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Dietmar Bartsch: „Man wird mit den Taliban reden müssen“

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19.08.2021

Berlin - Dietmar Bartsch hat am Dienstag eine Stunde Zeit für das Interview. Danach hat er einen Termin mit der Kanzlerin. Sie informiert die Fraktionsvorsitzenden nun regelmäßig über die Vorgänge in Afghanistan. Der Berliner Zeitung verriet Bartsch, was das Land am Hindukusch mit dem Wahlkampf in Deutschland zu tun hat.

Herr Bartsch, hat die Bundesregierung in Afghanistan versagt?

Über das Agieren der Bundesregierung bin ich einigermaßen entsetzt. Die Beschäftigten in der Botschaft mussten sogar selbst tätig werden, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Mitarbeiter dort haben die Botschaft an den Flughafen verlegt, ohne dass im Auswärtigen Amt die Anweisung dazu gegeben wurde. Nur weil sie selbstständig zu den Amerikanern gegangen sind, sind sie überhaupt dort rausgekommen. Hier sage ich klar, Außenminister und Verteidigungsministerin haben versagt, sonst kann ein solches Desaster nicht entstehen.

Wie schätzen Sie die Lage im Land ein?

Ich glaube, die wirklich schlimmen Bilder aus Afghanistan sehen wir gar nicht. Wie ist die Lage in den Provinzen? Was ist denn mit den Frauen, die Mädchen unterrichtet haben? Man sieht selbst auf den Bildern aus Kabul kaum noch Frauen. Erst einmal muss alles getan werden, um die Leute, die wollen, dort rauszuholen – die Ortskräfte, auch Frauenrechtlerinnen oder Journalistinnen. Das ist die dringende Aufgabe der Bundesregierung und aller, die damit zu tun haben. Aber es geht auch darum, das Ergebnis der Politik der letzten Jahre zu bewerten.

Wie meinen Sie das?

Wir sehen ein dramatisches Scheitern der Interventionspolitik des Westens. Einer der Gründe für die Intervention vor 20 Jahren war – neben dem Kampf gegen den Terror –, dass die Taliban und ihr Steinzeit-Feudalismus abgeschafft werden sollten. Mädchen sollten zur Schule gehen, Brunnen gebaut werden können. Es sollte ein demokratischer Staat dort aufgebaut werden. Nichts davon ist eingetreten.

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Was muss nun geschehen?

Wir müssen einen Strich ziehen und diese Art der Politik dringend analysieren und Schlussfolgerungen ziehen. Ich möchte nicht, dass wir in wenigen Jahren in Mali ein ähnliches Desaster erleben. Wir brauchen einen anderen Zugang. Ich kenne niemanden, der eine allumfassende Lösung weiß. Aber ich glaube, es bedarf eines grundsätzlichen Umdenkens.

Wie soll das Ihrer Meinung nach aussehen?

Wir müssen über einige Grundfragen reden. Ich sage mal ein Beispiel. Was die Taliban an Waffen haben, ist keine Eigenproduktion. Die Bundesrepublik Deutschland ist einer der größten Waffenexporteure. Aber wo diese Waffen tatsächlich ankommen, weiß niemand genau. Wir müssen also über Interventionspolitik, über Waffenexporte, Handelsabkommen und über Perspektiven des Landes nachdenken. Eines ist doch klar: Solange Heranwachsende dort nur in den Koranschulen gebildet werden, wird dieses Land im tiefsten Feudalismus bleiben. Der Westen sollte endlich erkennen, dass wir unsere Werte der Demokratie nicht einfach exportieren können. Ich glaube, dass unser demokratisches System grundsätzlich das beste ist. Aber es gibt andere, die das anders sehen. Demokratie wächst nicht durch Intervention von außen. Das Frauenwahlrecht in Deutschland ist auch nicht so lange eingeführt.

Die Steinigung von Frauen gehört aber nicht zu unserer Geschichte.

Ein Glück. Aber unsere christliche Tradition hat auch viele humanitäre Tiefpunkte.

Ja, das ist aber wirklich schon eine Weile her.

Das stimmt. Ich habe deshalb auch von Steinzeit-Feudalismus gesprochen. Es gibt bei mir null Sympathien für die Taliban. Aber es funktioniert nicht, die westlichen Werte von außen, dazu militärisch, hereinzutragen. Es gab schon........

© Berliner Zeitung


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