Thomas Hettche erkundet in „Liebe“ das Geheimnis der Lebendigen |
Wer als Ocularist arbeiten will, muss eine Ausbildung von mindestens fünf Jahren durchlaufen, um all die nötigen Kenntnisse in Biologie, Chemie, Anatomie und Pathologie zu erwerben. Auch mit Glasrohlingen und Bunsenbrenner muss man umgehen können. Max beherrscht das alles. Er ist die Hauptfigur im neuesten Roman von Thomas Hettche. Max ist es gewohnt, anderen genau in die Augen zu sehen, die Farbe zu erfassen, die Tiefe des Blicks. „Kein Auge ist wie das andere“, heißt es auf der Homepage der Deutschen Ocularistischen Gesellschaft. „Und er sah, dass ihre Augen von einem so hellen Blau waren, wie er es nur aus den Lehrbüchern kannte“, heißt es bei Thomas Hettche.
Nähe der Augen, Weite des Meers
Max arbeitet in seiner eigenen Praxis in Berlin, lebt allein, aus zwei Beziehungen hat er eine Tochter und einen Sohn. Der Kontakt zu den Kindern wie den Müttern ist gut. Die Frau, die Max zu Anfang des Buches kennenlernt, ist ihm zunächst nur über die Stimme gewärtig. Wie er selbst war sie bei einem Fest in Ostseenähe vor der Menge geflohen, hatte unterm Nachthimmel im Liegestuhl versunken ein Gespräch mit ihm begonnen. Als sie sich bei der Verabschiedung kurz sehen, ist es, als würden sie sich schon lange kennen. Sie sagt noch ihren Namen: Anna. So beginnt es mit der „Liebe“ bei ihnen. Das Wort steht hier nur in Anführungszeichen, weil das Buch so heißt.
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Anna ist verheiratet, kinderlos, lebt in Stralsund und pendelt zu ihrer Arbeit beim Wattenmeersekretariat in Wilhelmshaven. Ihr Wissen um das Meer und seine Bewohner, vom Nesseltier bis zum Seehund, macht sie mit aus, so wie für ihn Augen wichtig sind. Als sie sich das erste Mal wiedertreffen, gemeinsam eine Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin besuchen, schreibt Hettche: „Er ging mit ihr ins Museum, als probierte er etwas an.“ Vom ersten Abend war ein Gefühl geblieben, nun deutet sich eine Möglichkeit an. Max überlegt, wie sie auf andere wirken: „Ob man sie für ein Paar halten konnte, für ein lange verheiratetes Paar um die sechzig, das sich eine Ausstellung ansah?“
Dieses Anprobieren ist eines der strukturierenden Elemente des Buches. Max probiert seinen Kunden Prothesen an, für die durch Unfälle oder Tumore verlorenen Augen. Er probiert, ob er das Verhältnis einer verheirateten Frau sein will. Er versucht, ohne sie auszukommen. Wer ihn gut kennt, sieht ihm an, dass er sich verändert hat.
Chatverläufe statt Liebesbriefe
Seinen besten Freund aus Studientagen fragt er nach der Liebe. Der drückt ihm beim Treffen ein Reclamheft von Hegel in die Hand. „Eigentliche Liebe, las er da, und Christoph hatte an den Seitenrand noch ein Ausrufezeichen gesetzt, findet nur unter Lebendigen statt, die an Macht sich gleich und also durchaus füreinander Lebendige, von keiner Seite gegeneinander Tote sind.“
Thomas Hettche, der in mehreren Romanen schon die engsten und schmerzlichsten Verbindungen zwischen Menschen in Nebensträngen der Handlungen gestaltete, setzt hier die Liebe in den Mittelpunkt, unter einer besonderen Voraussetzung: „Nie ist man unbedingter in der Liebe als im Alter.“
Die erzählte Handlung wird immer wieder unterbrochen durch Chatverläufe von Max und Anna. Die Nachrichten sind alle datiert, startend im August 2013. Es gibt eine Lücke, dann erneuert sich mit solch einem Chat im Dezember ihr Kontakt wieder, nachdem sie eigentlich beschlossen hatten, dass es keinen Zweck hat. Sie leben in unterschiedlichen Städten, sie ist verheiratet. Was soll das für eine Liebe sein? Als Zeichen, dass sie an ihn denkt, sendet sie ihm nur einen Punkt. Früher, als die Helden des Buches jung waren, wäre das ein ganzer Brief gewesen. Hettche schreibt die Nachrichten anders als einen Dialog, einige Äußerungen sind nur wie angerissen, es gibt auch Dopplungen, Unterbrechungen, man merkt ihnen das Flüchtige der Smartphonekommunikation an.
Wir Leser wissen, dass Max und Anna ein Paar geworden sind. Darauf deutet bereits eine kurze Passage am Ende des ersten Kapitels hin, angesiedelt ungefähr in unserer Gegenwart. Zeit und Ort werden kenntlich durch einen Satz, der den Lärm von Tornados am Himmel erklärt: „Seit Krieg ist in der Ukraine, kommen sie öfter vom Fliegerhorst Schleswig herüber.“
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Wie ist es also mit der Liebe, wenn es nicht die erste ist, auch nicht die zweite oder dritte vielleicht, womöglich aber die eine, die alles Bisherige in den Schatten stellt? Hettche schreibt für Max: „Die Liebe ist schmerzhaft, wenn man nicht mehr jung ist. Doch es gibt keine Alternative zu ihr. Sie ist das Wunder.“ Die beiden Romanhelden sind in einem Alter, da sie dem Ende ihres Berufslebens schon entgegensehen. Es ist die letzte – wie auch immer lange – Phase des Lebens. Thomas Hettche erzählt das zart, zugleich sehr sicher. Er ist überhaupt ein stilistisch sehr genau arbeitender Autor. Man denke an den Roman zuvor, „Sinkende Sterne“, oder an „Pfaueninsel“ von 2014, man denke auch an seine Essaybände „Totenberg“ und „Unsere leeren Herzen“.
Dieses Essayistische ist auch hier eingewoben, nicht nur mit den Hegel-Zitaten. In der Komischen Oper Berlin denkt Max an E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“, der Kindern die Augen stiehlt. Seine Patientin und einstige Partnerin zitiert das Märchen von „Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein“, in dem die gedemütigte Schwester sich ihr Glück erkämpft.
Der berühmte Drei-Wort-Satz
Dieses Buch über die Liebe ist eines zum Langsamlesen und Behalten, einem Geheimnis auf der Spur. „Ich liebe dich“, der Drei-Wort-Satz aus allen Liebesromanen und -filmen, fällt hier auch, doch was die Liebe ist, lässt sich so schwer fassen. Zu Anfang des Romans will Max mit der Frage ein Gespräch unter Fremden in Gang bringen. Zum Ende hat er für sich und Anna eine Antwort gefunden.
Hass teilt, Liebe verbindet. In unserer Gegenwart der Krisen und Konfrontationen, deren Brisanz er nur ganz kurz in den Roman hineinholt, macht Thomas Hettche einen Vorschlag: „Und er begriff, was Anna schon wusste, die Liebe ist keine Privatsache, sondern die Weise, wie wir wurzeln in der Welt. Ein Liebender bringt Sinn hervor, immer, überall, aus Nichts, und der Sinn ist es, der ihn erschaudern lässt. Liebe ist Sinnglück. Der Tod die Sinnlosigkeit.“
Thomas Hettche: Liebe. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 176 Seiten, 22 Euro