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Als Angela Merkel weinte

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24.09.2021

Berlin - Am Sonntag ist Bundestagswahl, der Ausgang ist ungewiss. Eines ist sicher: Angela Merkel (CDU) tritt nicht mehr an. Am Donnerstag schon hat sie ihren angestammten Wahlkreis 15 im Norden Mecklenburg-Vorpommerns besucht und sich von den Menschen dort verabschiedet. Angela Merkel, 67, wird bald auch als Bundeskanzlerin abgelöst. Das Amt hat sie seit dem 22. November 2005 inne. Jetzt ist es Zeit, Abschied zu nehmen.

Meine englische Schwiegermutter fragt mich am Telefon: „You must be sad that Merkel is leaving.“ Du bist bestimmt traurig, dass Merkel geht. Es ist eigentlich keine Frage, sondern eine Aussage, eine Feststellung, ohne Raum für Zweifel. Die Engländer lieben Merkel oder „Morkel“, wie sie sagen. Mein Verhältnis ist komplizierter, erzähle ich meiner Schwiegermutter. Ich erzähle davon, wie ich Angela Merkel einmal getroffen habe, es muss 2003 oder 2004 gewesen sein.

Sie kam als Oppositionsführerin nach London, mit ihrem Vertrauten Friedbert Pflüger. Sie besuchte Downing Street, anschließend gab sie mit dem Premier Tony Blair eine Pressekonferenz. Sie, die CDU-Frau, und er, der Labour-Mann, verstanden sich gut. Damals, als Berichterstatterin der Berliner Zeitung, sah ich sie zum ersten Mal. Ich war überrascht, wie sympathisch sie mir war.

Nach ihrer AmtszeitHier will Merkel nach der Wahl wohnen

Ihr Gang, ihre kleinen Trippelschritte, ihr Gesicht, ihre Stimme, ihr glucksendes Lachen. Sie sprach in dem leichten Brandenburger Singsang, der mir sehr vertraut war. Es war der Dialekt der Menschen, mit denen ich aufgewachsen war, so redeten Eltern, Lehrer. Wenn man die deutschen Nachrichten hörte, klangen die Stimmen anders, männlich, westdeutsch. Ich erzähle meiner Schwiegermutter, wie elektrisiert ich damals von Merkels Auftritt war. Wie aufregend ich die Vorstellung fand, eine ostdeutsche Frau könnte Kanzlerin werden. Ich stellte mir vor, was für ein Zeichen das dafür wäre, wie sehr sich Deutschland seit 1990 verändert hat. Sie könnte mit ihrer eigenen Geschichte auf Brüche und Widersprüche des Einigungsprozesses hinweisen, dachte ich.

Viele Jahre später hat sich gezeigt, dass diese Ideen naiv waren. Merkel hat sich diesen Erwartungen entzogen, nicht nur diesen, auch anderen, den Erwartungen an sie als Ostdeutsche, als Frau, als Reformerin. In einem Essay wiesen zwei Kolleginnen der Zeit kürzlich darauf hin, dass Merkel auf die Eitelkeit, die es bedeuten kann, als Frau wahrgenommen zu werden, verzichtet hat. Es ging an der Stelle um den Blazer, den sie trägt wie einen Arztkittel, eine Uniform, an dem Blicke abprallen. Genauso weigerte sie sich, als Ostdeutsche wahrgenommen zu werden. Sie wollte neutral sein.

BundestagLetzte Rede im Parlament: Die Kanzlerin opfert sich ihrer Partei

Das Erstaunlichste an Merkel ist vielleicht ihre Anpassungsfähigkeit, ihr mikroskopisches Gespür für Stimmungen und die Fähigkeit, darauf einzugehen, Positionen der Mehrheit aufzugeben. Das ist, auf nicht so direkte Weise, schon wieder sehr ostdeutsch, dieses Chamäleonhafte.

Merkel war nicht immer politisch so ambitionslos. Als sie 2003 anfing als CDU-Vorsitzende, wollte sie dem Land ein neues, progressives Steuersystem und eine neue Krankenversicherung verpassen. Als sie merkte, dass die Deutschen lieber nicht von komplizierten Neuerungen gestört werden wollen, ließ sie die Pläne fallen. Alles, was nicht funktioniert, muss weg, das ist ihr Motto. Und zu viel Veränderung mögen die Deutschen nicht, so ihre Schlussfolgerung aus frühen Jahren. Ich weiß nicht, ob das stimmt, gerade die Corona-Zeit hat doch gezeigt, wie viel Veränderung das Land aushält.

Merkel hat immer nur auf Krisen reagiert und dadurch vieles versäumt, Klimaschutz, Digitalisierung, Kampf gegen wachsende Ungleichheit und Rechtsextremismus. Meine Schwiegermutter, lebenslange Tory-Wählerin, hört schweigend zu. Und sagt dann: „Wir sitzen hier mit Boris Johnson, dieser Mischung aus Hugh Grant, Donald Trump und Hitler. Ihr hattet Merkel.“ Vielleicht ist das alles, worauf es am Ende ankommt. Sabine Rennefanz

Diese Geschichte spielt weit vor der Zeit, in der Angela Merkel Kanzlerin war, im Jahr 1993. Merkel ist Ministerin für Frauen und Jugend – es ist ihr erstes Ministeramt. Selbstverständlich hat man der jungen Frau aus dem Osten nur ein unbedeutendes Ressort übertragen, aber immerhin ist sie schon mal in die Regierung aufgerückt. Von der Distanz und Unnahbarkeit, mit der sie sich heute vor allem im Kontakt mit Journalisten umgibt, ist sie noch weit entfernt.

Das zeigt sich bei dem Vorfall, der sich beim Redaktionsbesuch der Ministerin ereignet. Es ist nicht die Zeitung, in der Sie gerade diese Geschichte lesen. Im Konferenzraum sind etwa 20 Männer und Frauen versammelt. Letztere sind stark in der Minderheit.

Die Frauen- und Jugendministerin hat ein bisschen von ihrem Amt erzählt und steht nun für Fragen zur Verfügung. Einer der Chefs fragt nach Manfred Stolpe. Der allseits geachtete SPD-Politiker und Ministerpräsident von Brandenburg hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er zu DDR-Zeiten regelmäßig Kontakte zur Stasi hatte. Als Jurist für die Evangelische Kirche........

© Berliner Zeitung


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