begegnen, sei es im Südchinesischen Meer oder irgendwo auf der eurasischen Landplatte. Für Proxy-Kriege à la Ukraine gehen allmählich die willigen Akteure aus.

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Doch auch eine Wiederannäherung Russlands an Washington ist keineswegs ausgeschlossen. Die denkbare politische Zurückhaltung Russlands gegenüber China wäre allerdings mit einem hohen Preis verbunden, den wiederum die Ukraine in Form von Gebietsabtretungen zu bezahlen hätte. Ein Rapprochement zwischen Russland und den Vereinigten Staaten würde das ohnehin bereits gestörte geopolitische Gleichgewicht noch stärker zugunsten Amerikas verändern und ist in diesem Sinne eine nur einseitig attraktive Option. Russland jedoch könnte daraus den maximalen politischen Gewinn ziehen – territoriale Zugeständnisse der Ukraine und eine Wiederöffnung der europäischen und amerikanischen Märkte. China wäre in diesem Szenario vollkommen desavouiert. Aus amerikanischer Perspektive ist ja genau dies das erstrebenswerte Ziel.

Europa spielt keine Rolle

Natürlich sind dies alles bloß Planspiele. Weder die geopolitischen Kommentatoren noch die strategischen Akteure sind – zum Glück! – im Besitz einer Kristallkugel. Ohnehin gehört es zum neuen internationalen Politikstil einer regellosen Welt, Entscheidungen intuitiv und ungeachtet ihrer Konsequenzen zu treffen. Letztere kann sowieso niemand realistisch einschätzen.

Doch wie immer die politische Realität im Mittleren Osten ausgestaltet sein wird, eines ist schon heute sicher: Die Europäer werden dabei keine oder bestenfalls eine subalterne Rolle spielen. Im Welttheater braucht man schließlich auch Zuschauer – als Claqueure, Buhrufer und wortreiche Interpreten. Die Welt agiert, Europa palavert. Es fällt als Europäer schwer, sich an diese unwürdige Rolle zu gewöhnen. Sie entspricht allerdings dem gegenwärtigen europäischen Format in Politik, Wirtschaft und Kultur.


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