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Wer folgt auf Jenny Erpenbeck? Zwei Berliner Kandidaten für den Booker-Preis

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Seit 2016 wird der Booker-Preis, die renommierteste Auszeichnung für englischsprachige Literatur, als International Booker Prize auch für Übersetzungen vergeben. Die Freude und Aufregung, als Jenny Erpenbeck und ihr Übersetzer Michael Hofmann 2024 für „Kairos“ geehrt wurden, war groß.

Ein paar Mal bereits gab es Nominierungen hiesiger Autoren. Clemens Meyer stand zweimal auf der Longlist, auf die stets aus sechs Titeln bestehende Shortlist wurden 2019 Marion Poschmanns „Kieferninseln“ gewählt und 2020 Daniel Kehlmanns „Tyll“. Kehlmann darf sich nun erneut Hoffnungen auf die Auszeichnung machen. Die von Ross Benjamin erstellte englische Fassung von „Lichtspiel“ („The Director“) hat es in die Sechser-Runde geschafft.

Und noch eine weitere deutsche Autorin steht in der Riege der Shortlist-Kandidaten: Shida Bazyar. Sie lebt, wie Kehlmann, seit vielen Jahren in Berlin. Ihr Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“, bei Kiepenheuer & Witsch bereits 2016 erschienen, ins Englische übersetzt von Ruth Martin, hat dieselben Chancen. Das ist für die deutsche Literatur ein hoffnungsfrohes Zeichen, denn der englischsprachige Literaturmarkt ist um ein Vielfaches größer als der deutsche, weil einfach viel mehr Menschen auf Englisch lesen. Der mit 50.000 Pfund (57.600 Euro) dotierte Preis, aufgeteilt zwischen Autor und Übersetzer, wird im November vergeben. Allein die Shortlist-Nominierung bringt 5000 Pfund – und viel Öffentlichkeit.

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Die Organisatoren des Preises, der im Wesentlichen von der wohltätigen Stiftung Crankstar finanziert wird, haben ihre Werbung für die ausgewählten Bücher in diesem Jahr unter das Motto „Fiction beyond borders“ gestellt, also „Literatur jenseits von Grenzen“. Für die beiden aus dem Deutschen übersetzten Romane passt das sehr gut.

Was Shida Bazyar und Daniel Kehlmann vereint

Shida Bazyar erzählt in „Nachts ist es leise in Teheran“ über vier Jahrzehnte die Geschichte einer Familie zwischen Deutschland und dem Iran. Es geht um den Kampf für demokratische Rechte, die Flucht vor den Mullahs und das Echo der Aktionen im Iran auf die Menschen im Ausland. Die Autorin wurde 1988 als Tochter von Exil-Iranern in einer Kleinstadt in Rheinland-Pfalz geboren, ihr Debütroman erhielt den Uwe-Johnson-Förderpreis. Und ihr zweiter Roman, „Drei Kameradinnen“, stand 2021 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

In „Lichtspiel“, 2023 im Original erschienen, erzählt Daniel Kehlmann vom österreichischen Filmregisseur Georg Wilhelm Pabst (1865–1967), der vor den Nazis in die USA floh, aber nach Deutschland zurückkehrte, weil er in Hollywood nicht arbeiten konnte. Er diente sich den Nazis an und wollte es selbst nicht wahrhaben. Das Verhältnis zur Macht stellt auch heute wieder Künstler vor Entscheidungen.


© Berliner Zeitung