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„Sanditz“ von Lukas Rietzschel: Diese Familie steht für viele

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24.03.2026

Zuschreibungen kann man nutzen. Als Maria merkt, dass sie unter ihren Mitstudenten in Kassel als „die aus dem Osten“ gilt, nimmt sie sich das Etikett erst recht. Sie behauptet, Mandy zu heißen und imitiert ein Sächsisch, so breit wie Jesuslatschen. Wieder zu Hause in Sanditz, einem von Lukas Rietzschel für den Roman dieses Namens erfundenen Ort, spielt sie manchmal noch die Ausgewanderte. Zum Beispiel vor den „Heimis“, die im Westen ihr Geld verdienen und nur am Wochenende in der Kneipe von früher abhängen.

Der Ort liegt am östlichen Rand der Republik und klingt nicht zufällig nach Lausitz und Görlitz. Der Autor, selbst in der Region aufgewachsen, selbst zum Studium weg gewesen und wiedergekommen, kennt sich aus. Marias Familie hat noch in der DDR ihre ursprüngliche Heimat verloren. Ein Tagebau verdrängte ihr Dorf; sie wohnten fortan auf halbem Wege zwischen allem, ohne Bäcker, Schule, Friedhof, „vier flache Häuser an einer Straße, das war die Entschädigung“.

Nur Wölfe und AfD sind für die großen Medien interessant

Diese Familie steht im Zentrum des Romans, man lernt die Mitglieder anfangs wie in einem Reigen kennen. Rietzschel erzählt in kurzen Abschnitten jeweils aus der Perspektive einer Person, führt eine weitere zum Kapitelende ein und übernimmt deren Blick dann im nächsten. Maria und ihr Bruder gehören der jüngsten Generation an, nach ihnen kommt niemand mehr.

Sie arbeitet beim Lokalradio und schreibt Online-Meldungen über die Spendenaktion fürs Altenheim, den Ausflug des Jugendclubs zum Stausee oder das neue Lausitz-Monopoly. Als zu Anfang des Romans ein Denkmal gestürzt wird, erzielt Marias Text eine Menge Klicks. Sie ist schon vorauseilend resigniert, dass es keinen Zweck haben dürfte, diese Geschichte einem größeren Medium anzubieten. Nicht mal der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit, die doch immerhin ein Ost-Ressort hat. Der Chefredakteur klang beim letzten Versuch „beinahe traurig, als er mit seiner jugendlichen Stimme sagte: ,AfD oder Wölfe, alles andere wird schwierig.‘“ Da ist wieder so ein verfestigtes Bild.

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Apropos Medien: Zu Weihnachten schenkt Maria ihrem Bruder Tom, der bei der Polizei gekündigt hat und nur noch zu Hause hockt, ein Abo des Spiegel. Das empfindet er als Angriff: „Ist sie bescheuert? Soll er diesen Schmutz lesen?“

Corona und der Ukraine-Krieg

Auf zwei Zeitebenen spielt der Roman. Die eine vergeht langsam von den Adventstagen 2021 bis zum Frühsommer 2022. Äußerlich ist sie noch stark geprägt von der Corona-Pandemie. Gegensätzliche Positionen sind hier Figuren zugeordnet und werden an ihnen erzählt, nicht als Losungen postuliert. Während die einen sich Sorgen machen und möglichst keinen Kontakt mit Ungeimpften haben wollen, empfinden die anderen schon das Tragen einer Maske als Zumutung. Der nächste große Einschnitt kommt dann mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Tom sieht auf einmal seine Berufung darin, den Überfallenen zu helfen.

Die Frage, wie man sich im Kriegsfall zu verhalten habe, spielt auch auf der früheren Zeitebene eine Rolle. Hier ist es Dirk, der Onkel von Maria und Tom, dem der Dienst bei der NVA bevorsteht. Seine Mutter, auch sein evangelisch geprägtes Umfeld fürchten, dass er unter dem Drill zerbrechen könnte. In der Gemeinde wird geübt, wie man sich bei der Musterung verhält, um Bausoldat werden zu können.

In diesen Kapiteln, die zwischen die Gegenwartsabschnitte gesetzt sind, verlässt Rietzschel den langsamen Reigen und erzählt in größeren Sprüngen von 1978 bis zum Jahr 1998. Die Angabe der Jahreszahlen und Orte sind hilfreich. Der Autor bringt da sehr viel unter, was markant für die späten DDR-Jahre ist und die ersten nach dem Mauerfall. Neben dem argwöhnisch beobachteten Widerstand in kirchlichen Kreisen geht es hier vor allem um die wirtschaftliche Situation: Die aufgrund von Materialmangel schleppende Produktion, das Ende der örtlichen Betriebe im vereinigten Deutschland, die Ansprüche der neuen Chefs aus dem Westen und die Arbeitsmigration im Niedriglohnsektor aus dem Osten in den alten Bundesländern.

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Beeindruckend sind die Verweise innerhalb des Romans, wenn Episoden wie Echos funktionieren. So liest man früh im Buch von gelangweilten Kindern, die ihre Unterhaltung in Online-Spielen oder Gewalt finden, in einer bedrückenden Szene. Sie spielt sich vor der Tür von Roland, Marias (Zieh-)Vater ab. Später geht es um eine gruselige Gewalterfahrung Rolands in jüngeren Jahren. Auch die der Krabat-Sage zu Buch-Beginn entstiegenen Raben vergisst der Autor nicht. Außerdem weicht er Klischees aus. Die DDR-Kirchenleute sind nicht nur gut, nicht mal in der eigenen Familie. Marias Großvater genießt sein Privileg, in den Westen zu dürfen („ein orgelbauender Seefahrer“) solange still, bis ihm einer das Reiseglück vermiesen könnte.

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft

Es gibt wenige Passagen, die den Eindruck erwecken, dass Rietzschel seinem Personal nicht genügend zutraut, als Träger der Ereignisse ihrer Zeit zu agieren. So wirkt die Ankunft des syrischen Militärstudenten Marouan in Sanditz 1983 wie hineingequetscht, um noch den verlogenen Internationalismus und fremdenfeindliche Tendenzen in der DDR zu zeigen. Und die im Verhältnis zu anderen Episoden ungewöhnlich ausführlichen Schilderungen des Ukraine-Einsatzes gegen Ende des Romans bringen das Erzählgebäude in eine kleine Schieflage.

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Insgesamt ist „Sanditz“ ein Familienroman mit allem, was sich in der „Keimzelle der Gesellschaft“ (Friedrich Engels) ballen kann: Zusammenhalt und Konkurrenz, Anpassung und Widerstand, Aufstiegsträume und deren Scheitern. Verbunden mit der Entwicklung seiner Figuren, je nach Schwerpunkt in der Generation, überzeugt der Roman als großes Gesellschaftsbild.

Atmosphärisch genau, unterstützt von sprechenden Bildern, sind die Episoden gezeichnet, die zugleich individuell und typisch erscheinen. Einmal tritt ein oppositioneller Schriftsteller auf, der Stefan Heym sein könnte. Trotz des schnellen Wechsels der Kapitel kann man sich in die Handlung vertiefen. Rietzschel weiß, wie die Leute reden, sich kleiden, welche Dinge ihnen wichtig sind. Die Schreibpause, die er jetzt andeutete, sei ihm gegönnt. Hoffentlich hat er bald wieder Lust auf Neues.

Angemerkt sei nur noch, wie schade es ist, dass sogar sein Verlag die Ost-West-Zuschreibungen fortsetzt. Das Buch ist schön gestaltet mit einem Raben auf dem Cover und Handlungsskizzen auf dem Vorsatz. Auf die Rückseite allerdings ist ein Zitat aus der Wochenzeitung Zeit gedruckt: „Lukas Rietzschel gehört zu den wichtigsten jungen Schriftstellern des Ostens.“ Unsinn. Er ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren seiner Generation. „Sanditz“ zählt jetzt schon zu den Höhepunkten des Literaturjahrs 2026.

Lukas Rietzschel: Sanditz. Roman. Dtv, München 2026. 480 Seiten, 26 Euro.


© Berliner Zeitung