Leipzig: Wolfram Weimer sagte die Preisverleihung ab, die Buchhandlungen feiern trotzdem

Gefeiert wird trotzdem. Am Messedonnerstag sollte unmittelbar nach der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse der Deutsche Buchhandelspreis an 118, dann nur noch 115 ausgewählte Buchhandlungen überreicht werden. Nach der Kritik an seinem Vorgehen – der Überprüfung aller von einer unabhängigen Jury ausgewählten Kandidaten durch den Verfassungsschutz – sagte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer die Veranstaltung ab. Doch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels lud dennoch zum Empfang.

Auf die Frage, von welchen ausgezeichneten Buchhandlungen jemand anwesend sei, recken sich Dutzende Arme in die Höhe, schwer zählbar. Auch vier Jurymitglieder sind gekommen und werden beklatscht. Es gibt Sekt und Gebäck. Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, zeigt sich in einer sehr kurzen Rede dankbar, vor allem für die Solidarität in der Branche. Der Versuch zu spalten sei missglückt.

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Ein Zeichen dafür ist die Crowdfunding-Aktion, ins Leben gerufen von der Buchhandlung Heiter bis wolkig aus Halle: Jede der 115 ausgewählten Buchhandlungen wird gebeten, 210 Euro zu spenden, um den drei vom Preis ausgeschlossenen doch noch zu ihrem Preisgeld zu verhelfen. Einige Verlage, zum Beispiel Penguin, unterstützen die Aktion inzwischen, auch Leserinnen und Leser können spenden. Verwaltet wird die Aktion vom Sozialwerk des Börsenvereins.

Bei dem kleinen, fröhlichen, kämpferischen Fest in Halle 5 werden zwei Videobotschaften eingespielt. Das Team der Roten Straße aus Göttingen ernennt darin Wolfram Weimer zum Mitarbeiter des Monats. „Wir bedanken uns für diese kostenlose Werbekampagne, die uns bekannt gemacht und so viele Kundinnen und Kunden in unsere Buchhandlung geführt hat. Aber natürlich hätten wir lieber den Preis bekommen.“ Von all dem Trubel seien sie mittlerweile erschöpft.

Die Situation in der Buchbranche ist angespannt

Und aus der Berliner Schwankenden Weltkugel verlautet: „Wir freuen uns sehr über die Spendenaktion, aber wir hoffen, dass dieses Geld beim Sozialwerk des Börsenvereins bleiben kann. Denn wir streiten für unser Recht.“ Die drei von Wolfram Weimer aussortierten Buchhandlungen klagen ja gegen das Verfahren. Der Börsenverein beteiligt sich finanziell und beratend an diesem gerichtlichen Vorgehen. Im Falle des Erfolgs könnten mit dem Geld Not leidende Buchhändler unterstützt werden.

Die Situation in der Wirtschaft ist angespannt, die Konsumfreude der Bevölkerung gering. Dass der Buchhandel 2024 im Vergleich zum Vorjahr minimal seinen Umsatz steigern konnte, lag vor allem an gestiegenen Preisen. Allem Internetgeschrei zum Trotz ist in Deutschland der stationäre Buchhandel nach wie vor der größte Vertriebsweg für Bücher; das Geschäft vor Ort wuchs im Jahresvergleich um 0,6 Prozent. Stationär gibt es Thalia und Hugendubel als größte Ketten, die ihren Einkauf in der Regel zentral erledigen. Das Herz der Branche bilden die inhabergeführten unabhängigen Buchhandlungen.

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Solche werden seit 2015 mit dem Deutschen Buchhandlungspreis geehrt. Gerade die kleinen, die vielleicht zwei bis fünf Angestellte haben, die oft sogar allein oder nur mit Minijobbern und mit Familienunterstützung arbeiten, sind jene, die einen engen Draht spannen zwischen Lesern und Verlagen.

In Berlin sind das die für den Preis ausgewählten: autorenbuchhandlung, Anakoluth, InterKontinental, Knesebeck Elf, Hammett, Leporello in Rudow, Prinz Eisenherz sowie Uslar & Rai. Aussortiert wurde durch den Kulturstaatsminister Zur schwankenden Weltkugel. Das Engagement vor Ort im Kiez mit Leseklubs und Autorentreffen soll geehrt werden. Durch den Skandal fühlen sich jetzt alle in Mitleidenschaft gezogen.

Buchhändlerin: „Wir sind alle beschädigt“

Kathrin Matern, die in Neustrelitz den Frau Rilke Buchladen führt, sagte vor der improvisierten Feier: „Nicht nur der Deutsche Buchhandlungspreis ist beschädigt worden. Wir alle, die wir von der Jury ausgewählt wurden, sind ein bisschen beschädigt.“ Wie sie das meint? „Zu wissen, dass man vom Verfassungsschutz überprüft wurde, ist ja nicht gerade ein beruhigendes Gefühl. Es ist keinesfalls so, dass wir alle, die nicht aussortiert wurden, stolz darauf sind, eine weiße Weste zu haben.“

Matern, gelernte Journalistin, Filmemacherin und Moderatorin, hat sich mit ihrer Buchhandlung einen Traum erfüllt. Und sie sagt, sich natürlich zuerst gefreut zu haben, dass diese Arbeit, die sie für die Wahrnehmung von Büchern, für das Lesen und auch für die Stadtgesellschaft macht, gesehen wird. Am späten Donnerstagnachmittag sieht man sie im Gewimmel zwischen anderen.


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