Was trägt der Teufel? Anna Wintour und Melania Trump sind uneins über guten Stil

Anna Wintour mag nicht mehr Chefredakteurin der amerikanischen Vogue sein (sie ist seit 2025 Global Editorial Director and Chief Content Officer for Condé Nast), aber sie setzt immer noch den Ton auf den heiligen Seiten der Modebibel. In einem Interview, das Wintour gemeinsam mit Schauspielerin Meryl Streep in der aktuellen Ausgabe der US-Vogue gab, geriet Wintour ins Schwärmen über die ehemalige First Lady Michelle Obama. Sie lobte ihre stilistische Souveränität und die Fähigkeit, trotz wechselnder Designer stets „sie selbst“ zu bleiben. Auch die New Yorker First Lady Rama Duwaji hob sie als modern und eigenständig hervor.

Als es um Melania Trump ging, wurde der Ton spürbar kühler. Wintour stellte die Notwendigkeit klassischer „Power Suits“ infrage – ein subtiler Seitenhieb auf einen Stil, der über Jahre hinweg zum Markenzeichen der First Lady geworden ist. Zwar räumte sie ein, dass auch Melania „immer wie sie selbst“ wirke, doch das Lob blieb auffallend zurückhaltend.

Die kaum verhohlene Kritik hat eine Vorgeschichte. Bereits während Donald Trumps Präsidentschaft war Melania Trump nie auf dem Cover der US-Vogue erschienen – ein Bruch mit der Tradition, First Ladies prominent zu inszenieren. Melania wiederum warf dem Blatt wiederholt Voreingenommenheit vor. Wintour erwiderte, Mode sei nicht unpolitisch, und ein Magazin dürfe Position beziehen.

Kaum ein Kleidungsstück steht so sehr für die Ambivalenz der republikanischen First Lady wie die Jacke, die Melania Trump 2018 bei einem Besuch eines Auffanglagers für Migrantenkinder trug. „I really don’t care. Do U?“ (zu Deutsch etwa: „Mir ist es wirklich egal, und Ihnen?“) stand darauf – ein Satz, der weltweit Empörung auslöste. Während Kritiker darin ein Zeichen mangelnder Empathie sahen, erklärte Melania später, die Botschaft habe sich gegen die Medien gerichtet.

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Auch Meryl Streep griff dieses Beispiel im Interview auf – und deutete es als Beleg dafür, wie Kleidung politische Aussagen transportiert, ob beabsichtigt oder nicht. Mode werde so zum Spannungsfeld zwischen persönlichem Ausdruck und öffentlicher Erwartung, insbesondere für Frauen in Machtpositionen.

In dieser Frage liegt letztlich auch der Kern der Kritik. Wintours implizite Botschaft: Wahre stilistische Autorität entsteht nicht durch uniformierte Stärke, sondern durch Authentizität. Melania Trumps Mode hingegen bleibt – zumindest aus Sicht der Modepäpstin – ein kontrolliertes Bild, das selten über sich selbst hinausweist. Ähnlich wie eine kürzlich über sie erschienene Dokumentation: 108 Minuten Hybris.

Der Konflikt zwischen Wintour und Trump ist damit mehr als ein ästhetischer Dissens. Er spiegelt zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was guter Stil ist: politisch wie optisch. Ob kalkulierte Spitze oder ehrliche Kritik – das Wiederauflebenlassen dieser alten Debatte wirkt wie eine perfekte PR-Aktion für den bald startenden zweiten Teil von „Der Teufel trägt Prada“ – ein Film basierend auf dem Roman von Lauren Weisberger, die früher Assistentin bei der US-Vogue war. Die Figur der mächtigen Chefredakteurin Miranda Priestly, gespielt von Meryl Streep, gilt weithin als stark von Anna Wintour inspiriert. Der Kinostart des Films in Deutschland ist der 30. April 2026.


© Berliner Zeitung