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Bella Ramsey und Sabine Thalau sind die Stars dieser Berlinale

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16.02.2026

Was ist schlimmer? Von ganz oben tief zu fallen oder beständig am Rande der Kündigung zu arbeiten? Wiegt der Reichtum, den man rechtzeitig angesammelt hat, die Schmach auf, wegen Betrugs angeklagt zu werden? Oder sind die falschen Versprechen mit luftigen Firmen, die Hunderttausende Kleinanleger schädigen, am Ende genauso mies wie der inszenierte Diebstahl einer Flasche Sanitärreiniger, der einen Mann um seinen Job bringt?

Einblicke in ganz unterschiedliche Arbeitswelten bringt die diesjährige Berlinale. Im Wettbewerb erzählt die belgische Regisseurin Anke Blondé mit „Dust“ die letzten 48 Stunden der Tech-Unternehmer Luc und Geert, bevor sie wegen ihres Netzwerks aus Briefkastenfirmen verhaftet werden. Es ist das Jahr 1999, die beiden Männer haben die halbe Welt begeistert mit ihren elektronischen Spracherkennungssystemen. Ähnlich wie wenige Jahre zuvor Manfred Krug in Deutschland für die Telekom-Aktie in Werbeclips auftrat, sieht man Luc und Geert von Großplakaten vertrauenswürdig herunterlächeln.

Ein Höhepunkt bei Panorama

Die Not der beiden relativiert sich, wenn man sieht, unter welchem Druck Heike als Objektleiterin einer Reinigungsfirma steht. „Ich verstehe Ihren Unmut“ ist nach seinem Debüt mit der Doku „Atomnomaden“ 2023 auf der Berlinale der erste Spielfilm von Kilian Armando Friedrich, ein erster Höhepunkt in der Sektion Panorama. Irgendwo in Deutschland folgt man an mehreren Arbeitstagen ganz eng den Wegen von Heike.

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Sie erscheint erst als schrecklicher Drachen, immerzu die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anblaffend: Hier sind noch Flusen unter den Abendkleidern in einem Bekleidungsgeschäft, dort werden die Büroschränke nicht ordentlich genug entstaubt, da hat einer wohl noch nicht begriffen, dass in kreisenden und nicht in streichenden Bewegungen zu wischen ist.

Sie selbst allerdings schont sich gar nicht, ist ständig im Dauerlauf unterwegs, stopft bergeweise Putzlappen in Waschmaschinen, schleppt mehrere volle Müllbeutel gleichzeitig treppauf, treppab, wuchtet Kanister voller Putzmittel auf Transportkarren, um sie im Auto zu den einzelnen Objekten zu bringen.

Ihre Pausen macht diese Frau von fast 60 Jahren unter der geöffneten Heckklappe des Transporters, mit Tee aus der Thermoskanne und einem Gebäckstück, zwischendurch ist noch Zeit für eine hastig angezündete Zigarette. Und wenn sie von Ort zu Ort fährt, um die Putzkräfte in Schule, Altersheim, Sportzentrum zu kontrollieren, nimmt sie Telefonate entgegen, kommt kaum zu Wort gegen all die aufgebrachten Klagen.

Der Filmtitel „Ich verstehe Ihren Unmut“ rührt von solch einem Gespräch her. Den Kunden gegenüber versucht sie, ruhig zu bleiben, auch gegenüber ihrem sanften Ex-Partner, mit dem sie noch zusammenwohnt, der nicht mehr arbeiten kann. Der Inhaber der Reinigungsfirma wiederum setzt Heike unter Druck. Deshalb kommt sie auf die Idee, den kleinen Diebstahl zu inszenieren, der einem bosnischen Kollegen den Job kostet.

Sie kommt von „Game of Thrones“

Der Film ist nicht nur nah an der Realität geschrieben, fast dokumentarisch, alle Rollen sind mit Laien besetzt. Kilian Armando Friedrich sagt beim Publikumsgespräch am Samstagabend im Cubix, dass er den Begriff Laien ablehne: „Vor einer Kamera kommt jeder ins Spielen.“ Die Darstellerin der Heike, Sabine Thalau, habe er in einem Internetforum kennengelernt, wo die Arbeitsbedingungen in der Reinigung diskutiert werden. Sie fiel ihm durch ihre klare Sicht und ihre guten Argumente auf. Das Publikum feiert sie wie einen Star.

Ein anderer junger Regisseur, der 25 Jahre alte Brite George Jaques, konnte gleich zwei serienerprobte Stars für seinen Film „Sunny Dancer“ verpflichten. Bella Ramsey, verehrt für ihre Figuren in „Game of Thrones“ und „The Last of Us“, spielt die Hauptrolle einer vom Krebs (erst einmal) genesenen 17-Jährigen. Neil Patrick Harris, vertraut aus allen neun Staffeln von „How I Met Your Mother“, gibt streng, peinlich erwachsen und dann auch dezent emotional den Leiter eines Camps, in dem Jugendliche mit Krebs unbeschwerte Ferien verbringen sollen.

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Für die drei Mädchen und drei Jungs im Zentrum des Films wird es der Sommer ihres Lebens. Hier sind sie keine Sonderlinge, nicht die Kinder, die man komisch anschaut, weil sie ja was Schlimmes haben, sie dürfen hier über Grenzen gehen, Freundschaften schließen, sich verlieben. Sie machen so viel Blödsinn! In ihrem Alter hält das Leben eigentlich noch alles bereit, reißt einem die Liebe das Herz auf, in ihrem Alter erscheinen auch noch so verständnisvolle Eltern manchmal wie Gefängniswärter.

Und George Jaques, der auch das Drehbuch schrieb, kann das mit seinem Film alles so gut zeigen, er hat einen hellen Blick für Kleinigkeiten, einen brillanten Witz, der blitzartig ins Schwarze kippen kann. Die Musik von Este Haim (ja, von den tollen Haim-Schwestern) unterstützt die Bilder aus dem kalten schottischen Sommer.

„Sunny Dancer“ ist das Lustigste und Traurigste, was diese Berlinale zu bieten hat. Der Zoo-Palast wurde am Samstagnachmittag von Tränen nass und vom Lachen ins Wanken gebracht. Der Film aus der Sektion Generation 14plus ist für alle gedacht, die jung sind oder sich daran erinnern, wie sich Jugend anfühlt, für alle, die Kinder begleiten, ob als Eltern oder Lehrer. Und er kommt glücklicherweise im Sommer regulär ins Kino.

Ein britischer Schauspieler, der als Ron Weasley in „Harry Potter“ schon mit zwölf Jahren zum Weltstar wurde, hat nun, mit 37, die undankbare Rolle des Ehemanns in einem Horrorfilm über eine junge Familie: Rupert Grint. Rücksichtsvoll und positiv will er als Partner und Vater sein, will manches, was ihn wundert, als finnische Eigenheit seiner Frau verstehen.

„Nightborn“ der finnischen Regisseurin Hanna Bergholm paraphrasiert eine postpartale Depression in einer blutplatschenden Filmerzählung mit aggressivem Wald. Um der Effekte willen wird die Frau gierig auf Fleisch, obwohl sie ihre Schlüsselbegegnung nicht mit einem Wolf, sondern mit einem Baum hatte. In anderen Jahren hätte man solch einen Film ins Forum gepackt; er läuft hier aber im Wettbewerb.

Erste Bären-Anwärter waren immerhin schon zu sehen. Der Silberbär für die herausragende künstlerische Leistung weist mit seinen Tatzen schon jetzt in Richtung der Kamerafrau Judith Kaufmann. Sie hat in İlker Çataks aufregendem, in seiner politischen Aussage für viele Länder geltendem Wettbewerbsbeitrag „Gelbe Briefe“ so verschmitzt Hamburg als Istanbul und Berlin als Ankara gedreht, dass es eine Freude ist. Und sie lässt auch Theater im Film – es gibt mehrere Probenszenen auf verschiedenen Bühnen – überzeugend aussehen, was nur selten gelingt.

Und der Bär für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle zwinkert heftig in Richtung der palästinensischen Schauspielerin Hiam Abbass. In der französisch-tunesischen Produktion „À voix basse“ („In a Whisper“) gibt sie mal robust, mal ganz leise die Mutter einer jungen Frau, die in Paris in einer lesbischen Beziehung lebt. Diese Frau steht als Ärztin vielen althergebrachten Regeln in ihrer Heimat Tunesien nicht unkritisch gegenüber. Aber dass die eigene Tochter aus dem Rahmen fällt, verstört sie. Hiam Abbass spielt ihre Entwicklung mehr mit Schweigen als mit Worten, mehr mit den Augen als dem Mund.


© Berliner Zeitung